Eine Woche EM - von Streiks, Bier und Ohrwürmern

"Will Grigg's on fire" - Nordirlands Fans brachten das Lied der EM mit.

Zwischenbilanz

Eine Woche EM - von Streiks, Bier und Ohrwürmern

Von Chaled Nahar (Frankreich)

Die EM ist eine Woche alt - und hat einige Trends abseits der Spielfelder hervorgebracht. Reisen ist problematisch, einige Lieder sind obligatorisch und am Spielende haben immer eine Menge Leute plötzlich einen Ball.

Seit einer Woche reise ich durch Frankreich, um für sportschau.de von den Spielen und den Ereignissen in den Spielorten zu berichten. Neben den Spielen sind manch kuriose Dinge in Erinnerung geblieben.

Die Ohrwürmer

Ohne jeden Zweifel ist ein Lied allgegenwärtig, und zwar "Will Grigg's on fire!". Die Melodie entstammt einem Song, der schon 1996 furchtbar war - "Freed from Desire" von einer Band namens "Gala". 20 Jahre später ist dieses Lied Gassenhauer von Lille bis Bordeaux.

Anfangs war nur Will Grigg aus Nordirland "on fire". Irgendwann suchten sich die Engländer Jamy Vardy als nächsten Fire-Kandidaten aus, bei ihren Spielen schallt das Lied genauso durch die Straßen wie bei denen der Nordiren. Im Laufe des Turniers haben beide Teams nun gegen viele andere Mannschaften gespielt, bei denen jetzt auch immer irgendwer "on fire" ist - im Zweifel der, der das nächste Bier holt. Das übrigens meistens bei der zweiten Strophe über die Mitreisenden ausgegossen wird.

Darüber hinaus haben die Engländer das wohl am zweithäufigsten gesungene Lied mitgebracht. Und das geht so: "Don't take me home/please don't take me home/I Just don't wanna go to work/I wanna stay here drink all your beer/please don't please don't take me home." Die Melodie stammt aus dem Country-Song "Achy Breaky Heart".

Briten überall

Haben Fahnen: Die Engländer und ihre wichtigste Ausrüstung sind überall.

Haben Fahnen: Die Engländer und ihre wichtigste Ausrüstung sind überall.

Sie sind zu Zehntausenden gekommen, jetzt wollen die Engländer neben Bier trinken vor allem eines: Fußball gucken. In jedem Stadion hängen zahlreiche Flaggen mit dem Georgskreuz. Auch die anderen Mannschaften von den britischen und irischen Inseln sind mit bemerkenswert zahlreichen Fans angereist.

Nordiren, Waliser und selbst Fans der nicht qualifizierten Schotten sind in fast jedem Stadion anzutreffen - aber auch viele deutsche Anhänger, die nach den genannten am reisefreudigsten zu sein scheinen.

Reisen und Streiks

Fans warten auf einem kleinen Bahnhof in Toulon zwischen Marseille und Nizza.

Fans warten auf einem kleinen Bahnhof in Toulon zwischen Marseille und Nizza.

Kraft und Nerven gehen aber gerade bei den Reisen drauf. Der Streik als Protest gegen das geplante neue Arbeitsrecht hat in der französischen Bevölkerung viele Befürworter, denn die Einschnitte für Arbeitnehmer sind enorm. Als Reisender muss man aber stets mit dem Ernstfall rechnen, sein Ziel nicht oder später als geplant zu erreichen. Für Fans und Journalisten, die pünktlich an den Spielorten sein wollen, ist das ein großes Problem.

Die Leute bei den Demos kommen aus vielen Schichten und aus allen Altersgruppen. Ein Demonstrant sagte bei einer Veranstaltung in Lyon: "Dieses Turnier und sein Ablauf interessieren mich nicht. Es geht um unsere Zukunft." Der Tenor ist bei allen Teilnehmern derselbe.

Was neben dem Streik problematisch ist: Nach den Spielen werden die Fahrkarten für die Züge meistens am Eingang zur Bahnhofshalle kontrolliert statt im Zug. Das führt zu langen Schlangen vor dem Bahnhof und Unmut bei den Leuten, die einen der wenigen Züge, die überhaupt fahren, deshalb verpassen.

Terror? Hooligans!

Die EM gilt spätestens seit den Ereignissen beim Spiel England gegen Russland als die EM der Schläger. Die Frage nach Angst vor terroristischen Anschlägen ist fast komplett abgelöst worden. Vor Beginn des Turniers hatten Gespräche in Cafés und Kneipen schnell zu der Schlussfolgerung geführt: "Wir haben alle Angst!" Und zwar in Bezug auf Terror.

Doch die Angst ist nun weitgehend eine andere. Das Turnier wird von einigen als Bühne genutzt, die Gewalt von russischen und deutschen Hooligans in Marseille und Lille ist auch angesichts der eher schwachen sportlichen Darbietungen bislang das Gesprächsthema der EM. In den Zügen zwischen den Spielorten wird kaum ein Spiel diskutiert, sondern stets die Ausschreitungen - oder Joachim Löws Griff in den Maschinenraum.

Bälle für die Reichen

Spontaner Straßenfußball bei der EM mit VIP-Bällen

Spontaner Straßenfußball bei der EM mit VIP-Bällen

Auffällig ist, dass an jedem Spielort im Wichtigbereich nach Spielende die günstige Version des offiziellen Spielballs verschenkt wird. In ihrer Verzweiflung auf der Suche nach Karten bei gefragten Spielen kaufen aber selbst weniger wichtige und/oder hochnäsige Menschen Karten dieser Kategorie und stehen nach dem Spiel mit einem Ball auf der Straße.

Während die wahren VIPs die Trophäe möglichst unbefleckt nach Hause zu bringen versuchen, starten andere Leute das einzig richtige: eine Partie Straßenfußball, prima auch für Wartezeiten auf dem Bahnhofsvorplatz im Streikbetrieb.

Fan-Zonen - Ballerman en francais

Fan-Zone in Saint-Étienne

Fan-Zone in Saint-Étienne

Eine merkwürdige Errungenschaft bei den Europameisterschaften der vergangenen Jahre waren die Fan-Zonen. In Österreich und der Schweiz erwiesen sie sich als Flop, in Polen und der Ukraine gab es unterschiedliche Erfahrungen. In Frankreich gibt es ebenfalls zumindest wechselhafte Bilder. Manche Fan-Zonen sind voll, andere leer.

Fan-Zonen wirken wie große Jahrmärkte im Ballermann-Stil. Eine Großbildleinwand wird flankiert von zahlreichen teuren Fressbuden und Bierständen, zwischen den Spielen dröhnt laute Musik über die weitläufigen Plätze. Das Fan-Leben spielt sich allerdings eher in den Gassen der Spielorte ab. Gerade Städte wie Marseille oder Nizza bieten eine Außengastronomie, die deutlich attraktiver wirkt - so lange niemand mit Flaschen und Stühlen wirft.

Stand: 17.06.2016, 09:16

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