Die Gründe für Englands Scheitern

EM-Desaster gegen Island

Die Gründe für Englands Scheitern

England fuhr mit großen Hoffnungen und einem stark verjüngten Kader zur EM nach Frankreich. Doch für die Three Lions endete das Turnier in einem Desaster - die Gründe.

Immenser Druck

50 Jahre ist England in diesem Jahr ohne Titel. Nur bei der Heim-WM 1966 konnte das Mutterland einen großen Triumph feiern. Der Druck, das zu ändern, ist vor jedem großen Turnier immens hoch. Vor dem Achtelfinale gegen Island war das Team haushoher Favorit. "Es ist ein Spiel, das wir einfach gewinnen müssen und das überzeugend", schrieb der ehemalige Nationalmannschafts-Kapitän Alan Shearer in einer Zeitungs-Kolumne: "Eine Niederlage wäre die größte Peinlichkeit in der Geschichte unseres Nationalteams. Es ist undenkbar", so Shearer, der zudem erklärte: "Das Problem ist, dass die Spieler das wissen." Da sollte er Recht behalten. Der ein oder andere Akteur kam mit diesem Druck überhaupt nicht klar - und das in einem Spiel, in dem der Gegner rein gar nichts zu verlieren hatte.

Die Unerfahrenheit

Nach dem ernüchternden Vorrunden-Aus bei der WM 2014 in Brasilien hat Trainer Roy Hodgson den Umbruch weiter vorangetrieben. Er berief elf Turnierneulinge. Von der EM 2012 sind nur noch vier Profis dabei. Aus der vermeintlichen Goldenen Generation um David Beckham, John Terry, Steven Gerrard & Co., die jedes Mal bei großen Turnieren kläglich scheiterte, ist nur Wayne Rooney geblieben. England stellte mir einem Altersdurchschnitt von 25 Jahren und zehn Monaten nach Deutschland den zweitjüngsten Kader des Turniers, zudem mit dem 18-jährigen Marcus Rashford den jüngsten Spieler. Der Mangel an Erfahrung "wird durch unsere Jugend, unsere Energie und unseren Enthusiasmus wieder wettgemacht", sagte Hodgson vor dem Turnier. Da hatte er Unrecht. Gegen Island fehlte es an Ideen, an Überraschungsmomenten, an einem Konzept und an Gelassenheit. England war über weite Strecken dominant, konnte das aber nicht nutzen. Die Abwehrarbeit beim Ausgleichstreffer war naiv und fahrlässig. Die Defensive ließ sich von einem langen Einwurf überrumpeln. Die angesehene Zeitung "Times" schrieb: "Das war hirntoter Fußball, voll von Individuen in Panik." Doch gegen Island enttäuschten vor allem auch die sogenannten Leader. Wayne Rooney war in der zweiten Halbzeit völlig von der Rolle, Harry Kane war überhaupt nicht zu sehen.

Es fehlt an Nachwuchs

"Vor zwanzig Jahren waren 69 Prozent aller Spieler der Premier League spielberechtigt für England", erklärte Greg Dyke schon im September 2015 in einer Brandrede zu den Missständen des englischen Fußballs. "2013/2014 waren es nur noch 32 Prozent und der Wert sinkt weiter", sagte Dyke. Er muss es wissen, er ist Chef des englischen Fußball-Verbandes. Die finanzstarken Klubs aus der Premier League setzen lieber auf Spieler aus dem Ausland, statt den eigenen Nachwuchs zu fördern. "Es gibt für gute 18- bis 21-jährige unzureichende Spielmöglichkeiten in den Top-Vereinen. Und wenn wir jungen, englischen Fußballern nicht die Gelegenheit geben, ihr Höchstpotential zu erreichen, dann versagen wir", so Dyke: "Ich glaube wir haben eine Pflicht uns um den englischen Fußball zu kümmern und nicht nur um den Fußball, der in England gespielt wird." Damit beißt er bei vielen Klubs auf Granit, denn die gehören überwiegend Ausländern. Dyke nimmt sich Deutschland zum Vorbild. Nach dem frühen Aus bei der EM 2004 in Portugal setzte der DFB voll auf die Jugend und steckte viel Zeit und Geld in die Ausbildung von Talenten. Als Lohn feierte der Verband zehn Jahre später den Weltmeistertitel. Doch in England scheitert es schon daran, dass es nicht genügend Jugendtrainer gibt. Und die werden auch noch schlecht bezahlt, weil die Klubs lieber in Stars investieren.

Das ewige Torwartproblem

Joe Harts folgenschwerer Fehlgriff beim zweiten Gegentreffer war nicht der erste Fauxpas. Schon  beim knappen 2:1-Erfolg gegen Wales in der Gruppenphase hatte der Mann von Manchester City beim Führungstreffer von Gareth Bale gepatzt, gegen Island ließ er den haltbaren Schuss von Kolbeinn Sigthorsson passieren. "Ich bin verantwortlich für zwei der Tore, die wir im Turnier bekommen haben. Ich entschuldige mich dafür, dass ich unsere Niederlage und das Aus verschuldet habe", sagte der 29-Jährige: "Ich habe meine Leistung nicht gebracht." Wie so viele Torhüter vor ihm bei großen Turnieren: David James, Robert Green, Scott Carson, Paul Robinson, David Seaman - sie alle konnten im Nationaltrikot nicht überzeugen.

Premier League überschätzt

Die Premier League ist die reichste Liga der Welt, weil sie optimal vermarktet wird. Doch ist sie auch die beste? Wohl kaum. Mitreißenden Fußball gab es in den vergangenen Jahren selten, auch taktisch ist beispielsweise die Bundesliga weiter. Die hochdotierten Kader sind aufgebläht, weil die schwerreichen Klubs, nachdem die neuen, milliardenschweren TV-Verträge fix waren, scheinbar wahllos einkauften. "Die Premier League wird über Wert verkauft. Du kannst die wirklichen Topstars, die in England spielen, an einer Hand abzählen. Der Fußball ist nicht so stark, wie es scheint", sagt Ex-Liverpool-Spieler Didi Hamann und spricht von "B-Spielern". Das sind die Nationalspieler freilich nicht, doch auch sie leiden unter dem Niveau in der heimischen Liga.

Trainer gesucht

Es mangelt in England nicht nur an Topspielern, sondern vor allem auch an Top-Trainern. Und das Nationalteam braucht nach dem Rücktritt von Roy Hodgson jetzt einen neuen. Doch wer soll es machen? Als Favorit wird U21-Coach Gareth Southgate gehandelt, dem jedoch die Erfahrung auf internationaler Bühne fehlt. Ex-Queens-Park-Coach Harry Redknapp hat schon abgesagt, Ex-Liverpool-Trainer Brendan Rogers hat gerade bei Celtic Glasgow unterschrieben. Alan Pardew (54/Crystal Palace), Sam Allardyce(61/AFC Sunderland) und Eddie Howe (38/AFC Bournemouth) arbeiten bei mittelmäßigen englischen Klubs. Und Mittelmäßigkeit - davon haben die Engländer schon genug.

red/sid/dpa | Stand: 28.06.2016, 12:40

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