Sportschau misst die effizienteren Pässe

Ex-Profi Reinartz stellt Projekt vor

Sportschau misst die effizienteren Pässe

Von Marcus Bark

Die Sportschau wird bei der Europameisterschaft anhand von einer neuen Methodik die Qualität von Pässen messen. Ex-Profi Stefan Reinartz stellte sein Projekt vor, in dem Fußballdaten eine deutlich höhere Aussagekraft erhalten.

Brasilien liegt in den Statistiken vorn. Bei den Torschüssen mit 18:14, beim Ballbesitz mit 52:48 Prozent, bei den gefährlichen Angriffen mit 55:34, bei den Pässen innerhalb des Strafraums fällt es mit 19:11 deutlich aus. Auch das Ergebnis ist deutlich, sehr deutlich, außergewöhnlich deutlich sogar für ein Halbfinale einer Weltmeisterschaft: Deutschland gewinnt mit 7:1 gegen Brasilien.

"Tore bleiben die härteste Währung des Fußballs", sagt Stefan Reinartz. Doch es stört den Fußballprofi an diesem Abend des 8. Juli 2014, dass die Statistiken nicht im Entferntesten Aufschluss über die Effizienz geben. "Warum haben diese Statistiken keine Aussagekraft bezüglich des Ergebnisses?", fragt Reinartz, der gerade wegen zu häufiger Verletzungen seine Karriere schon mit 27 Jahren beendet hat, bei der Vorstellung seines Projekts im Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft in Ascona. 

Der qualitative Moment


Zusammen mit dem früheren Mannschaftskollegen Jens Hegeler, der heute für Hertha BSC spielt, entwickelt Reinartz seit Januar 2014 eine Idee, wie Daten im Fußball eine bessere Aussagekraft erhalten. Der Grundgedanke ist, zu messen, wie viele Gegner mit einem Pass überspielt werden. "Es muss in jeder Aktion ein qualitativer Moment eingebunden werden", sagt Reinartz.

Sportschau zeigt Packing-Rate

Aus der Idee ist eine Firma geworden, die nun unter anderem die Statistiken der vergangenen beiden Bundesligaspielzeiten ausgewertet hat. Sie arbeitet mit dem Deutschen Fußball-Bund zusammen und wertet für ihn hauptsächlich Analysen des Gegners aus, auch Bayer Leverkusen, Borussia Dortmund und RB Leipzig gehören zu den Kunden. Die Sportschau wird das Analysetool bei der Europameisterschaft in Frankreich live während der Spielübertragungen einsetzen und die sogenannte Packing-Rate (Summe der überspielten Gegner) zeigen. ARD-Experte Mehmet Scholl: "Ich bin froh, dass ich bei der EM mit der Packing-Rate arbeiten kann. Das ist ein Parameter, den es so noch nicht gibt und der als einziger eine wirkliche Aussagekraft über den Ausgang eines Spiels hat."

Hätte es die Erfassung schon während der WM 2014 gegeben, wäre das Ergebnis des ersten Halbfinals gar nicht mehr so überraschend gewesen. Deutschland überspielte mit Pässen 402 Spieler des Gegners, davon 84 Verteidiger (qualitativ am hochwertigsten), Brasilien nur 341 Spieler, davon 53 Verteidiger.

Hohe Aussagekraft

Die Auswertung der abgelaufenen Bundesligasaison zeigt, dass in 306 Spielen 263 Mal die Mannschaft gewonnen oder zumindest ein Unentschieden erreicht hat, die mehr Verteidiger überspielte. Das sind 86 Prozent der Spiele. Das Merkmal "überspielte Gegner" gewinnt dadurch eine höhere Aussagekraft als die reine Quote angekommener Pässe.

Dies zeigt auch der Vergleich zwischen zwei Innenverteidigern von Borussia Dortmund. Mats Hummels kommt für die Saison 2015/16 auf eine Passquote von 84,6 Prozent, Sokratis auf 88,1 Prozent. Die Annahme, dass aber doch der deutsche Nationalspieler über den besseren, weil effizienteren Spielaufbau verfügt, zeigen dann die überspielten Gegner. Hier liegt Hummels mit 73:41 vorn, wobei sich das in 46 überspielte Stürmer (Sokratis 33), 22 Mittelfeldspieler (7) und fünf Verteidiger (1) gliedert.

Kroos so viele Gegner überspielt wie kein anderer

Die Daten von Stefan Reinartz und seinen Mitstreitern bekräftigen viele Eindrücke, die niemanden überraschen. So zeigen sie, dass Bayern München in der abgelaufenen Saison die meisten Gegner überspielt hat, vor Borussia Dortmund. Sie zeigen auch, dass Toni Kroos so viele Gegner überspielt wie kein anderer, nämlich 85. Der Schnitt für defensive Mittelfeldspieler eines Bundesligisten liegt bei 28.

Überraschend ist, dass ein Spieler mit zu den besten in der Bundesliga gehört, der noch nie ein Länderspiel bestritten hat. Lars Stindl von Borussia Mönchengladbach überspielt pro Partie im Schnitt 6,4 Verteidiger. Er gehört damit zu den Top 3, genau wie bei den Balleroberungen (29 Gegner). Das ist so zu verstehen: Die beste Balleroberung ist die vom gegnerischen Torwart, denn damit sind in der Regel zehn Gegner weiter vom Tor entfernt als der Stürmer. Ein Faktor ist auch, wie effektiv Spieler als Anspielstation sind. Passt ein Innenverteidiger quer zu seinem Nebenmann, bekommt der keinen "überspielten Gegner" gut geschrieben. Startet ein Spieler aber hinter die gegnerische Abwehrkette und erhält dann einen Pass von seinem Innenverteidiger, kann er dadurch im Optimalfall zehn Spieler in der Kategorie Anspielstation gut geschrieben bekommen. Lars Stindl kommt auf 75 überspielte Gegner pro Spiel.

Stand: 02.06.2016, 13:30

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