Partyotismus - Zwischen Willkommenskultur und Gewalt

Interview mit dem Fanforscher Robert Claus

Partyotismus - Zwischen Willkommenskultur und Gewalt

Robert Claus arbeitet für die Kompetenzgruppe Fankulturen & Sportbezogene Soziale Arbeit (Kofas). Seine Schwerpunkte sind Rechtsextremismus, Hooliganismus und Gewaltprävention. Im Interview spricht er über den deutschen Party-Patriotismus vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingssituation und die Chancen der Willkommenskultur.

sportschau.de: Herr Claus, es bricht wieder die Zeit der Deutschland-Beflaggung an den Autospiegeln und auf den Wangen an. Woher kommt dieser "Partyotismus" (Kunstbegriff für "Party-Patriotismus", Anm. d. Red.)?

Dass Menschen sich massenhaft in Nationalfarben schmücken ist en vogue seit den Weltmeisterschaften 2006 und vor allem 2010, als ein junges, migrantisch geprägtes Team überraschend erfolgreich abschnitt. Das war eine Initialzündung. Vorher standen Deutschlandfahnen am Auto im Ruf, rechts zu sein. Der Slogan "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein", kam klar aus dem extrem rechten Spektrum.

Der renommierte Soziologe Wilhelm Heitmeyer nannte den Party-Patriotismus 2006 "gefährlichen Unsinn und ein Stück Volksverdummung". Im Abschlussbericht der Bundesregierung war die Rede von einem harmlosen, weltoffenen Patriotismus. Was ist  zutreffend?

Man muss differenzieren: Große Teile der deutschen Fans wollen einfach nur ihre Mannschaft anfeuern. Was die Untersuchung von  Heitmeyer zeigt ist, dass Nationalismus und Patriotismus immer eine Wir-Gruppe formen, die darauf basiert, andere auszuschließen – es wird definiert, wer dazu gehört und wer nicht. Der Fußball bietet sich dafür an, weil es per se um ein Wir-gegen-die-Anderen geht. Insbesondere bei der EM um eine Konkurrenz der Nationen. Der Weg hin zur Abwertung ist kurz. Das passiert zunächst auf einer Einstellungsebene.

Was passiert auf der Verhaltensebene?

Das haben wir zum Beispiel 2006 gesehen. Nach der Halbfinalniederlage gegen Italien sind viele Leute nicht mehr in italienische Restaurants gegangen. In der Extremform kann es sich auch in Gewalt äußern. Es gab auch Übergriffe gegen nichtdeutsche Fans auf den Fanmeilen und Angriffe auf Dönerläden. Berichte darüber haben es aber meist nicht in die überregionale Presse geschafft.

Viele haben vor allem 2006 die Tatsache, dass auch hier lebende Türken zu Deutschland halten und schwarz-rot-gold tragen, als Argument für die Weltoffenheit des Partyotismus bemüht. 

Natürlich setzen sich Menschen, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, mit dem Land auseinander, in dem sie leben. Doch sollte die Mehrheitsgesellschaft vorrangig auf sich selber schauen und fragen: Hat sich Deutschland seither mehr geöffnet? Und hier ist die Entwicklung ambivalent: Einerseits wird Deutschland vielfältiger. Andererseits haben Pegida und andere neue rechte Bewegungen den Begriff des Patriotismus in den vergangenen Jahren wieder stark völkisch besetzt. Hinzu kommt die explodierende Zahl von extrem rechten und rassistischen Angriffen.

Für Aufregung sorgte zuletzt der AfD-Politiker Alexander Gauland, der über Jerome Boateng sagte, die Deutschen sähen ihn zwar gerne in der Nationalmannschaft, aber nicht so gerne als Nachbarn. 

Die Frage um das Selbstverständnis der Nationalmannschaft prägt den Fußball spätestens seit dem WM-Gewinn der französischen Mannschaft 1998 sowie der deutschen Einbürgerung von Paulo Rink um die Jahrtausendwende. Seither hält die Debatte an. Es gab schon 2006 von der NPD einen Kalender mit dem Titel "Weiß ist nicht nur eine Trikotfarbe". Gauland will ganz klar im extrem rechten Lager fischen.

In der Reaktion auf die Gauland-Äußerungen zeigt sich Fußball-Deutschland weltoffen und tolerant. Ist der durchschnittliche deutsche Fan ein Befürworter von Migranten in der Nationalelf?

Was ist der durchschnittliche Fan? Heitmeyer hat in einer Langzeitstudie nachgewiesen, dass über zwanzig Prozent der Deutschen konstant rassistische Einstellungsmuster zeigen. Nimmt man den durchschnittlichen Fan als durchschnittlichen Staatsbürger, lässt sich das übertragen. Es gibt jedoch eine Besonderheit im Fußball: eine Art Leistungsnationalismus, der einerseits integrativ wirkt, weil er Leistung belohnt, andererseits ausschließende Folgen hat bei fehlendem Erfolg. Schon im Vorfeld der WM 2014 wurde Mesut Özil kritisiert, weil er die Hymne nicht singe, sich nicht identifiziere. Vor allem aber, weil er gerade nicht so gut spielte. So lange die Leistung stimmt, sind Migranten anerkannt. Bleibt diese aus, kehrt der Rassismus schnell wieder an die Oberfläche zurück.

Kritik am Partyotismus ist schwierig. Die Grüne Jugend z.B bekam viel Gegenwind für ihre "Patriotismus?-Nein-Danke"-Aufkleber bei der WM 2010? Warum ist das so?

Ein Teil der Bevölkerung hat den starken Wunsch, sich unkritisch mit der Nation zu identifizieren, einem größeren Kollektiv anzugehören. Fußball hat immer schon als Projektionsfläche hierfür gedient, auch wenn es hieß, Politik müsse außen vor gelassen werden. Das verkennt jedoch völlig die große gesellschaftliche Rolle des Fußballs. Es braucht also eine kritische Auseinandersetzung um den inhaltlich ungefüllten Begriff des Partyotismus: Nicht nur feiern, sondern demokratische Werte fördern. Ganz niedrigschwellig: Mitbestimmung, Teilhabe und Anerkennung.

Wie bewerten Sie den Party-Patriotismus vor dem aktuellen Hintergrund der Flüchtlingssituation in Deutschland und dem Diskurs von AfD und Co.?

Er eröffnet Risiken, aber auch Chancen. Risiken sind sicher gewaltsame Übergriffe, gerade im Falle des Misserfolgs. Aber die Willkommenskultur aus dem vergangenen Herbst kann man auch auf die WM übertragen. Wenn Willkommensinitativen gemeinsam mit Geflüchteten Fußball schauen und darüber in Kontakt kommen, ist das toll.

Das Interview führte Christian Steigels.

Stand: 09.06.2016, 08:16

Darstellung: