Deutsche Spielverlagerung durch Joshua Kimmich

Beim Sieg gegen Nordirland

Deutsche Spielverlagerung durch Joshua Kimmich

Von Marcus Bark

Mit einer personellen Änderung hat Bundestrainer Joachim Löw die zuvor verwaiste rechte Offensivseite belebt. Joshua Kimmich zeigte gegen Nordirland eine starke Leistung und drängte sich für weitere Einsätze auf. Die Frage ist, wie stark die Gegner dann sein dürfen. Die Analyse.

Einige Begriffe aus der Sprache des Fußballs haben sich überlebt. Etwa der der Manndeckung, was damit zu tun hat, dass die Manndeckung sich überlebt. Sie ist so bäh, dass inzwischen von einer Mannorientierung gesprochen wird, wenn es denn Anzeichen eines Rückfalls in die Steinzeit gibt, in der ein Befreiungsschlag noch als heroische Aktion eines Abwehrrecken mit Gardemaß galt.

Schon seit Generationen und bis heute wird hingegen von einer Spielverlagerung gesprochen. Sie meint meistens einen weiten Pass (ganz modern: Laserpass), der den Ball von der Seite, auf der sich viele tummeln auf die diejenige bringt, auf der viel mehr Raum ist.

Die erste Spielverlagerung für die Partie zwischen Nordirland und Deutschland deutete sich zwei Tage vor dem Anpfiff an. Da eröffnete Joachim Löw dem Rechtsverteidiger Benedikt Höwedes, dass er seinen Platz in der Startelf wohl an Joshua Kimmich verlieren wird. Der wiederum erhielt auch ein Signal des Bundestrainers und einen Tag vor dem Anpfiff dann die Gewissheit. Der offensichtliche Plan war, die rechte Seite in der Offensive deutlich zu beleben und den Linksdrall in der deutschen Mannschaft, bedingt durch die Position des dominanten Toni Kroos, etwas zu glätten.

Der Plan ging auf, obwohl Kroos mit 141 Ballkontakten nochmal mehr hatte als im zweiten Gruppenspiel der EM gegen Polen. Aber der Ball verlagerte seine Seite nach rechts, wo Joshua Kimmich zu seinem ersten Einsatz beim Turnier kam. "Wir haben es extrem gut gemacht, nur hätten wir viel mehr Tore machen müssen", sagte Kimmich nach dem 1:0-Sieg. Über sich redet der Profi des FC Bayern nur im Notfall. Am Dienstag (21.06.16) etwa war im Pariser Prinzenpark zu hören: "Niemand ist allein auf dem Fußballplatz."

Lob für Kimmichs Selbstbewusstsein

Nahezu alle Mannschaftskollegen wurden hingegen zu Kimmich befragt. Mats Hummels, der bald mit ihm in München spielen wird, sagte: "Der hat sich heute richtig was getraut, solche Spieler brauchen wir." Die Meinung des Bundestrainers wird Kimmich auch gerne gehört haben. "Der Jo ist sehr clever und selbstbewusst. Ich war sehr zufrieden mit ihm bei seinem ersten Auftritt auf dieser Bühne", sagte Löw und begründete seine Entscheidung: "Gegen Mannschaften, die so defensiv denken, brauchen wir andere Lösungen. Mit Benni Höwedes bin ich zufrieden, was er defensiv machen kann. Aber heute brauchten wir andere Spieler, die die Breite nutzen und über außen kommen. Da ist der Jo prädestinierter."

Die Statistiken untermauerten jede These. Kimmich hatte nach Kroos (141) die meisten Ballkontakte (100), das waren 20 mehr als Jonas Hector auf der linken Seite. Zum Vergleich das Spiel gegen Polen: Hector 98 Ballkontakte, Höwedes 58.

Effizient im Spiel nach vorne

Was den neuen Fußballbegriff Packing angeht, überzeugte Kimmich mit 55 überspielten Gegnern, davon zwölf Verteidiger. Höwedes war in der doppelten Spielzeit zuvor auf 43 überspielte Gegner davon, darunter waren nur zwei Verteidiger.

Joshua Kimmich, der unter Josep Guardiola bei den Bayern auf vielen Positionen eingesetzt worden war und seine gute Entwicklung auch darauf zurückführt, schlug neun Flanken (Bestwert) und war an sechs Torschüssen beteiligt, vier legte er auf. Seine zwölf gelaufenen Kilometer waren ebenfalls Bestwert in der deutschen Mannschaft.

Wie gut ist Kimmich gegen stärkere Offensivreihen?

Es werden bei dieser EM aber höchstwahrscheinlich noch Gegner mit besseren Spielern als etwa Stuart Dallas vom englischen Zweitligisten Leeds United kommen, die sich Kimmich in den Weg stellen. Diese Gegner werden vermutlich auch den Verteidiger im Rechtsverteidiger Kimmich fordern. Toni Kroos zumindest sagte: "So einen harmlosen Gegner wie Nordirland werden wir nicht mehr treffen." Auch Löw relativierte das dritte Spiel der EM ohne Gegentor: "Ganz ehrlich, heute war es für unsere Defensive auch nicht schwierig."

Zu den Kollegen, die Kimmichs Leistung in der Offensive lobten, gehörte auch Benedikt Höwedes. "Er hat ein sehr gutes Spiel gemacht. Es war die richtige Entscheidung vom Trainer, die offensivere Variante zu wählen", sagte der Schalker, der damit auch die Hoffnung verband, bei einem stärkeren Gegner wieder auf die rechte Seite verlagert zu werden. Er hat ein Argument: Mit 59 Prozent gewonnener Zweikämpfe ist er etwas besser als Kimmich (57). Zweikämpfe werden immer wichtig sein, ob sie so genannt werden oder nicht.

Statistik

Fußball · Europameisterschaft · 3. Spieltag 2016

Dienstag, 21.06.2016 | 18.00 Uhr

Flagge Nordirland

Nordirland

McGovern – Hughes, McAuley, Cathcart, J. Evans – C. Evans (84. McGinn), Norwood, Davis – J. Ward (70. Magennis), Washington (59. K. Lafferty), Dallas

0
Flagge Deutschland

Deutschland

Neuer – Kimmich, Boateng (76. Höwedes), Hummels, Hector – S. Khedira (69. Schweinsteiger), Kroos – T. Müller, Özil, Götze (55. Schürrle) – Gomez

1

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 0:1 Gomez (30.)

Zuschauer:

  • 44.125

Schiedsrichter:

  • Clement Turpin (Frankreich)

Stand der Statistik: Montag, 27.06.2016, 17:38 Uhr

Stand: 22.06.2016, 09:00

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