Tour de France: Politts Pläne werden durchkreuzt

Nils Politt

Kölner auf 17. Etappe als Ausreißer

Tour de France: Politts Pläne werden durchkreuzt

Von Michael Ostermann (Gap)

Nils Politt nutzt auf der 17. Etappe der Tour de France die letzte Chance für Allrounder und springt in die Ausreißergruppe des Tages. Dort geht sein Plan im Finale jedoch nicht auf. Und auch die Geburt seiner Tochter kann er nicht länger geheim halten.

Nils Politt hatte einen Plan. Der Kölner wollte diese Tour einfach zu Ende fahren und dann - vermutlich in Paris - bekannt geben, dass er Vater einer Tochter geworden ist. Doch nun stand er schwitzend und mit Kopfschmerzen hinter dem Zielbereich der 17. Etappe in Gap und musste sein Vaterglück schon vorher preisgeben. "Jetzt ist es halt raus", sagte Politt. Er klang nicht begeistert.

Schnuller aus dem Auto

Seit ein paar Tagen ist seine Tochter, deren Namen er nicht nennen wollte, auf der Welt. Warum der 25 Jahre alte Radprofi die Sache für sich behalten hat, wurde nicht ganz klar. Schließlich wussten ja alle, dass seine Frau Annike während der Tour de France entbinden würde. Politt war die Fragerei auch schon leid. Er werde schon bekannt geben, wenn es soweit sei, erklärte er immer wieder.

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Vermutlich wollte er einfach seine Ruhe haben, um sich auf den kräftezehrenden Job in Frankreich zu konzentrieren. Doch dieses Vorhaben wurde nun von seinem eigenen Team Katusha-Alpecin durchkreuzt. Der sportliche Leiter Xavier Florencio hatte ihm während der Etappe von Pont du Gard nach Gap einen Schnuller aus dem Auto entgegengestreckt, gut sichtbar für die Kamera des französischen Fernsehens und damit für sämtliche Zuschauer, die den Hinweis natürlich direkt verstanden.

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01:39 Min. Verfügbar bis 24.07.2020

In einer bärenstarken Gruppe

"Ich habe keine Ahnung, wo der Schnuller herkam", sagte Politt im Ziel und lächelte gequält. "Vielleicht wollte er mich motivieren." Politt war zu diesem Zeitpunkt Teil einer 34 Mann starken Ausreißergruppe. Es war die letzte Chance für Allrounder wie ihn, sich um einen Etappensieg zu bewerben. Auf den drei schweren Alpenetappen, die nun noch folgen, und beim Sprintfinale auf den Champs-Élysées wird er nichts bestellen können.

Es war eine bärenstarke Gruppe, die sich da gebildet hatte. Der Europameister und spätere Etappensieger Matteo Trentin gehörte dazu, Olympiasieger Greg Van Avermaet, der endschnelle Edvald Boasson Hagen und natürlich der König der Baroudeure, der Belgier Thomas De Gendt. Bis 35 Kilometer vor dem Ziel hatten die Flüchtigen zusammengearbeitet. Der Vorsprung auf das Feld war da schon auf mehr als eine Viertelstunde angewachsen und so begann die Koalition zu bröckeln. Jeder Ausreißer begann nun, seine eigenen Interessen und Strategien zu verfolgen.

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Politt attackiert als einer der Ersten

Auch Politt hatte seinen Plan für das Finale. Doch auch dieser ging nicht auf. Politt war einer der Ersten, der eine Attacke setzte. "Es war eine sehr starke Gruppe. Ich war alleine, die anderen nicht, das war nicht ganz einfach", beschrieb Politt die Situation. "Ich bin dann in die Offensive gegangen, aber die anderen haben auf mich geguckt."

Das kann kaum verwundern. Politt ist im Frühjahr Zweiter bei Paris-Roubaix gewesen. Die Konkurrenten wissen, dass sie ihn nicht einfach ziehen lassen können. Dem Deutschen wiederum war klar, dass er den Anstieg der dritten Kategorie, von dessen Gipfel es nur noch 8,5 Kilometer zum Ziel sein würden, mit etwas Vorsprung angehen müsste, um nicht abgehängt zu werden. Als Politt gestellt war, setzte eine Gruppe um Van Avermaet eine Konterattacke, die sich als vorentscheidend erwies.

Trentin als Solist

In solchen Finalen beäugen sich die Fahrer in einer Ausreißergruppe. Sie versuchen abzuschätzen, wessen Beine noch gut sind und an wem man sich orientieren kann. Politt hatte sich den Belgier Dylan Teuns, Etappensieger in La Planche Des Belles Filles in der ersten Woche der Tour, als Favoriten ausgeguckt, der ihn vielleicht auch noch einmal nach vorne bringen würde. "Ich dachte, er springt noch hin, aber das war nicht der Fall. Und dann waren sie weg", berichtete Politt.

Vorne waren noch elf Fahrer übriggeblieben, von denen sich Trentin recht schnell löste, obwohl er auch seinem Sprint hätte vertrauen können. "Es ist die dritte Woche der Tour, da kann man sich nicht darauf verlassen", begründete der Italiener seine Solo-Attacke noch vor dem Anstieg zum Col de la Sentinelle. Zudem fürchtete er den Dänen Jasper Asgren, den er zu Recht als besonders stark einschätzte. Asgren kam 37 Sekunden nach Trentin als Zweiter ins Ziel.

17. Etappe - die komplette Etappe Sportschau 24.07.2019 05:32:21 Std. Verfügbar bis 24.07.2020 Das Erste

Politt trotz allem zufrieden

Politt bekam von all diesen Dingen nichts mehr mit. Er kam drei Minuten nach dem Etappensieger als 23. ins Ziel. Er sei trotzdem zufrieden mit seinem Tag, sagte er. Auch wenn alle seine Pläne nicht aufgegangen waren. Den einen hatten die Konkurrenten auf der Straße zunichte gemacht, den anderen seine Mannschaft. Das passt ins Bild, das Katusha-Alpecin bei dieser Tour bisher abgegeben hat. Das Team steht angeblich vor dem Aus, aber genau weiß man das alles nicht.

Politt nimmt all das in diesen Tagen eher gelassen zur Kenntnis. Weder die Geburt seiner Tochter, noch die Querelen um das Team haben ihn von seinem Job in Frankreich ablenken können. Um seinen Arbeitsplatz muss er sich nach seinem erfolgreichen Frühjahr eh nicht sorgen. Angebote dürfte es genug geben. Und seine Tochter, die er bisher nur per Video gesehen hat, wird er dann bald schon im Arm halten: "Jetzt freue ich mich umso mehr, am Montag nach Hause zu kommen."

Stand: 24.07.2019, 20:19

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