Gipfelankunft auf dem Tourmalet

Andy Schleck (vorne) und Alberto Contador am Tourmalet 2009

Auf der 14. Etappe der Tour de France

Gipfelankunft auf dem Tourmalet

Von Michael Ostermann

Der Tourmalet ist einer der legendären Anstiege der Tour de France. Kein anderer Berg war so oft Teil der Strecke wie dieser Riese in den Pyrenäen. 2019 endet zum dritten Mal in der Geschichte eine Etappe auf dem Gipfel.

Aus dem Nebel schälen sich die Konturen zweier Radfahrer. Der vordere trägt ein weißes, der dahinter ein gelbes Trikot - das Gelbe Trikot. Immer wieder forciert der Mann in Weiß das Tempo, aber wie ein Schatten klebt der andere an seinem Hinterrad. Am Ende gewinnt der Luxemburger Andy Schleck die Etappe auf dem Tourmalet, aber Alberto Contador bringt den Toursieg 2010 unter Dach und Fach. Zumindest bis dieser dem Spanier Monate später wegen eines positiven Dopingtests wieder aberkannt wird und Schleck doch noch gewinnt.

Kurze Etappe vor dem Showdown

Die Zielankunft auf dem Tourmalet soll auch in diesem Jahr wieder eine entscheidende Rolle bei der Frage nach dem Sieger der Tour de France spielen - wenn möglich dauerhaft. Auch wenn nach den Pyrenäen diesmal noch sieben Etappen inklusive der Alpen auf dem Programm stehen. Doch die Etappe auf den Tourmalet ist nur 117 Kilometer lang und vorher gilt es wie vor zehn Jahren, noch den Col du Soulor zu überwinden. Schon hier sollen sich die Favoriten auf den Gesamtsieg gegenseitig attackieren, um dann am Tourmalet zum finalen Showdown anzutreten.

Die Ankunft auf dem Tourmalet ist eine von drei Etappen, die bei der Tour de France 2019 auf einer Höhe von über 2.000 Metern enden. Da wird die Luft schon dünn. Das war 1910 nicht anders, als die Organisatoren der Tour um den damaligen Tourdirektor Henri Desgrange die Fahrer erstmals ins Hochgebirge schickten. Im Januar hatte Desgrange seinen Streckenchef Alphonse Steinès beauftragt, eine Passstraße in den Pyrenäen ausfindig zu machen, die dem Rennen ein wenig Würze verleihen würde.

Eine Lüge ebnet den Weg

Radfahrer am Tourmalet bei der Tour de France 1934

Steinès hatte seinen Chef schon länger dazu gedrängt, die Strecke der Tour durchs Gebirge zu führen. Doch Desgrange war skeptisch, ob die Fahrer in der Lage sein würden, über die damals noch unbefestigten Wege durchs Gebirge zu fahren. Schließlich aber gab er Steinès nach und schickte ihn auf Erkundungstour. Die Geschichte dieser Reise gehört heute genauso zu den Legenden der Tour wie die sportlichen Leistungen am Tourmalet.

Steinès fand den Tourmalet mit Schnee bedeckt vor und ließ sich deshalb von einem Hirten zu Fuß auf den Gipfel bringen, verlor dort die Orientierung und stürzte in eine Schlucht. Um drei Uhr morgens fand ihn ein Suchtrupp und Steinès telegrafierte anschließend nach Paris: "Kein Problem, den Tourmalet zu überqueren. Straßen zufriedenstellend. Kein Schnee." Basierend auf dieser Lüge wurden die Pyrenäengipfel Aspin, Aubisque und Tourmalet Teil der Tour de France. Eine bis dahin unbekannte Strapaze für die Fahrer, was Oscar Lapize, der 1910 der Erste auf dem Tourmalet war, zum Ausruf "Ihr seid Mörder!" in Richtung Tourorganisatoren veranlasste.

Bahamontes der König des Tourmalet

Kein anderer Berg ist seitdem so oft von der Tour de France befahren worden wie der Tourmalet. 78 Mal war der 2.115 Meter hohe Berg schon Teil der Strecke der Tour. Manches von dem, was sich dort abspielte, ist fester Bestandteil der Geschichte der Tour. Eugène Christophe brach 1913 auf der Abfahrt vom Tourmalet die Vordergabel. Eddy Merckx startete hier 1969 im Gelben Trikot seine spektakuläre Soloflucht über 138 Kilometer zum Etappensieg in Mourenx-Ville Nouvelle.

Doch der König des Tourmalet heißt Federico Bahamontes. Der Spanier, genannt der "Adler von Toledo", fuhr zwischen 1954 und 1964 vier Mal als Erster über den Gipfel. Etappenziel war dieser bislang erst zwei Mal: Vor 2009 das erste Mal 1974, als der Franzose Jean-Pierre Danguillaume dort auch im dichtem Nebel gewann, was den Gesamtsieg von Eddy Merckx aber nicht gefährdete.

Wie die beiden Male zuvor führt die Strecke ins Ziel auch 2019 über die etwas längere und schwerere Westseite auf den Gipfel. Auf 19 Kilometern werden dort 1.410 Höhenmeter überwunden, was einer durchschnittlichen Steigung von 7,4 Prozent entspricht. Der Sieger auf dem Tourmalet wird in die Geschichtsbücher eingehen, ob er am Ende auch der Toursieger sein wird, bleibt abzuwarten. Hoffentlich nicht monatelang so wie 2010.

Stand: 02.07.2019, 08:32

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