Graziano Pellè - der Spätstarter

Italiens überraschender Stürmer

Graziano Pellè - der Spätstarter

Von Jörg Strohschein

Vor dem EM-Turnier in Frankreich war Graziano Pellè wohl nur Insidern bekannt. Nun hat sich der italienische Angreifer einen Namen auf Europas großer Bühne gemacht. Der 30-Jährige hat einen außergewöhnlichen Werdegang hinter sich.

Ausgiebiger kann ein Stürmer seine Tore kaum noch bejubeln. Wenn Graziano Pellè den Ball bei der EM in Frankreich über die gegnerische Torlinie befördert, breitet der 30-Jährige seine Arme aus, schreit seine Freude unverhohlen heraus und möchte dabei scheinbar am liebsten die ganze Welt umarmen. Pellè ist der Mann der Stunde in der italienischen Nationalmannschaft - und der Angreifer gehört zu den großen Überraschungen des Turniers.

Wohl nur die wenigsten Fußballfans wussten vor dieser Europameisterschaft, was dieser bis dahin auf der internationalen Fußballbühne weitgehend unbekannte Pellè zu leisten imstande ist. Spätestens nach der Achteltelfinalpartie gegen Spanien dürfte sich allerdings europaweit herumgesprochen haben, dass Pellè vor allem eine große Bereicherung für die "Squadra Azzurra" ist.

Plötzlicher Aufstieg

Zwei entscheidende Tore gegen Belgien und Spanien hat Pellè bereits erzielt und seinem Team damit das Erreichen des Viertelfinales erleichtert. Während sich nicht nur die deutschen Fans fragen, woher dieser Stürmer plötzlich kommt, ist auch Pellè selbst überrascht von seinem plötzlichen Aufstieg. "Ich bin richtig glücklich, wenngleich es mich für die Mannschaft, alle Mitarbeiter hinter dem Team und vor allem die Fans noch mehr freut", sagte Pellè nach dem Sieg gegen Spanien.

Natürlich ist Graziano Pellè in seiner aktuellen Liga, der englischen Premier League, ein erfolgreicher Stürmer. Für den FC Southampton traf er in 30 Partien elf Mal. In der Saison davor erzielte er in 38 Partien zwölf Tore. Und doch ist die EM-Teilnahme für Pellé eine Beförderung in ungeahnte Höhen.

Ausbildung als Tänzer

Erst mit 29 Jahren wurde er von Trainer Antonio Conte für das Nationalteam berufen. Und bei seinem Debüt traf er gleich zum 1:0-Sieg über Malta in der EM-Qualifikation. Pellè ist ein Spätstarter in vielerlei Hinsicht.

Schon als Heranwachsender war zu erkennen, dass er über besondere Fähigkeiten nicht nur vor dem gegnerischen Tor verfügt. Pellé, der in einem Vorort der süditalienischen Stadt Lecce aufwuchs, schaffte bereits mit 18 Jahren den Sprung ins Serie A-Team von US Lecce und spielte erst für das U20- und später auch für das U 21-Nationalteam.

Obwohl er so groß (1,93 Meter) und schlacksig war, verfügte er über eine ungewöhnlich gute Beweglichkeit und Koordination. Der Grund liegt in seinem ungewöhnlichen Werdegang. "Meine Mutter wollte, dass ich tanze, mein Vater, dass ich Fußball spiele. Also tat ich beides", sagt Pellè, der mit seiner Schwester einst italienischer Meister im lateinamerikanischen Tanz wurde. Pellè hat sich die nötige Körperbeherrschung auf diese Weise antrainiert.

Zufällige Fügung des Schicksals

Und doch verlor der junge Graziano Pellè irgendwann den Anschluss, wohl auch, weil er sich nicht ausschließlich auf seinen Beruf konzentrierte. Er wurde mehrfach ausgeliehen, zumeist in die italienische Serie B, wo er kaum auffiel. Doch im Jahr 2007 ging er zu AZ Alkmaar in die holländische Liga zu Louis van Gaal, wo er zwar Meister wurde, aber selbst kaum erfolgreich spielte. Zurück in Italien in Parma spielte er erneut kaum eine Rolle.

Bei einem Ibiza-Urlaub sollte sich sein Blatt allerdings wenden. Dort traf er zufällig den Sohn von Ronald Koeman, der damals Trainer von Feyenoord Rotterdam war. Koeman junior meinte es gut mit Pellè und stellte einen Kontakt zum Vater her. In Rotterdam erzielte Pellè 27 Tore in 29 Partien. Im Jahr darauf waren es noch 23 Treffer.

Konzentration auf Fußball

"Ich habe immer an mich geglaubt. Aber es ist eine Sache zu denken, dass man gut ist, aber eine völlig andere, das auch zu zeigen", sagt Pellè, der bei seiner zweiten Station in Holland endgültig seine Professionalität entdeckte und sich voll und ganz auf den Fußball konzentrierte.

Das sollte sich auszahlen und bedeutete seinen späten Durchbruch. Koeman nahm Pellè mit nach Southampton, wo sich die jüngere Erfolgsgeschichte für den Italiener fortsetzte. Die deutsche Nationalelf wird am Samstag im Viertelfinale jedenfalls gut auf den Spätstarter Pellè achten müssen.

Stand: 30.06.2016, 08:30

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