Tony Martin zieht Jumbo-Visma zum Sieg

Tony Martin

Mannschaftszeitfahren in Brüssel

Tony Martin zieht Jumbo-Visma zum Sieg

Von Michael Ostermann (Brüssel)

Das niederländische Team Jumbo-Visma erlebt ein perfektes Auftakt-Wochenende bei der Tour de France. Tony Martin hat einen großen Anteil am Sieg im Teamzeitfahren in Brüssel, ist aber nicht nur deshalb eine der tragenden Säulen der Mannschaft.

Mike Teunissen hatte eine schlaflose Nacht verbracht, um zu verarbeiten, was ihm da am ersten Tag der Tour de France widerfahren war. Und nun saß der Niederländer am Sonntag (07.07.2019) da im hauteng angelegten gelben Zeitfahranzug, der ihn als Gesamtführenden der Tour de France auswies. Gleich sollte das Mannschaftszeitfahren beginnen, eine Disziplin, vor der sich fast alle Radprofis fürchten.

Atemberaubende Fahrt durch Brüssel

Nervös sei er gewesen, erzählte Teunissen später im Ziel, nachdem sein Team Jumbo-Visma den Etappensieg gefeiert und er ein weiteres Mal auf dem Podium das Gelbe Trikot übergestreift hatte. Aber dann habe Tony Martin ihn beruhigt: "Er hat nur gesagt, genieße es einfach." Kurz danach nahm Martin Teunissen und das Team mit auf eine atemberaubende Fahrt.

Tony Martin führt Team Jumbo-Visma zum Zeitfahr-Sieg

Sportschau 07.07.2019 01:41 Min. ARD

28:57 Minuten brauchte die niederländische Equipe für die 27,7 Kilometer lange Fahrt durch Brüssel zum Ziel am Atomium, was eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 57,202 Stundenkilometern bedeutete. 20 Sekunden schneller war Jumbo-Visma als das zweitplatzierte Team Ineos um den letztjährigen Toursieger Geraint Thomas. Und das alles war zum großen Teil ein Verdienst von Tony Martin. "Sein Beitrag zu diesem Erfolg heute war entscheidend", sagte Teunissen.

Schwächen überspielt

Das galt nicht allein für diese knappe halbe Stunde auf der Strecke, wo Martin gemeinsam mit dem Belgier Wout Van Aert einen Großteil der Führungsarbeit geleistet und dem Team so ein gleichmäßig hohes Tempo ermöglicht hatte. Auf einem Kurs, der schnell, aber durch ständige kleine Wellen auch sehr kräftzehrend war, und zum Ende hin noch eine technisch anspruchsvollere Passage hatte.

"Das ist mein Job und ich weiß auch, dass, wenn ich ausfalle, es einen mentalen Knick in der Mannschaft geben würde", sagte Martin. "Insofern versuche ich gewisse Schwächen, die man immer hat in so einem Wettkampf, auch zu überspielen, um zu zeigen, dass ich eine wichtige Säule bin für die Mannschaft."

Wertschätzung von den Kollegen

Martin führte das Team wie eine Zugmaschine über die Strecke. Doch diese Fahrt war nur das sichtbare Ergebnis einer langen Vorbereitung. "Wir haben seit dem Winter sehr hart dafür gearbeitet, nicht nur die Mannschaft, sondern auch das Team drumherum in Sachen Material, in Sachen Strategie", berichtete Martin. Und seine Expertise als viermaliger Zeitfahrweltmeister war dabei mehr als gefragt. "Er ist so erfahren und ist bereit, seine Erfahrungen zu teilen, um aus allen das Beste rauszuholen", erklärte Teunissen.

Diese Wertschätzung für seine Arbeit, die man Martin bei Jumbo-Visma entgegenbringt, ist für den 34-Jährigen eine Genugtuung nach zwei schwierigen Jahren bei Katusha-Alpecin. Dort lag und liegt vieles im Argen. Im vergangenen Jahr griff die sportliche Leitung dort öffentlich Martins Freund, den Sprinter Marcel Kittel, an weil der nicht die gewünschten Siege einfuhr.

Die Welle weiterreiten

Martin suchte nach zwei Jahren das Weite und heuerte bei Jumbo-Visma an, während Kittel im Frühjahr seinen Vertrag mit Katusha-Alpecin vorzeitig auflöste. Im Ziel des Mannschaftszeitfahrens in Brüssel ließ sich Martin nicht dazu hinreißen, sich negativ zu äußern. "Radsport macht immer mehr Spaß, wenn man gewinnt", sagte er lediglich.

Gewonnen hat das Team Jumbo-Visma mit Martin jetzt zwei von zwei Etappen bei dieser Tour de France. Schlecht werden kann diese Rundfahrt durch Frankreich deshalb jetzt schon nicht mehr. "Ich hoffe, dass wir auf dieser Welle jetzt weiterreiten die ganzen drei Wochen", sagte Martin.

Auf der 3. Etappe am Montag von Binche nach Épernay mit einem anspruchsvollen Finale gehört Shootingstar Wout Van Aert zu den Anwärtern auf den Tagessieg. Und Martin wird wieder seinen Anteil dazu beitragen, seinen Teamkollegen so gut es geht zu unterstützen. "Ich bin bereit, mich hundertprozentig für das Team aufzuopfern", sagte Martin in Brüssel. "Und das macht mir auch Spaß."

Stand: 07.07.2019, 19:52

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