Tour de France: Ewan überwindet den Hitzekoller

Caleb Ewan gewinnt den Sprint auf der 16. Etappe der Tour de France

Die Analyse nach der 16. Etappe

Tour de France: Ewan überwindet den Hitzekoller

Von Michael Ostermann (Nimes)

Caleb Ewan gewinnt den erwarteten Massensprint in Nimes. Doch das große Thema der 16. Etappe ist die Hitze, die auch dem Etappensieger schwer zu schaffen macht.

Es ging alles sehr schnell im Zielbereich der 16. Etappe der Tour de France in Nimes. Die Fans, die dort stundenlang im spärlichen Schatten ausgeharrt hatten, um einen Blick auf die Protagonisten des Rennens zu werfen, bekamen nicht viel zu sehen. Die meisten Radprofis waren ruckzuck in den klimatisierten Bussen verschwunden. Kühlwesten, Getränke, ab in den Bus - raus aus der Hitze.

Eiswürfel im Helm und im Trikot

Nur diejenigen, die noch Verpflichtungen hatten, mussten noch bleiben. Caleb Ewan, der Etappensieger zum Beispiel oder Julian Alaphilipe, der nach wie vor das Gelbe Trikot trägt. Der Franzose allerdings machte ebenfalls direkt nach der Podiumszeremonie die Biege und verzichtete auf einen Gang durch die Mixed Zone und in die Pressekonferenz, um die Fragen der Weltpresse zu beantworten.

Die Hitze war eines der beherrschenden Themen an diesem Tag. Schon mittags am Start an der römischen Arena in Nimes hatte das Thermometer 38 Grad im Schatten angezeigt, und unterwegs war es dann auf der meist freien, schattenlosen Fläche sogar deutlich heißer gewesen. Man sah Fahrer Eiswürfel in die Luftschlitze ihrer Helme und unter das Trikot stecken, um sich ein wenig Kühlung zu verschaffen.

16. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 23.07.2019 03:13 Min. Verfügbar bis 23.07.2020 Das Erste

Regeln für extremes Wetter

"Das war schon extrem heute", sagte Grischa Niermann, sportlicher Leiter bei der niederländischen Equipe Jumbo-Visma, dessen Sprinter Dylan Groenewegen auf Rang drei gesprintet war. "Das Peloton dann auf die Reise zu schicken, gehört dazu, aber gesund ist das nicht."

Seit 2016 gilt im Radsport das so genannte "Extreme Weather Protocol". Darin werden Maßnahmen aufgelistet, die bei besonderen Bedingungen wie Schnee, Eisregen, Sturm, Nebel, Smog oder eben großer Hitze ergriffen werden können. Eine der möglichen Maßnahmen ist, die Startzeit zu verlegen. "Früher starten, am besten um sieben Uhr", lautete Niermanns Vorschlag - nach der Etappe. "Aber das ist wahrscheinlich nicht möglich."

Möglich schon, aber dafür muss es ein Treffen aller Beteiligten geben. Rennveranstalter, Rennarzt, der oberste Rennkommissär sowie Vertreter der Teams und der Fahrer sollen daran beteiligt werden. So ist es in dem Protokoll beschrieben. Jede Partei kann das Treffen einfordern, das ist in Nimes aber nicht geschehen. Und so quälte sich das Peloton durch diesen heißen Tag.

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Ewan wollte schon aufgeben

Auch der spätere Etappensieger hatte mit den Temperaturen zu kämpfen. "Um ehrlich zu sein: Ich habe mich richtig mies während des Rennens gefühlt", sagte Ewan: "Ich glaube, die Hitze hat mich echt erwischt. Ich habe so gelitten und wollte schon meinen Teamkollegen sagen, dass sie vorne im Feld nicht mehr arbeiten sollen. Meine Beine waren tot."

Dass er es nicht tat, hatte auch damit zu tun, dass dies die vorletzte Chance für die Sprinter war, um noch einen Etappensieg zu landen. Und Ewan hatte sich extra vorbereitet auf dieses Finale. Am Morgen hatte er die Gelegenheit genutzt, die finalen Kilometer der Etappe in Augenschein zu nehmen, da Start und Ziel nur rund einen Kilometer Luftlinie auseinanderliegen.

Gut vorbereitet, früh gestartet

Als Schlüsselstelle hatte er einen Kreisverkehr knapp zwei Kilometer vor dem Ziel ausgemacht. Kurz vorher hatte ihn sein deutscher Kollege Roger Kluge in Position gebracht, dennoch war Ewan nach eigenem Ermessen etwas zu weit hinten aus dem Kreisverkehr gekommen. Doch mit Hilfe des Sprintzuges des Italieners Elia Viviani gelang ihm der Sprung zurück nach vorne, wo er seinen Sprint trotz Gegenwinds schon früh startete und Viviani sowie den Niederländer Dylan Groenwegen auf die Plätze verwies.

Es war Ewans zweiter Etappensieg, weil er im Finale wieder die richtigen Entscheidungen getroffen hatte. Eine Fähigkeit, die er seit seinem zehnten Lebensjahr verfeinert hat, wie er erzählte. Denn damals war er auf der Bahn meist unterlegen, wenn er versuchen wollte, die Dinge nur mit Kraft zu regeln. "Ab da habe ich begonnen, an die richtigen Hinterräder zu springen", erzählte Ewan.

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Schwere Zeiten für die Sprinter

Auch in Nimes hatte er damit Erfolg. Weshalb am Teambus seiner Mannschaft Lotto-Soudal die Sektkorken knallten, während Ewan am Podium seine erst vor wenigen Wochen geborene Tochter Lily und seine Ehefrau Ryann in den Arm nehmen durfte. "Die Tour ist der Höhepunkt in unserem Sport und ich werde meiner Tochter später einmal erzählen können, dass das erste Rennen, was sie miterlebt hat, mein Etappensieg hier war."

Den Sprintern stehen nun schwere Zeiten bevor. Am Mittwoch (24.07.2019) fährt das Peloton in Richtung Alpen, wo ab Donnerstag das Hochgebirgsfinale die Entscheidung über den Toursieg 2019 bringt. Es soll auch weiter heiß bleiben. Die schnellen Männer werden dann einfach nur durchkommen wollen bis Paris, wo sie dann noch einmal um den Sieg sprinten werden.

Ewan, der bislang der konstanteste Sprinter dieser Tour gewesen ist, gilt nun als Favorit auf den Sieg. "Für jeden Sprinter ist dies der eine Sprint, den er am Ende seiner Karriere in seinen Palmares haben will", sagte Ewan. Auch davon will er später einmal seiner Tochter erzählen.

Stand: 23.07.2019, 18:36

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