Strikte Zwei-Fälle-Regel bei Tour der Ungewissheiten

Ein Fahrer von Jumbo-Visma wird vor dem Radrennen auf Fieber gemessen

Tour de France im Schatten von Corona

Strikte Zwei-Fälle-Regel bei Tour der Ungewissheiten

Von Tom Mustroph

Zwei positive Tests und die Tour de France ist für das gesamte Team beendet. Diese strikte Regelung begeistert nicht jeden: Ralph Denk vom Team Bora-hansgrohe fordert eine B-Probe. Viel größere Sorgen macht allerdings das aktuelle Infektionsgeschehen in Frankreich.

Der Start der Tour de France am nächsten Samstag (29.08.2020) rückt näher - und die Sorgenfalten im Gesicht von Tourchef Christian Prudhomme graben sich tiefer und tiefer ein. Denn die Infiziertenzahlen im Lande steigen. 4.771 Neuinfizierte gab Frankreichs Gesundheitsministerium für den 20. August an. Das war die höchste Zahl seit dem 14. April, damals wurden 5.497 positive Fälle registriert. Am gleichen Tag wurde übrigens die Verschiebung der Tour de France vom klassischen Monat Juli auf August und September bekannt gegeben.

Angesichts der Entwicklung der Infektionszahlen war das rückblickend vielleicht gar nicht so schlau. Denn im Juli lagen die Neuinfektionen an den meisten Tagen unter 1.000 Personen. Jetzt sind die Werte um ein Vielfaches höher. Alarmierend ist auch, dass die Neuinfektionen auf hohem Niveau verharren. Für den 21. August wurden 4.586 Fälle registriert. In der Region um Nizza, dem Startort der Tour de France, wurde die in Deutschland viel diskutierte Schwelle von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner mit 66 Fällen längst übertroffen.

In Paris, dem Zielort der Tour, sind es gar 84. Kein Wunder also, dass sich Prudhomme, versehen mit einer hellblauen Maske, im Fernsehen mit der Aufforderung an die Fans wandte: "Die Vernunft sagt uns, dass wir Masken tragen sollten, selbst wenn die formelle Verpflichtung zum Maskentragen Sache der Präfekten der 32 Departements ist, die die Tour passiert." Prudhomme schätzt die Gefahr, dass sein Event zur Verbreitung des Coronavirus beitragen könnte, offenbar als nicht gering ein.

Keine Selfies und Autogramme

Komplett kontrollieren lässt sich das 3.484 Kilometer lange Event natürlich nicht. "Wir können nicht auf jeden Meter an der Strecke einen Polizisten stellen", meinte ein ASO-Sprecher zur Sportschau. Appelliert wird daher vor allem an die Vernunft. Fans sollen auf Selfies und Autogramme verzichten, Masken tragen und auch mit Masken Abstand halten. Entgegen kommt den Organisatoren, dass in den meisten Departements wegen der verschärften Covid-19-Lage ohnehin Maskenpflicht auch draußen auf der Straße herrscht.

Für Spannungen freilich dürfte sorgen, dass an vielen Orten des Landes Radfahrer im Alltagsverkehr den Mund-Nasen-Schutz tragen müssen. Dagegen protestieren derzeit der Verband der Fahrradnutzer und viele angeschlossene Organisationen. Dringen sie mit ihrem Protest nicht durch, ist das Pandemie-Europa um ein weiteres Paradoxon reicher: Wer mit dem Rad an die Tourstrecke kommt, muss Maske tragen - und sieht dann ein Peloton von 176 Fahrern, die Körper eng beieinander, Mund und Nase ungeschützt in die kollektive Atemwolke haltend, an sich vorbeirasen.

Teamausschluss bei zweitem Coronafall

Gut, die Profis stecken in einer Hygieneblase. Sechs Tage vor dem Rennen müssen sich alle acht Fahrer und die bis maximal 22 Betreuer pro Team einem PCR-Test unterziehen. Drei Tage vor dem Rennen wird der Test wiederholt. Sollte dann jemand positiv sein, haben die Rennställe bis 10 Uhr am Tag des Grand Departs Zeit, diese Personen noch zu ersetzen. Ist das Rennen einmal gestartet, bedeutet ein positiver Fall den sofortigen Ausschluss der infizierten Person. Bei zwei Fällen pro Team muss das gesamte Team die Tour verlassen. So sieht es ein 18-seitiges Protokoll von Tourorganisator ASO vor, das den Teams ausgehändigt wurde.

Ralph Denk, Chef des deutschen Rennstalls Bora-hansgrohe, bestätigte der Sportschau die Zwei-Fälle-Regel. "Ich habe große Angst davor. Was ist, wenn ein Fahrer falsch positiv getestet wurde? Was ist, wenn ein Star der Tour, der Träger des Gelben Trikots vielleicht, wegen eines positiven Tests aus dem Rennen genommen wird, und dann stellt sich in einem zweiten Test heraus, dass er doch nicht positiv war?", beschreibt Denk das Problem. Er fordert eine B-Probe, analog zu den Dopingproben, um das Risiko falsch positiver Tests auszuschließen. Bisher reagierte die ASO auf diesen Vorschlag nicht, teilte Denk mit.

Nur 500 Zuschauer in Nizza erlaubt

Zwei weitere PCR-Tests sind an den beiden Ruhetagen für alle Teams vorgesehen. Täglich soll laut dem Hygienepapier der ASO aber auch der Gesundheitszustand aller Teammitglieder an die Organisatoren gemeldet werden. Beim Auftreten von Symptomen sollen PCR-Tests auch außer der Reihe vorgenommen werden.

Größere Menschenmengen in Frankreich gegenwärtig ohnehin nicht zugelassen. 5.000 Personen dürfen sich maximal versammeln. Christian Estrosi, Bürgermeister von Nizza, legt den Tourorganisatoren aber noch größere Beschränkungen auf. "Bei Etappenstart und -ziel der Etappen in Nizza dürfen jeweils nur maximal 500 Zuschauer in diesen Bereichen sein", erklärte er. Zuschauer müssen sich über die Website der Stadt anmelden und werden dann ausgelost. Zur Teampräsentation am Donnerstag (im Livestream auf sportschau.de) werden 1.750 Zuschauer zugelassen.

"Niemand weiß, ob dieses Rennen wie geplant beendet werden kann"

Reduziert hat sich auch der Tourtross. Die Werbekarawane soll laut Aussage Prudhommes nur noch etwa 100 Fahrzeuge umfassen und auf 60 Prozent reduziert sein. Statt wie bislang etwa 5.000 Personen begleiten nur noch 3.000 diese ganz besondere Tour de France. Sie werden nicht so regelmäßig getestet wie die Teamangehörigen, müssen aber auch einen negativen PCR-Test vorweisen, der nicht älter als fünf Tage vor Rennbeginn ist.

Wie lange die Tour unter diesen Bedingungen durch das Land rollt, weiß aktuell niemand zu sagen. UCI-Präsident David Lappartient meinte gegenüber dem Branchendienst "cyclingnews" in einer Mischung aus Optimismus und Skepsis: "Ein Rennen wird nicht wegen eines positiven Falls stoppen, aber niemand weiß, ob dieses Rennen auch wie geplant beendet werden kann." Es ist eine Tour der ganz großen Ungewissheiten.

Stand: 22.08.2020, 16:42

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