Deutsche Offensive – ein langer Missverständnis-Alarm

Remis gegen Polen

Deutsche Offensive – ein langer Missverständnis-Alarm

Von Marcus Bark (Paris)

Mats Hummels schrieb vor dem Spiel gegen die Polen von einem "Missverständnis-Alarm". Nach dem Spiel beschrieb dieses Wort die Leistung der deutschen Nationalmannschaft in der Offensive. Die Analyse.


Mario Götze hat bis zu einer Positionsrochade im Stade de France zweifelsfrei Mittelstürmer gespielt, ob das jetzt als falsche Neun oder sonstwie bezeichnet wird. Auch nachdem Thomas Müller ins Zentrum und Götze auf die linke beordert wurde, war er das, wozu seine außerordentlichen Fähigkeiten ihn prädestinieren: ein Offensivspieler. Als jener Offensivspieler um seine Meinung zum 0:0 gegen die Polen gebeten wurde, mutierte Götze zu einer falschen 17: „Es steht außer Frage, dass wir gut verteidigt haben. Wir haben keinen direkten Torschuss zugelassen und keinen Konter.“

Abwehr kritisiert die Offensive

Es sollte zu denken geben, wenn der Spielertypus Mario Götze zunächst über die Defensive spricht. Noch mehr sollte aber zu denken geben, wenn die echte 17, die Jérôme Boateng als Nummer auf dem Rücken trägt, gleich im ersten Interview nach Abpfiff die Offensive in den Senkel stellt. „Wir haben kein Eins-gegen-Eins-Duell vorne gewonnen. Da war keine Bewegung vorne. Wir können froh sein, dass wir 0:0 gespielt haben.“

Mats Hummels sagte: „Wir haben nicht verdient, zu gewinnen, weil wir nicht genug Chancen kreiert haben.“ Der Innenverteidiger hatte vor der Partie mit einem Tweet durchblicken lassen, dass er nach seiner Verletzung in der Startelf stehen wird. Da so etwas auf dem Index steht, schickte er einen Tweet nach, in dem er vom „Missverständnis-Alarm“ schrieb. Er gab damit das Motto des Abends preis, was die Offensivleistung der deutschen Mannschaft angeht.

Angriffsspiel linkslastig

„Wir haben Probleme im letzten Drittel gehabt“, gab auch Bundestrainer Joachim Löw zu und kritisierte, dass dort Tempo herausgenommen worden sei statt zu beschleunigen.
Auffällig ist im deutschen Spiel inzwischen, dass viel häufiger über die linke als die rechte Seite angegriffen wird. Das liegt an Toni Kroos, der als linker „Sechser“ spielt und somit einfachere Passwege zum linken Verteidiger Jonas Hector und dem linken Mittelfeldspieler Julian Draxler (im weiteren Spielverlauf noch Götze und André Schürrle) hatte. Hector hatte 98 Ballkontakte und damit 40 mehr als der rechte Verteidiger Benedikt Höwedes hatte. Weiterer Beleg für den Linksdrall der deutschen Mannschaft: Nachdem Mario Gomez in der 71. Minute eingewechselt worden war, kamen noch sechs der insgesamt 27 Flanken in den Strafraum, alle von der linken Seite.

Die Leistung von Gomez war ein Beleg dafür, dass alles, was Löw offensiv probierte, im Stade de France misslang. Der Stürmer von Besiktas Istanbul war nur vier Mal am Ball, gewann nur einen von vier Zweikämpfen. Damit lag er bei einer Quote von 25 Prozent, genau wie Mesut Özil, der mit einem Schuss eine der wenigen guten Chancen hatte, ansonsten aber schwach spielte und viel zur Verschleppung des Tempos beitrug.

Warten auf Müller

Außer Form ist derzeit auch Thomas Müller. Er ist bemüht, aber seine oft verschlungenen Wege in die gefährlichen Räume des letzten Drittels sind eben zu verschlungen, um auch von den Kollegen erkannt zu werden.

Ein besserer Müller wäre enorm wichtig für das deutsche Spiel, weil der Fokus auf die linke Seite Möglichkeiten zur Verlagerung schafft. Aber darauf wurde gegen Polen weitestgehend verzichtet, auch weil Benedikt Höwedes aus Angst vor Kontern angewiesen war, nur dezent aufzurücken. Höwedes, und auch Hector auf der linken Seite, sind ohnehin nur solide, aber keine optimalen Lösungen für eine Mannschaft, die auf einen so defensivstarken Gegner wie Polen trifft.

Das dürfte Löw eingepreist haben. Ärgerlicher sind für den Bundestrainer die Vorstellungen der Özils, Götzes, Draxlers, Schürrles und Müllers, die noch auf einen Treffer bei der Europameisterschaft warten. Die beiden bisherigen Torschützen, Innenverteidiger Shkodran Mustafi und Bastian Schweinsteiger, saßen gegen Polen 90 Minuten auf der Bank. Genau wie Leroy Sané, dessen Stärke es ist, genau jene Eins-zu-Eins-Duelle zu gewinnen, über die sich Boateng so ärgerte. Noch vertraut Löw seinen erfahrenen Spielern. Als Tabellenerster und mit einem Spiel gegen Nordirland auf dem Programm ist die Zuversicht verständlich: „Wir sind und sicher, dass wir gewinnen und den Gruppensieg schaffen werden.“
 

Statistik

Fußball · Europameisterschaft · 2. Spieltag 2016

Donnerstag, 16.06.2016 | 21.00 Uhr

Flagge Deutschland

Deutschland

Neuer – Höwedes, Boateng, Hummels, Hector – S. Khedira, Kroos – T. Müller, Özil, Draxler (71. Gomez) – Götze (66. Schürrle)

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Flagge Polen

Polen

Fabianski – Piszczek, Glik, Pazdan, Jedrzejczyk – Blaszczykowski (80. Kapustka), Krychowiak, Maczynski (76. Jodlowiec), Grosicki (87. Peszko) – Lewandowski, Milik

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Fakten und Zahlen zum Spiel

Strafen:

  • gelbe Karte S. Khedira (1 )
  • gelbe Karte Özil (1 )
  • gelbe Karte Maczynski (1 )
  • gelbe Karte Grosicki (1 )
  • gelbe Karte Boateng (1 )
  • gelbe Karte Peszko (1 )

Zuschauer:

  • 73.648

Schiedsrichter:

  • Björn Kuipers (Niederlande)

Stand der Statistik: Montag, 27.06.2016, 17:37 Uhr

Stand: 17.06.2016, 12:00

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