Buchmann vom Wind nach vorne geweht

Emanuel Buchmann

Gesamtwertung durcheinander gewirbelt

Buchmann vom Wind nach vorne geweht

Von Michael Ostermann (Albi)

Aus einer normalen Sprintetappe wird im Seitenwind ein packendes Drama. Auf der zehnten Etappe der Tour de France nach Albi wird die Gesamtwertung durcheinander gewirbelt. Zu den Gewinnern zählt Emanuel Buchmann.

Rund 150 Meter liegen zwischen dem Boulevard Édouard Andrieu und dem Place du 8 Mai 1945 in Albi. Am Montagnachmittag (15.07.2019) war das der Abstand zwischen Glück und Frust. Am Bus von Bora-hansgrohe, wenige Meter hinter dem Zielbereich, sah man zufriedene Gesichter, wohin man auch schaute. "Für unsere Gesamtfahrer ein sauguter Tag", urteilte Marcus Burghardt nach der zehnten Etappe der Tour de France.

Sprintetappe auf dem Papier

Etwas weiter die Straße hinunter lehnte dagegen ein sichtlich schlecht gelaunter Franzose mit roten Haaren an einem Fahrzeug des Teams Groupama-FDJ und bemühte eine Floskel. "Das ist nicht das Ende der Tour", wiederholte Philippe Mauduit, der Sportliche Leiter des Teams, einige Male. Das nicht, aber die Lage seines Klassementfahrers und französischen Hoffnungsträgers Thibaut Pinot, der so gerne die Tour de France gewinnen will, hat sich deutlich verschlechtert.

Eine Sprintetappe hatte auf dem Papier gestanden - und ja, gesprintet wurde auch in Albi. Aber es war kein Massensprint, sondern der Sprint einer nur 28 Mann starken Gruppe, den der Belgier Wout Van Aert gewann. Aber es gab noch mehr Gewinner an diesem Tag und dementsprechend auch einige Verlierer.

10. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 15.07.2019 02:46 Min. Verfügbar bis 14.07.2020 Das Erste

Feld zerreißt an der Windkante

Zu den Gewinnern zählte der Deutsche Emanuel Buchmann sowie das Team Ineos um den Vorjahressieger Geraint Thomas und den Kolumbianer Egan Bernal. Die Verlierer waren neben Pinot die Mitfavoriten Jakob Fuglsang aus Dänemark, Rigoberto Uran, der Gesamtzweite der Tour 2017 aus Kolumbien, und der Australier Richie Porte. Sie alle büßten im Gesamtklassement 1'40 Minute ein.

Etwa 30 Kilometer vor dem Ziel war das Feld im Seitenwind in mehrere Teile zerrissen. In einem Kreisverkehr hatte sich das Peloton in die Länge gezogen und nahm dort die Ausfahrt in die Windkante. Initiiert worden war die Tempoverschärfung vom Team EF Education First, das dann aber kurioser Weise seinen Kapitän Uran verlor. Andreas Klier, der Sportliche Leiter des Teams, war dann auch einigermaßen ratlos. "Es war eine breite Straße, vielleicht trete ich dann fünf Mal nicht und rolle im Windschatten", vermutete er, warum Uran den Anschluss verpasst hatte. "Ich denke, diese fünf Mal haben es dann ausgemacht, ob du in der ersten oder zweiten Gruppe bist."

Buchmann über die bisherige Tour: "Es sieht ganz gut aus" Sportschau 15.07.2019 01:37 Min. Verfügbar bis 14.07.2020 Das Erste

Die Gunst der Stunde

Während das amerikanische Team in das selbst entwickelte Chaos geriet, nutzten Buchmanns Team Bora-hansgrohe, das Team Ineos und die Deceuninck-Quick Step-Mannschaft mit dem Mann im Gelben Trikot, Julian Alaphilippe, die Gunst der Stunde. Die belgische Equipe weiß am besten, wie man bei solchen Verhältnissen agiert, die bei den Kopfsteinklassikern in Belgien häufig vorkommen. Und auch Bora-hansgrohe hat mit Marcus Burghardt und Peter Sagan Klassikerspezialisten im Team.

Und weg waren sie

"Wir sind den ganzen Tag aufmerksam gefahren. Wir wussten, dass es da gefährlich ist", sagte Buchmann, den sein Teamkollege Gregor Mühlberger im entscheidenden Moment nach vorne eskortiert hatte. Als das Feld dann gerissen war, arbeiteten die drei Mannschaften gemeinsam daran, den Vorsprung nach hinten zu vergrößern. "Quick Step, Bora und unsere Jungs haben den Moment gefühlt und weg waren sie", sagte der Manager des Teams Ineos, Sir David Brailsford. "Und als die Lücke da war, war es 'all in'."

Packendes Drama

In dem Moment wurde aus einer normalen Sprintetappe ein packendes Drama. Der Vorsprung auf die abgehängte Gruppe, ursprünglich nur rund 20 Sekunden groß, wuchs bis zur Zielgeraden in Albi beständig. Buchmann wehte der Wind an diesem Tag von Platz zehn der Gesamtwertung auf Rang fünf, Thomas und Bernal belegen jetzt mit etwas mehr als einer Minute Rückstand auf Alaphilippe die Plätze zwei und drei in der Gesamtwertung. Dazwischen liegt noch der Niederländer Steven Kruijswijk auf Rang vier (+1’27 Min.). Buchmann liegt 1’45 Minuten zurück.

Emanuel Buchmann - still und leise zum Erfolg Sportschau 15.07.2019 02:26 Min. Verfügbar bis 14.07.2020 Das Erste

"Das sieht saugut aus, wenn Emu Fünfter ist“, freute sich Burghardt. Buchmann selbst, der nicht zu emotionalen Ausbrüchen neigt, nahm das Ergebnis eher nüchtern zur Kenntnis. "Schön" sei das, sagte der 26 Jahre alte Ravensburger und lächelte. Es muss kein Nachteil sein, dass Buchmann nicht so schnell euphorisch wird.

Kühlen Kopf bewahren

Im Gegenteil: Bei einer dreiwöchigen Rundfahrt und gerade bei der Tour de France gilt es, stets einen kühlen Kopf zu bewahren. Denn selbst an Tagen, an denen scheinbar nichts passieren wird, kann auf einmal alles durcheinander gewirbelt werden. "Es ist wie eine Achterbahn, aber man darf sich nicht den Emotionen hingeben, sondern muss fokussiert bleiben", sagte Ineos-Teamchef Brailsford in Albi. "Dieses Rennen ist anders als alle anderen Rennen, man kann sich niemals ausruhen, es ist mental hart. Man kann nicht abschalten, sonst verpasst du den Anschluss."

So wie Thibaut Pinot, der noch wenige Tage zuvor mit einer Attacke auf dem Weg nach Saint-Étienne Zeit auf die Konkurrenten gewonnen hatte. In Albi war er nun ziemlich bedient, weil ihn der Wind von Rang drei der Gesamtwertung auf Platz elf mit 2’33 Minuten Rückstand zurückgeblasen hatte. Den Ruhetag muss der Franzose nun dazu nutzen, den Frust nicht größer werden zu lassen. "Wir haben diesen Kampf heute verloren", sagte Pinots Sportlicher Leiter Philippe Mauduit und bemühte noch einmal seinen Standardsatz: "Es ist nicht das Ende der Tour."

10. Etappe - die Stimmen Sportschau 15.07.2019 08:55 Min. Verfügbar bis 14.07.2020 Das Erste

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