Geheimfavorit Kroatien - der große Wurf fehlt noch

UEFA Euro 2016 - Kroatien gegen Tschechien

Geheimfavorit Kroatien - der große Wurf fehlt noch

Von Marco Schyns

Kroatien hat einen überzeugenden EM-Start hingelegt. Gegen Tschechien kann bereits das Achtelfinal-Ticket gebucht werden. Aber ist nicht noch viel mehr drin für die Truppe um Superstar Luka Modric?

Seit Kroatien 1996 erstmals als eigenständige Nation an einer Fußball-Europameisterschaft teilgenommen hat, ist der WM-Dritte von 1998 nie über das Viertelfinale hinausgekommen. Zuletzt, 2012 in Polen und der Ukraine, war sogar nach der Vorrunde Schluss.

Nun zählt Kroatien nicht zu den ganz großen Fußball-Nationen in Europa. Einen Titel konnten die Südosteruopäer noch nie holen, der dritte Platz bei der WM 1998 ist der größte Erfolg der Geschichte. Und doch bringt das Land immer wieder herausragende Fußballer hervor - von Davor Suker, WM-Torschützenkönig 1998, bis Luka Modric, zweifacher Champions-League-Sieger von Real Madrid.

Modric sichert Auftaktsieg

Eben jener Modric war der entscheidende Mann beim EM-Spiel am vergangenen Sonntag (12.06.16) gegen die Türkei. Sein Volley-Tor aus rund 20 Metern Entfernung sicherte den Kroaten den wichtigen Auftaktsieg in der vermeintlich schwersten Gruppe der EM. Vor dem Aufeinandertreffen mit Tschechien am Freitag (17.06.16) ist die Ausgangslage klar: Mit einem zweiten Erfolg kann sich Kroatien bereits das Ticket für die nächste Runde sichern.

Davon wollen die Spieler von Nationaltrainer Ante Cacic aber noch nichts wissen. "Wir haben die schwerste Gruppe erwischt. Der Auftaktsieg ist nichts wert, wenn wir uns nicht gut auf die nächsten Spiele vorbereiten", warnte Ivan Rakitic nach dem Türkei-Spiel.

Perisic überzeugt gegen die Türkei

Der Mittelfeld-Star des FC Barcelona gehörte, trotz einer starken Teamleistung im ersten Spiel, zu den unauffälligeren Akteuren. Dafür überzeugte neben Torschütze Modric vor allem Ivan Perisic. Der Ex-Wolfsburger, inzwischen bei Inter Mailand aktiv, beackerte die linke Offensivseite und spielte zahlreiche Torchancen heraus.

Der 27-Jährige haderte nach der Partie damit, dass der Erfolg gegen schwache Türken zu niedrig ausgefallen war. Er hatte nicht Unrecht: Neben Milan Badelj, Darijo Srna (je zwei Großhancen) und Marcelo Brozovic (drei Großchancen) traf Perisic selbst in der 72. Minute mit einem Kopfball nur die Querlatte. "Wir haben eine gute Mannschaft mit guten Spielern beisammen", so Perisic: "Das bringt uns aber alles nichts, wenn wir es nicht schaffen, das auf den Rasen zu bringen."

Ein bischen mehr Euphorie darf es dann doch sein. Oder zumindest weniger Zweifel. Denn die Leistung der Kroaten zählte zu den stärksten am ersten Spieltag. Zudem haben Spieler wie Vedran Corluka bewiesen, dass sie so schnell nichts umwirft.

Der Verteidiger hatte sich im ersten Durchgang gegen die Türkei eine Wunde am Kopf zugezogen, die später immer wieder aufplatzte - insgesamt gab es drei Behandlungspausen und Turbanverbände. Und trotzdem ging Corluka noch in der Nachspielzeit mit vollem Körpereinsatz in die Zweikämpfe im Strafraum.

Erst Tschechien, dann der Titelverteidiger

Wenn die Kroaten diese Leidenschaft beibehalten und ihre spielerische Klasse noch häufiger in Torerfolge ummünzen, dürfte weitaus mehr als nur das Achtelfinale drin sein bei dieser Europameisterschaft. "Wir sind uns bewusst, dass wir gut sind und gegen jede Mannschaft auf der Welt gewinnen können", hatte Trainer Ante Cacic vor der Euro selbstbewusst verlauten lassen.

Eine Standortbestimmung, wo Kroatien in Sachen Favoritenstatus bei dieser EM tatsächlich steht, gibt es spätestens am letzten Gruppenspieltag. Dann wartet Titelverteidiger Spanien. Vorher aber soll gegen Tschechien das Achtelfinale perfekt gemacht werden. Der Party-Terminplan steht bei aller Zurückhaltung jedenfalls schon: "Wenn wir gewinnen, werden wir die Qualifikation für die K.o.-Runde alle gemeinsam feiern. Wir werden uns betrinken. Ich denke zwei, drei Bier würden dafür schon reichen", kündigt Teamchef Cacic an.

Stand: 17.06.2016, 07:54

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