Sigurdsson gibt bei Island den Takt vor

Vor Auftaktmatch gegen Portugal

Sigurdsson gibt bei Island den Takt vor

Von Robin Tillenburg

Im Mittelfeld von EM-Debütant Island spielt Gylfi Sigurdsson eine tragende Rolle. Die Portugiesen sollten sich im Auftaktspiel vor allem vor seinen Distanzschüssen in Acht nehmen, von denen man in den Niederlanden ein schmerzvolles Lied singen kann.

Wer mit 26 Jahren schon für sechs Vereine Profifußball gespielt hat, der steht pauschal erst einmal im Verdacht, es mit der Vereinstreue nicht ganz so genau zu nehmen, oder eben nirgendwo so richtig den Durchbruch geschafft zu haben. Im Falle von Sigurdsson trifft weder das eine, noch das andere wirklich zu.

Immer wieder Swansea

Der offensive Mittelfeldspieler hat eigentlich bei keinem seiner Vereine so richtig enttäuscht. Weder zum Karrierestart als Jungspund bei Shrewsbury Town, Crewe Alexandra oder dem FC Reading, mit denen er die unteren Profiligen Englands durchlief, noch im Kraichgau, wo er nach seinem Wechsel zur TSG 1899 Hoffenheim spielte. Zum Start der Saison 2011/12 war er dort nach einer starken Debütsaison zuvor verletzt und bekam keine echte Chance mehr. So zog es ihn, der unbedingt spielen wollte, zurück auf die Insel - zunächst auf Leihbasis zu Swansea City.

Dort spielte er dann so überragend, dass Tottenham Hotspur ihn für die kommende Saison verpflichtete. An der White Hart Lane kam er zwar regelmäßig zum Einsatz, konnte dem Spiel aber nicht ganz so prägend seinen Stempel aufdrücken. Letztendlich führte ihn sein Weg dann doch nach zwei Jahren wieder zu "seinem" Verein in Großbritannien - zurück zu Swansea.

Hollands Albtraum

In der abgelaufenen Saison spielte Sigurdsson dort vor allem in der Rückrunde eine überragende Rolle. Seit dem 2. Januar erzielte er in 16 Partien stolze neun Treffer, als Mittelfeldspieler wohlgemerkt. Freistöße, Elfmeter, Distanzschüsse mit dem linken oder dem rechten Fuß - egal. Der Mann aus Reykjavik ist nahezu immer in der Lage, aus unmöglich scheinenden Situationen ein Tor zu erzielen.

Diese Qualität trug auch maßgeblich dazu bei, die Wikinger zur Europameisterschaft zu schießen. In der EM-Qualifikation erzielte er bei seinen acht Auftritten sechs Tore, gab dazu noch eine Vorlage. Die Niederländer dürften ihn beispielsweise so gar nicht in guter Erinnerung haben. Bei dem 2:0-Sieg im Hinspiel und auch beim 1:0 im Rückspiel schoss er alle drei Treffer und verbannte die Elftal damit quasi im Alleingang auf die Couch.

Sportlicher Anführer

Im Team von Lars Lagerbäck spielt er nominell oft auf der Sechserposition, ist faktisch aber mehr ein "Achter" oder ein etwas defensiverer Spielmacher. Die Abwehrarbeit übernimmt neben ihm größtenteils Kapitän Aron Gunnarsson. Wenn es sein muss, ist Sigurdsson sich aber auch für die ein oder andere Grätsche nicht zu schade.

Im - ohne die Mannschaft irgendwie abwerten zu wollen - "No-Name-Kader" Islands ist Sigurdsson so etwas wie der sportliche Star der Mannschaft. Er bestimmt das Tempo, erzielt wichtige Tore und richtet seine Teamkollegen auf. Im Ansehen in seiner Heimat ist er wohl die Nummer zwei oder drei hinter Kapitän Gunnarsson und natürlich dem unbestrittenen Superstar, Routinier Eidur Gudjohnsen - inzwischen 37 Jahre alt und 2009 Champions-League-Sieger mit dem FC Barcelona.

Die Euro als Sprungbrett in die Königsklasse?

Dass Sigurdssons Titelsammlung bis jetzt noch leer ist, muss nicht unbedingt so bleiben. Denn nach seiner überzeugenden Rückrunde sind einige ambitionierte europäische Teams dem Vernehmen nach auf ihn aufmerksam geworden. Borussia Dortmund wird genannt, aber auch Leicester City.

Eine überzeugende EM-Vorrunde, an deren Ende möglicherweise sogar der Achtelfinaleinzug stünde, dürfte nicht nur seinen Marktwert, der auf etwas über 10 Millionen Euro taxiert wird, noch einmal in die Höhe treiben, sondern könnte ihn bei den Fans seines Heimatlandes auf der Beliebtheitsskala ganz nach oben katapultieren. Mit seinem Traumtoren, die er erwiesenermaßen regelmäßig zu erzielen vermag, hat er definitiv das Potenzial dazu.

Die Portugiesen sind vor dem Auftakt gegen den EM-Neuling also auf jeden Fall gut beraten, Gylfi Sigurdsson nicht zu viel Platz zu geben, wollen sie keine böse Überraschung erleben. Man könnte ja mal in Holland nachfragen.

Stand: 14.06.2016, 08:30

Darstellung: