Kommentar - die UEFA ist nicht konsequent

Urteil nach Ausschreitungen gegen Russland

Kommentar - die UEFA ist nicht konsequent

Von Marco Schyns

Nach den schweren Krawallen bei der EM in Frankreich hat die UEFA den russischen Verband lediglich mit einer Geldstrafe belegt. Das milde Urteil zeigt einmal mehr, dass der Verband seinen eigenen Prinzipien nicht konsequent folgt.

"We care about football", heißt der Slogan der UEFA. Klingt toll. Aber stimmt das auch? Der europäische Fußballverband predigt stets Prinzipien wie "Respekt" und "No to racism" - hat nun aber einmal mehr bewiesen, dass er beides bei politischen Urteilen nicht so hoch bewertet, dass es zu drastischen Maßnahmen kommt.

Das milde Urteil – Ausschluss auf Bewährung und Geldstrafe – gegen den russischen Verband nach den schweren Ausschreitungen beim EM-Gruppenspiel gegen England in Marseille ist bezeichnend für die Politik der UEFA. Und daher auch nicht überraschend. Respekt vor den Fans? Nur begrenzt.

Alibi-Urteile

Im Grunde ist die Politik der UEFA schnell erklärt: Werte des Fußballs anpreisen, bei negativen Vorfällen mit großer Empörung reagieren, gerne auch in einem wütenden Statement - und dann milde Urteile fällen. Die Frage ist: Warum? Will man wichtige Sponsoren oder Verbände nicht verägern? Will man die Fußballteams schützen, weil sie nichts mit den Idioten auf den Rängen zu tun haben?

Statt wirklich hart durchzugreifen und empfindliche Strafen auszusprechen – Punktabzug, Fan-Auschluss oder sogar Turnier-Ausschluss für den Wiederholungstäter Russland – werden letztlich Alibi-Urteile gefällt. Die meistens nur so weit gehen, dass gerade der Eindruck entsteht: Die UEFA kümmert sich.

So wie beim ersten offiziellen Statement am Tag nach den Krawallen: "Das UEFA-Exekutivkomitee hat beide Fußballverbände gewarnt, dass es nicht zögern werde, beide Verbände mit zusätzlichen Strafen zu belegen." Auch von einem "möglichen Ausschluss" vom Turnier war dort die Rede.

Russlands Sportminister und Verbandschef Witali Mutko, der in Marseille vor Ort war, hatte jedoch bereits damit gerechnet, dass die Strafe "mild" ausfallen wird. "Das Maximum ist wohl eine kräftige Geldstrafe", hatte dieser kurz nach dem Spiel auf die Frage nach dem zu erwartenden Strafmaß geantwortet. Er behielt nun Recht. Möglicherweise weil er bereits Erfahrungen mit Urteilen der UEFA machen konnte.

Ähnliche Vorfälle schon 2012

Schon bei der EM 2012 waren russische Fans negativ aufgefallen, auch damals ging es um rassistisches Verhalten und das Werfen von Feuerwerkskörpern. Die UEFA drohte damit, Russland für die darauffolgende EM-Qualifikation sechs Punkte abzuziehen. Dazu kam es nicht. Auch damals kam der russische Verband mit einer Geldstrafe von 120.000 Euro davon. Diesmal sind es eben 30.000 Euro mehr.

Weil auch national das Problem bekannt ist, ist Russland mehr als nur ein Wiederholungstäter. Grundsätzliche Probleme mit rechtsradikalen und gewaltbereiten Hooligans werden in dem Land offenbar hingenommen und akzeptiert – die UEFA drängt schließlich nicht entschlossen darauf, dass der russische Verband etwas dagegen unternimmt.

ZSKA schon mehrfach auffällig

Einzig auf Klubebene hat die UEFA schon empfindliche, aber immer noch sportlich verkraftbare, Urteile ausgesprochen. Meister ZSKA Moskau wurde beispielsweise schon häufiger mit "Geisterspielen" vor leeren Rängen bestraft - wegen rassistischer Vorfälle.

Solche Schmähgesänge oder Jagdszenen wie die in Marseille dürfen nicht als Kavaliersdelikt abgetan werden. "Den Sport müssen wir schützen und verteidigen", sagte die UEFA nach den Vorfällen in Marseille.

Sie sollte endlich damit anfangen. Womöglich bekommt sie noch während dieser EM die Gelegenheit dazu. Denn sollte tatsächlich der Wiederholungsfall bei russischen Spielen eintreten, ist die UEFA unter Zugzwang. Sie ist jetzt gewissermaßen selbst auf Bewährung.

Stand: 14.06.2016, 15:00

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