Manuel Neuer - Auf einer anderen Ebene

Vor dem Achtelfinale gegen die Slowakei

Manuel Neuer - Auf einer anderen Ebene

Von Marcus Bark (Lille)

Im Achtelfinale der Europameisterschaft trifft Deutschland auf die Slowakei und damit einen Gegner aus der zweiten Kategorie. Die WM in Brasilien zeigte, dass auch und gerade dann Manuel Neuer im Blickpunkt stehen kann - der Torwart auf einer anderen Ebene.

Der Tag wird kommen, an dem in Deutschland wieder eine Diskussion einsetzt, die in den vergangenen Jahrzehnten zeitweise vehement geführt wurde. Vor der Weltmeisterschaft 2006 schaltete sich sogar die Kanzlerin ein. Allerdings merkte Angela Merkel diplomatisch an, dass es nur eine Nummer eins geben könne. Ob diese aber Oliver Kahn oder Jens Lehmann heißen soll, war eine staatstragende Frage, und nachdem sich Jürgen Klinsmann für Lehmann entschieden hatte, gab es heftige Spannungen mit einem Klub aus dem Freistaat Bayern.

Schlimmer Trugschluss

Vier Jahre später wurde die viel leisere Diskussion um René Adler oder Manuel Neuer jäh beendet. Adler verletzte sich einen guten Monat vor dem ersten Spiel der WM in Südafrika. Neuer rückte zur Nummer eins auf. Wer heute über diesen Status eine Diskussion beginnen wollte, würde im besten Fall ein müdes Lächeln abbekommen, vielleicht aber auch die Empfehlung, einen Arzt aufzusuchen.

Manuel Neuer gilt als bester Torwart der Welt, und es ist sehr schwierig, Argumente zu finden, die dagegen sprechen. Schon vor dem 30. Juni 2014 war er als überragender Torhüter bekannt, seit diesem Tag wird er auch als Libero in allen Winkeln der Welt geschätzt. Zu diesem Zeitpunkt kam das sehr überraschend, denn die allgemein gültige These war, dass Deutschland das Achtelfinale gegen Algerien gewinnen wird, selbst wenn Manuel Neuer am Pfosten lehnt und ein Buch liest. Doch das war einer der schlimmsten Trugschlüsse in der jüngeren Vergangenheit.

Verhageltes Testspiel

Ein verhageltes Testspiel Ende Mai, das die Slowakei mit 3:1 gewonnen hat, mindert die Gefahr eines weiteren schlimmen Trugschlusses. Aber es rechnet auch kaum jemand damit, dass Manuel Neuer am Sonntag (26.06.16) in Lille der entscheidende Spieler sein wird.

Dazu war er auch nach dem Auftaktspiel gegen die Ukraine, in dem er zwei gefährliche Schüsse abwehrte, zu sehr aus dem Blickpunkt gerückt. Insgesamt kamen in den drei Gruppenspielen nur vier Schüsse auf sein Tor. Er wehrte alle ab. Alle Abwürfe erreichten einen Mitspieler, 97 Prozent seiner Zuspiele mit dem Fuß ebenfalls. Die Statistiken werden weitergeführt, aber trotzdem beginnt das Turnier neu. "In den K.o.-Spielen herrscht eine ganz andere Drucksituation", sagte Neuer, und dass er dabei ein wenig verschnupft klang, war schon eine Nachfrage wert. "Ich habe ein paar Allergien", lautete die Antwort. Das wirke sich jetzt, wenn die Sonne sich auch mal über viele Stunden zeige, aus. "Aber halb so schlimm."

Betonblock vor dem Gegner

Neuer ist reaktionsschnell, fängt Flanken sicher ab, baut sich wie ein Betonblock vor dem Gegner auf, der ihm nah kommt. Er eilt aus seinem Tor heraus, um weite Pässe abzufangen, ist die freie Anspielstation, die den Angriff mit einem gezielten Pass eröffnen kann. Die meisten seiner wenigen Fehler passieren dann, wenn er glaubt, alles regeln zu wollen und zu müssen.

In wichtigen Spielen der Nationalmannschaft ist die Fehlerquote von Manuel Neuer geringer als die der Fallrückziehertore von Klaus Fischer. In seinen vergangenen sieben Turnierspielen hat Neuer nur zwei Tore hingenommen. Eben in jenem Spiel gegen Algerien, als die Verlängerung in die Nachspielzeit gegangen und der enorme Druck nach dem 2:0 Mesut Özils gewichen war. Gegen Brasilien führte Deutschland im Halbfinale mit 7:0, als Oscar in der letzten Spielminute traf.

In 29 seiner 68 Länderspiele blieb Neuer ohne Gegentor, insgesamt nahm er 59 hin, also weniger als eines im Schnitt. Seit nun vier Spielen, einschließlich des letzten Tests gegen die Ungarn an seinem Geburtsort Gelsenkirchen, warten die deutschen Gegner auf einen Treffer. Der Rekord steht bei sechs Spielen. "Das wusste ich gar nicht", sagte Neuer, "wir sind ja in erster Linie keine Rekordjäger, sondern wollen erfolgreichen Fußball spielen. Aber das eine schließt das andere ja nicht aus. Natürlich ist der Plan, dass auch gegen die Slowaken die Null steht."

Stand: 26.06.2016, 07:35

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