Tour de France: Hagel, Schlamm und Bernal in Gelb

Egan Bernal

19. Etappe der Tour de France

Tour de France: Hagel, Schlamm und Bernal in Gelb

Von Michael Ostermanm (Tignes)

Die 19. Etappe der Tour de France wird nach einem Hagelsturm abgebrochen. Dennoch gibt es einen neuen Gesamtführenden. Der Kolumbianer Egan Bernal hat nun die besten Chancen, die Tour als Sieger zu beenden.

Es waren seltsame Szenen, die sich in Tignes abspielten. Kolumbianische Fans feierten Egan Bernal, als der mit dem Auto im Ziel der 19. Etappe der Tour de France vorgefahren wurde, um sein Gelbes Trikot abzuholen. Die Etappe war da schon seit einer Stunde beendet, unterwegs abgebrochen wegen eines Unwetters, das die Straßen auf der Abfahrt vom Col de l’Iseran mit einer dicken Hagelschicht belegt hatte.

Zeiten auf dem Col de l'Iseran genommen

Die Kamerahubschrauber zeigten Räumfahrzeuge auf der Strecke, auf der eigentlich die Radprofis Richtung Val d’Isere hätten fahren sollen. Weiter unten blockierte eine Schlammlawine den Kurs. Es gab keine Alternative zu der Entscheidung, die Etappe abzubrechen. Das machten diese Bilder deutlich. "Ich bin froh, dass wir die Fahrer ohne Probleme in ihre Hotels bekommen haben", sagte Tourdirektor Christian Prudhomme. "Wir haben nun zwar keinen Etappensieger, aber wenigstens ein neues Gesamtklassement."

Die Jury hatte entschieden, die Zeiten der Fahrer auf dem 2.770 Meter hohen Gipfel des Col de l’Iseran als Grundlage für diese neue Gesamtwertung zu nehmen. Dort war Bernal als erster Fahrer angekommen, etwa zwei Minuten vor dem bis dahin führenden Franzosen Julian Alaphilippe, der nun rund 48 Sekunden hinter dem Kolumbianer auf Rang zwei liegt.

Bernal wollte weiterfahren

Die Top-Fahrer befanden sich auf der Abfahrt vom Col de l’Iseran, als Radio Tour das vorzeitige Ende der Etappe verkündete. Doch nicht alle wollten glauben, was die sportlichen Leiter per Funk an sie weitergegeben hatten. Schließlich fuhren sie zu diesem Zeitpunkt auf einer trockenen Straße. Auch Bernal raste zunächst weiter Richtung Tal. "Ich wusste nicht, was los ist", sagte der 22 Jahre alte Kolumbianer. "Ich habe gesagt: Nein, ich will weiterfahren. Sie haben Englisch mit mir gesprochen, deswegen war ich erst nicht sicher."

Emanuel Buchmann und Bernals Teamkollege Geraint Thomas, die sich wie der Niederländer Steven Kruijswijk in der Gruppe hinter Bernal befanden, versicherten sich auch erst einmal gegenseitig, dass das Rennen vorbei war. "So richtig geglaubt hat man das nicht. Es hat ja nicht geregnet oder gehagelt bei uns und sah ja auch gut aus", sagte Buchmann. "Und in der Situation ging es gerade schon ziemlich rund. Da denkt jeder erstmal ans Radfahren und nicht daran, dass das Rennen abgebrochen wird."

Regeln lassen der Jury mehrere Optionen

Einige Fahrer mussten von Tourdirektor Prudhomme aus dem fahrenden Auto heraus persönlich davon überzeugt werden, dass das Rennen nicht bis Tignes weitergehen würde. Aber hinterher waren sich alle einig, dass die Entscheidung richtig gewesen war. "Es gab keinen Grund, unser Leben zu riskieren", sagte Peter Sagan, nachdem er auf dem Podium wieder mit dem Grünen Trikot ausgestattet worden war.

Dass man auf einen Etappensieger verzichtete, und das Klassement nach der Ankunft auf dem Iseran neu sortierte, ist eine von mehreren Möglichkeiten, die die Rennjury im Falle eines Rennabbruchs hatte. Die UCI-Regel 2.2.029 legt fest, dass es entweder kein Ergebnis gibt, die Zeitabstände im Moment des Abbruchs oder an einem vorangegangenen Zwischensprint oder einer Bergwertung genommen werden können.

Alaphilippe: "Ich bereue nichts"

Während er seine Fahrt austrudeln ließ, erfuhr Bernal von seinem sportlichen Leiter im Auto, dass er das Gelbe Trikot von Alaphilippe übernehmen würde. Der Franzose hatte am Anstieg zum Col de l’Iseran den Anschluss verloren, als erst Vorjahressieger Thomas, dann der Niederländer Kruijswijk und schließlich Bernal attackiert hatten.

Alaphilippe, 14 Tage lang in Gelb, schien zunächst mehr als frustriert, dass das Rennen mittendrin abgebrochen worden war. Er hatte wohl gehofft, mit einer waghalsigen Abfahrt wieder Boden gutzumachen, wie schon am Vortag am Galibier. Aber auch er musste einsehen, dass die Etappe richtigerweise so zu Ende ging. "Es ist für alle dieselbe Situation", sagte er dem französischen Fernsehen. "Ich habe alles gegeben und bereue nichts." Dass er das Gelbe Trikot zurückholen kann, glaubt Alaphilippe nicht. "Es war ein Traum, es so lange getragen zu haben, länger als ich mir je hätte vorstellen können."

Bernal zu Tränen gerührt

So wird also auch in diesem Jahr wieder kein Franzose die Tour de France gewinnen, nachdem der andere französische Topfahrer im Klassement, Thibaut Pinot, das Rennen wegen einer Muskelverletzung vorzeitig beenden musste. Vor der letzten Bergetappe hat Bernal nun die besten Karten, am Sonntag in Paris als Sieger geehrt zu werden. Der Kolumbianer war zu Tränen gerührt, als er auf dem Podium das Maillot Jaune übergestreift bekam. "Ich weiß nicht, was gerade passiert“, sagte er. "Dass ich das Gelbe Trikot tragen darf, ist unglaublich"

Noch sind die Abstände in der Gesamtwertung sehr eng. Auch Emanuel Buchmann ist als Fünfter mit 1:55 Minuten Rückstand weiter in Schlagdistanz zum Gelben Trikot. Aber Bernal hat auf den bisherigen schweren Alpenetappen gezeigt, dass er der beste Kletterer ist.

20. Etappe auf 60 Kilometer verkürzt

Am Samstag auf der Etappe nach Val Thorens bleibt den Fahrern nur wenig Zeit, für Bewegung im Klassement zu sorgen. Wegen der chaotischen Wetterverhältnisse wurde der Cormet de Roselend gesperrt, die Etappe auf 60 Kilometer gekürzt. Doch der harte Schlussanstieg mit 33 Kilometern Länge bleibt. Bernal darf auf die Unterstützung seines gesamten Teams bauen. "Egan hat das Gelbe Trikot, jetzt muss er den Job zu Ende bringen und ich werde ihn dabei unterstützen", sagte Vorjahressieger Thomas. Der Tour steht nun ein dramatisches Finale bevor. Und wer weiß, welche Überraschung sie noch zu bieten hat.

Stand: 26.07.2019, 21:33

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