Italiens alte Männer werden zu Mitfavoriten

Italien besiegt Belgien

Italiens alte Männer werden zu Mitfavoriten

Von Chaled Nahar (Lyon)

Italien hat dem Favoriten Belgien taktisch klare Grenzen aufgezeigt - und sich mit einem beeindruckend souveränen Sieg selbst wieder in den Kreis der Favoriten gespielt.

Wer vor der EM in einer Kneipe stand und über mögliche Favoriten des Turniers sprach, wurde mit einer neuen Mode konfrontiert: Belgien ging mit seinen zahlreichen starken Einzelspielern weit oben auf der Liste der Titelaspiranten in Turnier, noch vor Italien. Nach dem ersten Spiel dürfte sich das geändert haben.

Ob das 2:0 gegen Belgien das beste Spiel unter seiner Leitung gewesen sei, wurde Antonio Conte gefragt. "Das weiß ich nicht, aber wir haben eine Topmannschaft geschlagen", sagte er und forderte die Favoritenrolle praktisch zurück. "Alles sprach gegen uns, wir haben es gedreht."

Fünferkette raubt Belgien die Nerven

Italien raubte den Belgien mit einer taktisch disziplinierten Abwehrleistung die Offensive und damit ihre großen Stärke. Die Dreier-Abwehr mit Andrea Barzagli, Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini wurde bei belgischem Ballbesitz durch die beiden Außen Antonio Candreva und Matteo Darmian zu einer Fünferkette umgestellt.

Für die belgische Offensive mit ihren Feingeistern wie Eden Hazard, Kevin De Bruyne oder Marouane Fellaini eine ziemlich eklige Aufgabe, an der sie zusehends die Lust verloren.

Belgien erspielte sich lange Zeit kaum eine Torchance, die große Verzweifelung äußerte sich in zahlreichen Distanzschüssen, die Gianluigi Buffon im italienischen Tor meist mühelos einsammelte, so sie überhaupt aufs Tor kamen.

Italien bietet mehr als Mauerfußball

Nach dem Ende der Ära Andrea Pirlo und angesichts der Verletzungen von Marco Verratti (Leisten-OP) und Claudio Marchisio (Kreuzbandriss) im Mittelfeld fehlt Italien zwar ein Gestalter im zentralen Mittelfeld. Doch die Mannschaft blieb trotzdem zu jeder Zeit torgefährlich. Und so war es mit Leonardo Bonucci ein Innenverteidiger, der mit seinem langen Ball das Führungstor von Emanuele Giaccherini vorbereitete.

Wer in diesem Moment den altbekannten italienischen Mauerfußball erwartet hatte, wurde von einer durchaus spielfreudigen Mannschaft widerlegt. "Wir haben typisch italienische Qualitäten gezeigt: Opferbereitschaft, Demut, Fitness und Lust", sate Bonucci. Defensiv mit großer Disziplin und immer schnell zu zehnt oder zu elft hinter dem Ball, fand das Team auch nach vorne Ideen und hatte mehrmals die Möglichkeit, das Spiel früher für sich zu entscheiden. Doch erst der von Graziano Pellé abgeschlossene Konter sicherte den hochverdienten Sieg.

Halbwegs in Bedrängnis geriet Italien erst in der Schlussphase, als Belgien einige Chancen hatte. In der Schlussphase sank offenbar die Konzentration. Und vielleicht auch die Kraft, denn mit einem Durchschnitt von 31,5 Jahren hatte Antonio Conte die älteste Mannschaft der EM-Geschichte aufgestellt, die allerdings 120 Kilometer zurücklegte - Belgien nur 108.

Wechselhaftes Italien diesmal wieder oben?

Die alten Männer sind also fit wollen weit kommen. Bei der WM 2006, sowie den Europameisterschaften 2000 und 2012 erreichte Italien jeweils das Finale, die WM 2010 und die WM 2014 sowie die EM 2004 war schon nach der Vorrunde zu Ende. Italien hat eine sehr wechselhafte Turnierbilanz. "Die Wunde von der WM 2014 ist noch frisch", sagt Conte mit Blick auf das Vorrundenaus in Brasilien. Das Turnier in Frankreich, das bislang noch nach dem klaren Favoriten sucht, könnte nun wieder eines der italienischen Hochs werden.

Stand: 14.06.2016, 08:53

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