Zwischenzeugnis und Ausblick - Kroos als Bester, Sané lauert

Teamcheck deutsche Nationalmannschaft

Zwischenzeugnis und Ausblick - Kroos als Bester, Sané lauert

Von Marcus Bark (Évian)

Toni Kroos dominiert das deutsche Spiel, Bastian Schweinsteiger dürfte bald mehr Einsatzminuten bekommen, Leroy Sané hat gute Chancen, bald mal zu spielen.

Mal war es eine Schwächephase der Defensive, dann die Offensive, dann die Chancenverwertung. Zu bemängeln gab es einiges nach den Gruppenspielen bei der Europameisterschaft. Aber es ist auch vieles gut gelaufen. Vor allem die Bilanz stimmt: Mit sieben Punkten und einer Tordifferenz von plus drei Treffern kann nur Gastgeber Frankreich mithalten.

Kontinuierlich gesteigert

Drei Gruppenerste haben sogar weniger Punkte als Polen, der Zweite hinter Deutschland, der ebenfalls noch keinen Treffer kassiert. "Wir haben uns kontinuierlich gesteigert", sagte Assistenztrainer Thomas Schneider am Donnerstag (23.06.16), einem weiteren freien Tag für die Spieler, die am Freitagmorgen die Vorbereitung auf das Achtelfinale gegen die Slowakei aufnehmen.

Fünf Spieler haben bislang sämtliche Minuten auf dem Platz gestanden. Das war so zu erwarten, denn Manuel Neuer, Thomas Müller, Toni Kroos und Mesut Özil sind Leistungsträger, der linke Verteidiger Jonas Hector ist nahezu ohne Konkurrenz. Solange der Kölner solide weiterspielt, wird er gesetzt bleiben. Auffällig an seinen statistischen Daten ist die schwache Zweikampfbilanz. Hector gewann weniger als 40 Prozent seiner Duelle.

Boateng und Hummels überzeugen

Überragend sind die beiden deutschen Innenverteidiger Jérôme Boateng und Mats Hummels. Nur ein Schuss kam auf das Tor von Neuer, seitdem die beiden zusammenspielen. Zum Auftakt gegen die Ukraine wehrte der Torwart noch drei Schüsse ab, darunter zwei sehr gefährliche.

Neue Option

Auf der rechten Seite der Viererkette, die anders als im verlorenen Testspiel gegen die Slowakei Ende Mai in Augsburg von Bundestrainer Joachim Löw wieder bevorzugt werden dürfte, ist Joshua Kimmich nach seinem überzeugenden Auftritt gegen Nordirland erste Wahl. Zumindest wenn Deutschland auf einen Gegner trifft, der seinen Schwerpunkt auf die Defensive legt.

Benedikt Höwedes, der in seinen 194 Einsatzminuten offensiv enttäuschte, aber bei gegnerischem Ballbesitz die Erwartungen erfüllte, dürfte erst in einem möglichen Viertelfinale gegen Spanien wieder ein Thema werden.

Kross überragend, Khedira solide

Der prägende Spieler der Mannschaft ist Toni Kroos. Nahezu jeder Angriff wird über ihn eingeleitet, pro Spiel war er durchschnittlich 128 mal am Ball. Acht Torschüsse und 13 Vorlagen zu Torschüssen belegen den Eindruck seines dominanten Auftretens, auch wenn Kroos in der Partie gegen Nordirland weniger auffällig war.

An seiner Seite im defensiven Mittelfeld des stets gewählten 4-2-3-1-Systems spielte zumeist Sami Khedira. Dessen Leistungen waren solide bis gut, aber im letzten Drittel kann der Profi von Juventus Turin noch an Dynamik zulegen.

Schweinsteiger auf gutem Weg

Bastian Schweinsteiger ist eine Option, um zusätzlich ins Mittelfeld zu rücken, eventuell auch um im späteren Turnierverlauf auf ein 4-3-2-1 umzustellen mit Kroos im Zentrum. Der Kapitän kam bislang erst 22 Minuten zum Einsatz, weil er nach zwei Knieverletzungen im Kalenderjahr 2016 auch nach dem Turnierstart noch körperliche Defizite aufarbeiten musste. "Bastian wird besser und stabiler, kommt langsam auf das Niveau, dass er uns von Anfang an helfen kann", sagte Assistenztrainer Marcus Sorg am Donnerstag.

Offensive mit großem Steigerungspotenzial

In der offensiven Dreierreihe gibt es noch deutliche Steigerungsmöglichkeiten, gerade auf der linken Seite. Julian Draxler machte im Trainingslager von Ascona und im Test gegen die Slowakei einen sehr guten Eindruck, bei der EM hat er Probleme sich durchzusetzen und mit Tempo in den Strafraum zu kommen. André Schürrle wurde gleich dreimal eingewechselt, aber fiel dabei kaum positiv auf.

Mesut Özil steigerte sich gegen Nordirland deutlich, nachdem er in den ersten beiden Partien noch unter seinen Möglichkeiten spielte, auch wenn die Passquote stimmte und er sich im Raum zwischen den gegnerischen Ketten gut bewegte. Es fehlte aber an der Beschleunigung des Balles, was ihm zum Abschluss der Vorrunde viel besser gelang.

Vorne trifft bislang nur Gomez

Mario Götze pendelte zwischen dem Angriff und dem linken Mittelfeld, seine Möglichkeiten lassen auf beiden Positionen viel mehr zu, als er bislang zeigte.

Thomas Müller fehlten in den ersten beiden Partien die Torchancen, gegen Nordirland fehlte ihm dann die Abschlussstärke. Er profitierte gegen die Briten davon, dass Mario Gomez in der vordersten Linie Spieler band und es somit mehr Raum für ihn und meistens eine nahe Anspielstation gab. Gomez erfüllte diese Aufgabe gut, zudem schoss er ein Tor.

Can, Tah und Weigl mit schlechten Chancen

Der Stürmer von Besiktas Istanbul dürfte auf weitere Einsätze kommen, was bei den Torhütern Marc-André ter Stegen und Bernd Leno ausgeschlossen ist, falls Neuer einsatzbereit bleibt. Schlecht stehen die Chancen auf ihr Debüt bei einem Turnier auch für Emre Can, Jonathan Tah und Julian Weigl, da sie zu viele Konkurrenten vor sich haben. Aufgrund seiner Vergangenheit, aber auch seiner Wucht vor dem Tor darf Lukas Podolski sich mehr Hoffnungen machen, zu weiteren Länderspielen zu kommen.

Sollte es aber darum gehen, gegen sehr defensive Mannschaften Duelle eins gegen eins zu gewinnen und mit Tempo an die Grundlinie und in den Strafraum zu dribbeln, ist Leroy Sané erste Wahl. Der Schalker wäre früher "idealer Joker" genannt worden, im Sprachgebrauch von Joachim Löw ist er eine "Spezialkraft", auf die es in den maximal noch vier kommenden Spielen ankommen kann.

Stand: 23.06.2016, 16:37

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