Tour de France: Pinot zersprengt das Peloton

Thibaut Pinot

15. Etappe

Tour de France: Pinot zersprengt das Peloton

Von Michael Ostermann (Foix)

Die Tour de France erlebt auch bei der zweiten Bergankunft in den Pyrenäen die pure Anarchie. Der Franzose Thibaut Pinot treibt auf der 15. Etappe das Feld der Favoriten auseinander und kann sich nun selbst wieder Hoffnungen auf den Gesamtsieg machen.

Der Titelverteidiger verwendete einen Kraftausdruck, um klarzustellen, wie er die Konkurrenz einschätzt, die ihm da Stück für Stück auf die Pelle rückt und ihm Zeit abnimmt. "Die Jungs da vorne sind verflucht stark gewesen", so könnte man die Worte von Geraint Thomas nach der 15. Etappe der Tour de France übersetzen. In seiner Muttersprache nannte er sie "fucking strong".

Ein Angriff nach dem anderen 

Gemeint waren vor allem der Franzose Thibaut Pinot, Emanuel Buchmann und Thomas’ Teamkollege Egan Bernal, die dem Vorjahressieger auf dem Schlussanstieg hinauf zum Prat d’Albis oberhalb von Foix davongefahren waren. Vor allem Pinot hatte die Gruppe der Favoriten auf den letzten und sehr steilen 11,8 Kilometern mit einem Angriff nach dem anderen zersprengt.

"Es war mein Wetter, eine Etappe, wie ich sie mag", sagte Pinot im Ziel. "Ich wusste das es zum Ende hin flacher werden würde, deswegen konnte ich in den steilen Stücken in den roten Bereich gehen." Das erste Opfer war Vorjahressieger Thomas, der genau wie der Niederländer Steven Kruijswijk schon bei der ersten Attacke nicht mehr mitkam. 

"Der stärkste Kletterer"

Der nächsten Tempoverschärfung fiel Julian Alaphilippe im Gelben Trikot zum Opfer, dann musste Buchmann reißen lassen und schließlich auch Bernal. Nur der Etappensieg blieb Pinot verwehrt, den fuhr der Brite Simon Yates, der zu einer großen Fluchtgruppe gehört hatte, ein. Doch Yates spielt für die Gesamtwertung keine Rolle. "Ich habe auf alle anderen Zeit gewonnen, das war die Hauptsache", erklärte Pinot. 

Vier Tage in den Pyrenäen haben dem 29-Jährigen genügt, um seine Laune deutlich zu heben. Die Tour schien für Pinot schon verloren zu sein, nachdem er im Zentralmassiv am falschen Ende der Windkante platziert gewesen war und deswegen auf der elften Etappe 1:40 Minuten verloren hatte. Doch mit einem sehr guten Zeitfahren und zwei starken Auftritten am Tourmalet und am Plat d’Albis ist er nun wieder im Rennen. "Er ist der stärkste Kletterer", sagte Buchmann, selbst stark am Berg, in Foix über Pinot. "Für mich ist er jetzt der Favorit."

Alaphilippe zeigt erste Schwächen

In der Gesamtwertung belegt Pinot nun schon wieder Rang vier, sein Rückstand auf Alaphilippe und das Gelbe Trikot beträgt nur noch 1:50 Minuten, auf den Zweitplatzierten Geraint Thomas sind es gar nur noch 15 Sekunden. Letzteres ist die wichtigere Referenzgröße, denn bei Alaphilippe scheinen nun doch langsam die Kräfte zu schwinden. 

15. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 21.07.2019 03:45 Min. Verfügbar bis 21.07.2020 Das Erste

"Ich musste an meine Reserven gehen. Was mir heute zum Verhängnis wurde, war mein Einsatz in der vergangenen Woche. Das hat mich viel Kraft gekostet", sagte er. "Als Träger des Gelben Trikots hast du auch eine Verantwortung. Ich habe es viele Tage verteidigt und dafür heute bezahlt." Noch ist Alaphilippe die Bürde des Maillot Jaune nicht los. Und nach dem zweiten Ruhetag am Montag (22.07.2019) steht eine Flachetappe an, bevor es dann in die Alpen geht. 

Macron hält den Champagner bereit

Dort wird sich die Tour de France entscheiden, aber es ist nach wie vor offen, wer die besten Karten auf den Gesamtsieg hat. Bei Alaphilippe, der bisher noch nicht als großer Rundfahrer auffällig geworden ist, muss man jedoch davon ausgehen, dass er nicht ganz oben auf dem Podium stehen wird. Dass er auch nach den Pyrenäen immer noch in Gelb gekleidet ist, ist schon eine Überraschung. "Die Alpen werden eine große Baustelle für mich", sagt er. 

Alaphilippe und Pinot tragen die Hoffnung einer ganzen Nation. Nach 15 Etappen ist nämlich die Aussicht, dass ein Franzose zum ersten Mal seit Bernard Hinault wieder die Tour gewinnt, noch immer in greifbarer Nähe. Längst ist daraus eine nationale Angelegenheit geworden. Auch der Staatspräsident Emmanuel Macron, am Samstag staunender Beobachter des Pinot-Triumphs am Tourmalet, wünschte sich, einer der beiden Franzosen möge doch bitte in einer Woche in Gelb nach Paris einfahren. Der Champagner sei schon bereitgestellt. 

Die Mission erfüllen

Alaphilippe allerdings wirkte nach der zweiten Bergankunft in den Pyrenäen so müde, dass man schon fast Mitleid mit ihm haben konnte. Immer wieder legte er während der Pressekonferenz seinen Kopf auf die Tischplatte vor ihm, nur um von der nächsten Frage direkt wieder aufgeschreckt zu werden. Womöglich wäre es ihm ganz recht, wenn demnächst Pinot die Last des Gelben Trikots auf seinen Schultern hätte. "Thibaut ist stark", sagte Alaphilippe mit schwerem Blick. "Wenn ich einbrechen sollte, hoffe ich, dass er die Mission erfüllt."

Dafür muss Pinot allerdings darauf hoffen, dass die Anarchie im Feld weiter anhält. Denn noch hat die britische Equipe Ineos objektiv betrachtet die besten Chancen, auch wenn sie diese Etappe nicht dominieren konnte. Thomas hält seinen zweiten Platz hinter Alaphilippe und dahinter lauert noch sein Teamkollege und Co-Kapitän Bernal. Der Kolumbianer ist Gesamtfünfter, liegt keine halbe Minute hinter Thomas und nur zwölf Sekunden hinter Pinot. 

Buchmann träumt von Gelb - auf Englisch

Und dann sind da noch der Niederländer Steven Kruijswijk und natürlich Emanuel Buchmann, für den sich nun langsam auch die internationalen Medien interessieren, nachdem er auch auf der 15. Etappe nicht nur mit den besten Fahrern mitkletterte, sondern bis auf Pinot auch auf alle anderen Zeit gewann. Sein Rückstand auf das Gelbe Trikot beträgt nur noch 2:14 Minuten. Ob er die Tour gewinnen könne, wollte ein britischer Journalist von Buchmann wissen. "Das wäre ein Traum", antwortete Buchmann. So forsch hatte er sich bislang noch nicht geäußert, doch bei dieser Tour scheint eben alles möglich.

Stand: 21.07.2019, 20:35

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