Italien - die wohl schwierigste Aufgabe des Turniers

Antonio Conte feiert mit seinen Spielern

Überzeugender Sieg gegen Spanien

Italien - die wohl schwierigste Aufgabe des Turniers

Von Chaled Nahar (Saint-Denis)

Italien hat gegen Spanien mit einer taktischen Meisterleistung bewiesen, dass sie die wohl schwierigste Aufgabe dieses Turniers sind. Deutschland trifft auf eine Mannschaft mit sehr wenigen Schwachstellen.

Spätestens in der 43. Minute war klar: Die Italiener hatten die Spanier dort, wo sie die Spanier haben wollten. Ein zweiter Ball lag auf dem Spielfeld, Álvaro Morata drosch ihn wutentbrannt auf die Tribüne, statt ihn locker zum Balljungen zu lupfen. Der Frust, die Ratlosigkeit der Spanier entlud sich in einer Szene.

Italien hat sich mit einer taktischen Meisterleistung ins Viertelfinale gespielt und ließ Spanien, das zwischen 2008 und 2012 alle Titel gewonnen hatte und wieder einer der großen Favoriten war, beinahe chancenlos zurück. "Wir waren in der Qualifikation vor Kroatien, wir haben Belgien geschlagen, jetzt Spanien. Das waren alles Favoriten", sagte Italiens Trainer Antonio Conte, der Architekt des Erfolgs. "Unser Selbstvertrauen steigt mit jedem Sieg."

Italien nicht nur defensiv stark

Italiens Defensive - kein Durchkommen für Spanien

Italiens Defensive - kein Durchkommen für Spanien

Italien hatte seinen üblichen Riegel aufgeboten. Die gefürchtete Dreierreihe aus Andrea Barzagli, Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini - bei gegnerischem Ballbesitz verstärkt durch die Außen Mattio De Sciglio und Alessandro Florenzi - raubte der spanischen Offensive das Tempo und das Passspiel.

Gleichzeitig überrumpelte Italien seinen Gegner regelrecht mit einem Offensivspiel, wie es die Mannschaft in diesem Turnier noch nicht gezeigt hat. Ohne seine beneidenswerte defensive Sicherheit zu verlieren, hatte Italien von Beginn die zwingenden Aktionen auf seiner Seite. Das Tor von Chiellini nach dem Freistoß kam zwar glücklich zustande, war aber die logische Folge von zahlreichen guten Chancen.

Das Spiel hat sich noch verbessert

Vieles beim 2:0 gegen Spanien erinnerte an das 2:0 gegen Belgien. Doch im Vergleich zum Auftaktsieg haben die Italiener ihr Spiel noch weiter verbessert. Nach vorne waren es nicht die langen und hohen Pässe wie in den ersten Spielen, sondern ein blitzschnelles Umschaltspiel mit präzisen, meist vertikalen Pässen. Die starke Technik und die Ballsicherheit der Italiener erinnerten zwischenzeitlich an das schöne Spiel, für das eigentlich Spanien steht. "Wir haben gezeigt, dass Italien nicht nur verteidigen kann", sagte Conte.

Trotzdem bleibt das die größte Stärke. Italien versteht es, seine Gegner mit konzentrierter Defensivarbeit zu frustrieren. Andres Iniesta versuchte es in seiner Verzweiflung immer öfter mit Distanzschüssen - ein Verhaltensmuster, dass die genervten belgischen Offensivspieler ebenfalls an den Tag gelegt hatten, bevor sie das 0:2 kassierten. Spanien erging es durch einen hervorragenden italienischen Konter nicht anders, als Graziano Pellé das Spiel entschied.

Bei den Packingwerten vorne

Beim Packing - also der Anzahl überspielter Gegner und speziell Abwehrspieler - war Italien mit 311 zu 283 den Spaniern nur knapp überlegen. Italien entwickelte aber vor dem Tor wesentlich mehr Gefahr. 61 Verteidiger wurden überspielt, bei Spanien waren es nur 23. Chiellini überragte im Spielaufbau, er überspielte 65 Gegner (davon zehn Verteidiger). Pelle ermöglichte als Passempfänger das Überspielen von 83 Gegnern und war stärkste Anspielstation in Italien Spitze. Für die meiste Torgefahr sorgte Parolo, der elf Verteidiger überspielte.

Wo Italien zu packen ist

Der Sieg Italiens zeigt, dass auf Deutschland nun die wohl schwierigste Aufgabe des Turniers wartet. Zu packen ist Italien über drei Wege: Auf den Außen sind in dem 5-3-2 manchmal Räume frei, wenn es schnell geht. Dann besteht die Möglichkeit, von der Grundlinie die Innenverteidiger Italiens zu überraschen.

In der Mitte, wo sich die Spanier oft festspielten, war es für Italiens Gegner bislang weitgehend hoffnungslos, sich Chancen zu erspielen. Torgelegenheiten durch das Zentrum bieten sich nur durch individuelle Fehler, so wie es bei einem Querschläger der Fall war, der zu Gerard Piqués vergebener Ausgleichschance kurz vor Spielende geführt hatte. Wenn in der Schlussphase bei den italienischen Spielern durch ihr laufintensives Spiel die Müdigkeit steigt, unterlaufen ihnen ihre seltenen Fehler.

Fehlt er gegen Deutschland? Daniele De Rossi

Fehlt er gegen Deutschland? Daniele De Rossi

Eine entscheidende Schwachstelle könnte sich vor der Abwehr auftun: Daniele De Rossi, auf der Sechs ein Schlüsselspieler in beide Richtungen des italienischen Spiels, musste mit einer Beckenverletzung angeschlagen vom Platz. Für ihn kam Thiago Motta, der als sein einziger Vertreter auf dieser Position gilt - gegen Deutschland aber als einziger Italiener nach einer zweiten Gelben Karte gesperrt ist. Fehlen beide, hat Italien ein Problem. Ob De Rossi fit wird, sei offen, sagte Conte nach dem Spiel. "Aber wenn er fehlt, werde ich eine Lösung parat haben." Er wird im Krankenhaus untersucht. "Wir haben ja noch vier Tage, um ihn fit zu bekommen", sagte Conte.

Wenig Sperren - großer Wille

Die Hoffnung, von mehreren Gelbsperren zu profitieren, erfüllte sich abgesehen von der gegen Thiago Motta für die deutsche Mannschaft nicht. Im Gegensatz zum Spiel gegen Belgien lösten die Italiener ihre Probleme spielerisch statt mit taktischen Fouls. Elf Spieler sind nun vorbelastet, das Problem weitgehend in ein mögliches Halbfinale verlegt.

Antonio Conte will nun mit Deutschland den nächsten Favoriten aus dem Turnier befördern. "Es gibt hier kein Morgen für Spanien, aber für uns. Und ab morgen denken wir nur an Deutschland. Für dieses Spiel brauchen wir eine titanische Leistung." Es wäre die nächste.

Stand: 27.06.2016, 21:47

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