Alaphilippe und die Tour de France erleben ein Déjà-vu

Julian Alaphilippe

Franzose gewinnt 2. Etappe in Nizza

Alaphilippe und die Tour de France erleben ein Déjà-vu

Von Michael Ostermann (Nizza)

Julian Alaphilippe beglückt Frankreich am zweiten Tag der Tour de France mit einem Etappensieg und dem Gelben Trikot. Das weckt Erinnerungen an die Tour 2019, als der 28-Jährige die Gesamtführung erst kurz vor Schluss hergeben musste. Wie damals dämpft er die Erwartungen.

Es dauerte ein paar Minuten, bis Julian Alaphilippe die Fassung wiedergefunden hatte. Mit den Händen vor dem Gesicht hockte er auf dem Bordstein auf der Promenade des Anglais in Nizza und ließ seinen Tränen freien Lauf. Der Franzose hatte kurz zuvor die 2. Etappe der Tour de France mit einem wilden Jubel und schwingenden Fäusten als Sieger beendet und dann mit dem Zeigefinger in Richtung Himmel gezeigt. Dorthin, wo er seinen Vater vermutet, der im Juni starb - deshalb die Tränen.

"Brutale Attacke"

"Ich finde keine Worte", sagte Alaphilippe. "Ich habe mir das nicht vorstellen können." Dabei erlebten der 28 Jahre alte Radprofi aus Saint-Armand-Montrond und seine Landsleute in diesem Moment eine Art Déjà-vu. Schon im vergangenen Jahr hatte Alaphilippe seine Landsleute in einen Taumel versetzt, als er weit bis in die dritte Woche der Tour hinein in Gelb gefahren war.

Erst nach der wegen eines Erdrutsches abgebrochenen 19. Etappe musste er das Trikot des Gesamtführenden an den späteren Sieger Egan Bernal abgeben. Einen Tag später verlor er dann auch noch den Platz auf dem Podium in Paris. Aber die Herzen der Franzosen hatte er mit seiner Fahrweise dennoch erobert.

Alaphilippe hat das, was die Franzosen Panache nennen. Er attackiert mit Herz und Mut. So wie am Sonntag knapp 13 Kilometer vor dem Ziel am Col des Quatre Chemins. "Das war natürlich brutal, die Attacke, die er da gemacht hat", urteilte Emanuel Buchmann, der den Angriff von Alaphilippe aus nächster Nähe im Kreis der Favoriten auf den Gesamtsieg erlebt hatte.

Hirschi bringt Alaphilippe fast zur Weißglut

Sehr schnell hatte Alaphilippe eine Lücke gerissen. Nur Marc Hirschi, 22, vom deutschen Team Sunweb, der den Angriff geradezu antizipiert hatte, konnte zunächst folgen. Später gesellte sich auch noch der Brite Adam Yates dazu. "Ich wusste, dass er attackieren würde, habe aber einen Moment gezögert", sagte Hirschi später. "Aber dann habe ich alles reingelegt und bin rangekommen."

Emotionaler Sieg für Alaphilippe: "Widme ich meinem Vater" Sportschau 30.08.2020 01:38 Min. Verfügbar bis 30.08.2021 Das Erste

Hirschi trieb Alaphilippe anfangs ein wenig zur Weißglut, weil er partout keine Führungsarbeit übernehmen wollte. Auch Yates klagte später, dass "der Kleine" wenig zur gemeinsamen Arbeit beigetragen habe. Der junge Schweizer entschuldigte das im Ziel damit, dass er auf der Verfolgung des Franzosen "beinahe explodiert" sei. Erst auf der Abfahrt vom Col des Quatre Chemins habe er sich wieder erholt und sich dann auch an der Führungsarbeit des Trios beteiligen können.

Der Druck des Gelben Trikots

Auf der Ziellinie wurde dann allen dreien bewusst, dass nicht nur der Etappensieg, sondern als zusätzlicher Bonus auch noch das Gelbe Trikot wartete. Der Sieger würde das begehrteste Kleidungsstück des Radsports überziehen. "Das Gelbe Trikot hat einen enormen Druck ausgeübt, es war schwierig, fokussiert zu bleiben", berichtete Hirschi, der am Ende Zweiter wurde. Nach dem verlorenen Sprint gegen Alaphilippe sei er im ersten Moment sehr enttäuscht gewesen. "Aber jetzt bin ich unglaublich stolz", erkärte der Schweizer, nachdem man ihm ansttatt des Gelben das Weiße Trikot des besten Jungprofis übergestreift hatte.

2. Etappe - die letzten drei Kilometer Sportschau 30.08.2020 05:17 Min. Verfügbar bis 30.08.2021 Das Erste

Derweil musste Alaphilippe - frisch in Gelb - die Frage beantworten, ob er denn nun ähnlich wie im vergangen Jahr um den Gesamtsieg mitfahre. Was der 28-Jährige weder mit Ja noch mit Nein beantworten wollte. “Wenn man in Gelb ist, muss man das Trikot respektieren. Man muss das Rennen respektieren, wir befinden uns im größten Rennen der Welt, und natürlich ist es etwas Besonderes, Gelb zu tragen", referierte Alaphilippe.

Endlich ein Sieg für Alaphilippe

Der Franzose ließ aber auch durchblicken, dass es ihm in Nizza eher darum gegangen war, überhaupt mal wieder einen Sieg einzufahren. Denn das war ihm in dieser Saison bisher weder vor noch nach der Coronavirus-Pause gelungen. Beim Anfang August nachgeholten Frühjahrsklassiker Mailand-Sanremo hatte er zwar genau wie jetzt in Nizza die entscheidende Attacke gesetzt, aber am Ende gegen den Belgier Wout Van Aert das Nachsehen. Bei den französischen Meisterschaften erlebte er ein ähnliches Szenario.

"Mein Ziel war es, eine Etappe zu gewinnen, ich habe gewonnen. Gelb ist nur ein Bonus. Ich werde es genießen und es in den kommenden Tagen wieder versuchen", kündigte Alaphilippe an. So ähnlich hatte sich das im vergangenen Juli auch angehört, als er das Gelbe Trikot nach der dritten Etappe erstmals übernommen hatte. Die Konkurrenz jedenfalls dürfte gewarnt sein und versuchen, Alaphilippe alsbald abzuschütteln, bevor er Frankreich wieder in Ekstase versetzen kann.

Stand: 30.08.2020, 20:53

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