Deschamps fehlen die Verteidiger

Frankreich vor der EURO

Deschamps fehlen die Verteidiger

Frankreich gilt als einer der Mitfavoriten für die EM. Doch dem Gastgeber fehlen vor allem in der Abwehr wichtige Spieler - und die Nominierungen von Nationaltrainer Didier Deschamps sorgen für emotionale Diskussionen.

Französische Medien sehen das große Unheil beim Turnier schon aufziehen und fassen es mit dem Motto "La France sans défense" ("Frankreich ohne Abwehr") zusammen. Die Zeitung "Le Monde" schrieb über den Schwachpunkt: "Zehn Tage vor der EM drängt sich ein schmerzhafter Befund auf: Die französische Mannschaft krankt in der Abwehr."

Deschamps: "Ich habe keine Perfektion erwartet"

Zahlreiche Innen- und Außenverteidiger werden das Turnier verpassen. Mamadou Sakho (Liverpool FC) wurde positiv auf Doping getestet, und wird trotz abgelaufener Sperre nicht berufen. Verletzt fehlen Mathieu Debuchy (Girondins Bordeaux), Kurt Zouma (FC Chelsea), Aymeric Laporte (Athletic Bilbao), Benoît Trémoulinas (FC Sevilla), Jérémy Mathieu (FC Barcelona) und - wohl am schwersten zu verkraften - Raphaël Varane (Real Madrid).

Varane ist der eigentliche Abwehrchef Frankreichs, neben Paul Pogba und Antoine Griezmann war er bisher eine der entscheidenden Stützen gewesen. Er hätte mit Arsenals Laurent Koscielny (Stand Mittwoch unverletzt) das Duo in der Innenverteidigung bilden sollen. Nun wird wohl Patrice Evra in der Innenverteidigung gesetzt sein.

Denn die Idee von Deschamps, Adil Rami (FC Sevilla) nachzunominieren, wird in Frankreich kritisch kommentiert - erst recht nach dem Auftritt im Test gegen Kamerun, den die Mannschaft nur mühevoll mit 3:2 gewann. Die Probleme hinten wurden offensichtlich, wie schon in den vorherigen Testspielen. Deschamps sagt nur: "Ich habe keine Perfektion erwartet, aber der Geist ist da." Weitere Alternativen wären Samuel Umtiti (Lyon) und Eliaquim Mangala (Manchester City).

Auch Diarras Ausfall tut weh

Die Defensive trifft es am härtesten, jedoch nicht alleine. Lassana Diarra von Olympique Marseille, der im zentralen Mittelfeld wohl in der Wunschelf gestanden hätte, fällt ebenfalls aus. "So ist das Leben", sagt er in einer vom Verband verbreiteten Videobotschaft. Wegen einer Entzündung im linken Knie steht der 34-malige Nationalspieler nicht zur Verfügung. Für Diarra rückte Morgan Schneiderlin von Manchester United nach.

Vorne hat Deschamps viele Möglichkeiten

Deschamps versucht, den Blick auf die Stärken der Mannschaft zu lenken. Und die liegen ohne Zweifel in der Offensive. Paul Pogba, Olivier Giroud, Kingsley Coman, Antoine Griezmann, Anthony Martial, Dimitri Payet oder Andre-Pierre Gignac - vorne hat Deschamps völlig gegensätzliche Schwierigkeiten, indem er viele starke Spieler in einer Startformation unterbringen muss. Und das versucht er nun, als Mutmacher zu verkaufen. "Um ein Turnier zu gewinnen, ist die Defensive wichtig", sagt Deschamps. "Aber essenziell ist es, ein Tor mehr zu erzielen als der Gegner." Seine Botschaft: Die Spieler dafür habe er.

Mittlerweile ist auch Griezmann zur Mannschaft des EM-Gastgebers gestoßen. Er hatte am vergangenen Samstag mit Atlético Madrid das Champions-League-Finale gegen Stadtrivale Real verloren. Griezmann habe drei Tage gehabt, um sich davon zu erholen. "Ich zweifle nicht an seiner Lust und seiner Freude", betonte Deschamps.

Benzema und Cantona werfen Deschamps Rassismus vor

Doch auch vorne gibt es Probleme, die aber alleine in öffentlichen Diskussionen liegen. Denn auf Karim Benzema von Real Madrid verzichtet Deschamps freiwillig. Und damit ist der Stürmer gar nicht einverstanden. "Er hat sich dem Druck eines rassistischen Teils von Frankreich gebeugt", sagt Benzema und nahm Bezug auf die immer stärker werdende rechtsextreme Partei Front National. Der Sohn algerischer Einwanderer hat für Real Madrid in der Primera División 24 Tore erzielt, im Aufgebot Frankreichs fehlt er trotzdem. Sportliche Gründe ließ Benzema deshalb nicht gelten.

Benzema fehlt allerdings schon seit Ende 2015 in der Nationalmannschaft, und das ebenfalls nicht aus sportlichen Gründen. Bekannte des Stürmers hatten Benzemas Mitspieler Mathieu Valbuena (Olympique Lyon, fehlt ebenfalls im Aufgebot) mittels eines kompromittierenden Videos erpresst, Benzema soll auf Valbuena Druck ausgeübt haben, das geforderte "Schweigegeld" von 150.000 Euro zu zahlen. Ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft. "Auf sportlicher Ebene verstehe ich das nicht", sagt Benzema. "Und auf juristischer Ebene gelte ich solange als unschuldig, bis meine Schuld erwiesen ist."

Der frühere Nationalspieler Eric Cantona erhob ebenfalls Vorwürfe, Deschamps habe Benzema und Hatem Ben Arfa (OGC Nizza) wegen ihrer nordafrikanischen Herkunft nicht berufen. Deschamps hatte daraufhin seine Anwälte eingeschaltet. Hochrangige Politiker sprangen dem Trainer zur Seite, zumal der Kader durchaus multikulturell geprägt ist. Der nun nachnominierte Rami war zunächst nicht dabei und wählte bei der ihm zunächst verweigerten Berufung ebenfalls harte Worte: "Ich habe den Eindruck, dass er mich für keinen guten Jungen oder gar einen Schläger hält."

Belastete Vorbereitung auf Rumänien

Diese Diskussion und die Ausfälle belasten nun die Vorbereitung. Die Franzosen absolvieren bis zu ihrem finalen Testspiel am Samstag in Metz gegen Schottland noch ein Trainingslager im österreichischen Neustift. Die Franzosen sind am 10. Juni im Stade de France von Saint-Denis gegen Rumänien im Eröffnungsspiel gefordert. Weitere Gegner sind Albanien und die Schweiz.

nch/sid/dpa | Stand: 01.06.2016, 15:21

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