Chris Coleman schreibt mit Wales Geschichte

UEFA Euro 2016 - Wales gegen Nordirland

Chris Coleman schreibt mit Wales Geschichte

Von Marco Schyns

Wales gehört zu den besten 16 Teams Europas. Großen Anteil daran hat Trainer Chris Coleman, dessen Aufgabe beim Amtsantritt vor fünf Jahren nicht schwerer hätte sein können.

Am 11. September 2012 stand Chris Coleman kurz davor, aufuzugeben. 1:6 hatte Wales gerade gegen Serbien verloren. Für Coleman, der gerade einmal ein Jahr als Nationaltrainer im Amt war, war es die fünfte Niederlage im fünften Spiel. Die Aufgabe schien ihn zu überfordern. Schließlich war er die Nachfolge seines Jugendfreunds Gary Speed angetreten, der 2011 Selbstmord begangen hatte.

Den "schlimmsten, schlimmsten, schlimmsten Tag" seines Lebens hatte Coleman noch lange nicht verkraftet. Auch die Mannschaft würde das Trauma vom Tod des allseits beliebten Nationaltrainers Speed nicht ablegen können, war sich die britische Presse sicher. Heute, nicht einmal vier Jahre später, ist klar: Coleman hat Historisches geschafft. Auf die erste EM-Teilnahme der Waliser in ihrer Geschichte folgte prompt der Einzug in die K.o.-Runde - als Gruppensieger vor dem großen Nachbarn England.

"Battle of Britain II"

In das Achtelfinal-Duell mit Nordirland (18 Uhr, live in der ARD und auf sportschau.de) geht Wales sogar als Favorit. Von einer besonderen Bedeutung, angesichts des sogenannten "Battle of Britain II" will der Trainer aber nichts wissen. "Wer kommt, der kommt. Wir konzentrieren uns nur auf uns selbst", sagte der 46-jährige vor dem größten Spiel der walisischen Fußball-Geschichte.

Diese Einstellung hat Wales dahingebracht, wo sie heute sind. Sie zählen zu den 16 besten Teams Europas. Vor vier Jahren, nach dem 1:6 in Serbien und der für Coleman "sportlich schlimmsten Nacht" die er je erlebt hat, war daran nicht zu denken. Co-Trainer Osian Roberts, der schon unter Speed gearbeitet hatte, musste Coleman damals zum Weitermachen überzeugen: "Mir war damals klar: Ein solches Desaster war genau das, was wir brauchten. Wir waren am Ende, am Nullpunkt. Wir konnten endlich neu anfangen und alles hinter uns lassen."

91 Weltranglisten-Plätze nach oben

Das Ziel der beiden: Wales zur Europameisterschaft führen und damit etwas erreichen, wofür Speed die Grundlage geschaffen hatte. Wales stand zu diesem Zeitpunkt auf Rang 117 der Fifa-Weltrangliste. Gareth Bale, heute der teuerste Fußballspieler aller Zeiten, war gerade dabei sich bei Tottenham Hotspur einen Namen zu machen. Teamkollege und Mittelfeld-Motor Aaron Ramsey kämpfte noch um einen Stammplatz beim Ligakonkurrenten FC Arsenal.

Inzwischen ist Wales auf Rang 26 der Weltrangliste geklettert. In der Qualifikation gab es in zehn Spielen nur eine Niederlage für die konterstarken Waliser. Mit nur vier Gegentoren stellte man außerdem eine der besten Defensivreihen. Dennoch kann und will der Trainer keinen Hehl aus der Abhängigkeit von Superstar Bale machen. "Um weit zu kommen, brauchst du Spieler, die den Unterschied ausmachen. Gareth ist einer der besten Spieler der Welt - und er spielt für uns. Das ist etwas Besonderes", schwärmt Coleman von seinem Schützling.

Traum vom EM-Finale

Mit drei Treffern, zwei davon direkt verwandelte Freistöße, führt der 26-Jährige die Torschützenliste an und hat - sollte Wales weiter für Furore sorgen - gute Chancen, Spieler des Turniers zu werden. "Neben seinem Talent hat er viel Herz. Alle außerhalb von Wales sehen das und respektieren ihn dafür", lobt Coleman auch dessen Charakter: "Und natürlich lieben ihn die Waliser für diese Einstellung."

Sie lieben ihren Superstar auch dafür, dass er sie zur ersten Teilnahme an einem großen internationalen Turnier seit 58 Jahren geführt hat. Ryan Giggs oder Ian Rush ist das nie gelungen. Mitunter lässt sich daran auch der Einfluss von Trainer Coleman bemessen. Schließlich hat er es geschafft, ein funktionierendes Team auf die Beine zu stellen, dem einige Fans auf der Insel sogar zutrauen, bis ins EM-Finale vorzudringen.

Coleman und auch die Menschen in Wales werden aber niemals vergessen, wer den Grundstein für diesen Erfolg gelegt hat. "Gary Speed ist immer in meinen Gedanken, nicht nur bei dieser EM", sagt Coleman: "Er war ein besonderer Mensch. Jemand, an den ich sehr oft denke und der mir immer fehlen wird. Aber ich bin sicher, dass er bei uns ist, stolz ist und sich freut."

sid | Stand: 25.06.2016, 08:55

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