Tour de France: Bernal bringt sich in Stellung

Egan Bernal überquert die Ziellinie der 18. Tour de France Etappe 2019

18. Etappe der Tour de France

Tour de France: Bernal bringt sich in Stellung

Von Michael Ostermann

Der eine Kolumbianer gewinnt die Etappe, der andere rückt in der Gesamtwertung auf Rang zwei vor. Während Nairo Quintana seine Tour de France auf der 18. Etappe wieder ins Lot bringt, hat Egan Bernal nun Gelb im Visier.

Ein Déjà-vu: Auf der Anfahrt zum Galibier waren sie wieder da, die schwarzen Trikots. Der Streifen ist mittlerweile burgundrot, nicht mehr hellblau, aber aufgereiht waren sie wieder vorne in der Favoritengruppe. Spätestens da musste allen klar sein, dass das von Sky in Ineos umbenannte britische Team einen Angriff starten würde auf der 18. Etappe der Tour de France über den Galibier nach Valloire. Die Frage war, wann, und mehr noch, wer?

Alaphilippe klammert sich an Gelb fest

18 Kilometer vor dem Ziel gab es die Antwort: Egan Bernal war es, der die Attacke lancierte. Am Ende hatte er 32 Sekunden auf die anderen Favoriten hinausgefahren. In der Gesamtwertung belegt er nun Rang zwei mit 1:30 Minuten Rückstand auf Julian Alaphilippe, der sich weiter an das Gelbe Trikot klammert. Aber dahinter hat sich Bernal noch besser in Stellung gebracht für den Moment, an dem der Franzose endgültig loslassen muss.

Lange kann das nicht mehr dauern. Alaphilippe hatte offensichtlich Probleme auf den letzten Kilometern hinauf zum Galibier. Dass er nicht mehr Zeit auf Bernal verlor als die anderen vorne platzierten Fahrer in der Gesamtwertung, hatte er seinem waghalsigen Abfahrtsstil zu verdanken, mit dem er die halbe Minute Rückstand, die er auf dem Gipfel hatte, wieder zufahren konnte. Aber auf ähnliche Manöver wird er nicht bauen können in den kommenden, entscheidenden Etappen. Am Freitag und Samstag endet der Tag mit einem Schlussanstieg.

18. Etappe - die Stimmen Sportschau 25.07.2019 01:55 Min. Verfügbar bis 25.07.2020 Das Erste

Thomas fordert Bernal zur Attacke auf

"Er hatte jetzt zwei, drei Ruhetage und konnte sich erholen. Wenn er jeden Tag voll am Limit ist, wird er irgendwann einbrechen", war sich Emanuel Buchmann in Valloire sicher. Der Ravensburger war auch am Galibier wieder recht locker mitgefahren mit den anderen Favoriten. Erst als Bernals Teamkollege Geraint Thomas kurz vor dem Gipfel auch noch einmal das Tempo verschärfte, musste Buchmann kämpfen. "Ab da war ich am Limit", sagte er.

Buchmann verlor aber keine Zeit auf die anderen. Sein Rückstand auf das Gelbe Trikot beträgt weiter 2:14 Minuten. Er bleibt auf dem sechsten Platz der Gesamtwertung. Die einzige Verschiebung im vorderen Teil des Klassements war das Vorrücken von Bernal, der von Rang fünf auf Rang zwei und vorbei an Thomas rückte. Er tat das auf ausdrücklichen Wunsch des Vorjahressiegers. "'G' hat mir gesagt, dass ich attackieren und rausgehen soll, und dass er es später dann auch versuchen würde", erzählte Bernal. "Wir sind ein Team und alles, was wir tun, machen wir, weil die sportliche Leitung es uns sagt."

18. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 25.07.2019 04:47 Min. Verfügbar bis 25.07.2020 Das Erste

Ein Vorgeschmack auf das, was kommt

Das Team Ineos dürfte am Galibier einen Vorgeschmack darauf gegeben haben, was die Konkurrenz in den kommenden Tagen zu erwarten hat. Denn Thomas liegt nur fünf Sekunden hinter Bernal auf Rang drei. Eine glänzende Position, um die anderen Favoriten mit wechselseitigen Angriffen zu zermürben. "Die Ansage kam für Egan, in der Hoffnung, dass das die Sache lostreten würde, das hat es aber nicht. Dann habe ich es auch versucht, nur um die anderen zu testen", sagte Thomas.

Seine Attacke sorgte für Überraschung bei den Konkurenten. "Wenn Thomas zu Egan hätte aufschließen können, wäre es ein richtig guter Plan gewesen, aber es hat nicht funktioniert", stellte der Niederländer Steven Kruijswijk, der Gesamtvierte, erleichtert fest. Es war der andere französische Hoffnungsträger Thibaut Pinot, der die Lücke zu Thomas für die anderen schloss. In die Initiative gehen konnte der Kapitän der Equipe Groupama-FDJ anders als in den Pyrenäen diesmal nicht. "Das war kein so großer Tag für mich", erklärte Pinot im Ziel. "Bernal war richtig stark und die Attacke von Thomas hat auch gesessen."

Die Höhe als Vorteil für Bernal

Bernal war im Vorfeld der Tour schon zum Topfavoriten erklärt worden, obwohl er erst 22 Jahre alt ist. Vor allem der Vorteil, den er aufgrund seiner kolumbianischen Herkunft in der Höhe oberhalb von 2.000 Metern hat, könnte in den kommenden zwei Tagen in den Alpen den Ausschlag geben. Am Freitag (26.07.2019) führt die 19. Etappe das Feld über den Col de l’Iseran auf 2.770 Meter Höhe und dann ins Ziel nach Tignes auf 2.113 Meter.

"Die Höhe ist gut für ihn. Wir sind es gewohnt, auf 2.000 Metern Höhe zu leben", sagte Bernals Landsmann Nairo Quintana, der die Etappe über den Galibier als Sieger beendet hatte. Der Frage, ob Bernal, die Tour gewinnen werde, wich Quintana jedoch aus. Eigentlich hatte er es ja sein wollen, der als erster Kolumbianer das Gelbe Trikot nach Paris trägt. Doch nach einem Sturz auf der elften Etappe nach Toulouse, bei der er sich am Ellenbogen verletzte, verlor Quintana im Zeitfahren in Pau und in den Pyrenäen den Anschluss an die Spitze. "Ich habe gelitten", sagte er in Valloire. "Wenn ich nicht gestürzt wäre, wäre ich im Klassement weiter vorne."

Buchmann bleibt gelassen

Quintana ist nach seinem Etappensieg, den er als Teil einer Ausreißergruppe vorbereitete und mit einer entscheidenen Attacke am Galibier vollendete, im Gesamtklassement hinter Buchmann auf Rang sieben vorgerückt. Sein Rückstand auf das Gelbe Trikot beträgt 3:54 Minuten, auf Bernal fehlen ihm nur 2:24 Minuten. Quintanas Teamkollege Mikael Landa liegt eine weitere Minute dahinter auf Rang acht. "Movistar ist jetzt in einer sehr guten Position und kann mehrere Karten spielen", gab der Franzose Pinot zu bedenken.

Gleiches gilt für das Team Ineos mit Bernal und Thomas. Buchmann, der nach wie vor als Underdog im Feld der Favoriten gilt, bleibt bei all den taktischen Überlegungen der Konkurrenz gewohnt gelassen. Er vertraut darauf, dass seine Form bis zum Schluss halten wird. "Wenn es heute gut war, warum soll es dann die nächsten zwei Tage nicht auch gut sein?", fragte er. Ob er selbst angreifen wird? "Wenn es die Situation ergibt, ja."

Stand: 25.07.2019, 20:49

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