Tony Martin mit leeren Akkus ins Zeitfahren

Tony Martin

Kampf gegen die Uhr in Pau

Tony Martin mit leeren Akkus ins Zeitfahren

Tony Martin wollte früher jedes Zeitfahren gewinnen. Vor dem einzigen Einzelzeitfahren der diesjährigen Tour de France in diesem Jahr in Pau stapelt er tief, weil er in seinem neuen Team Jumbo-Visma ganz in der Helferrolle aufgeht.

Wo ist Tony Martin? Am Donnerstag (18.07.19) war der deutsche Radprofi auf der zwölften Etappe nicht zu sehen. Zumindest nicht an der Spitze des Feldes. Ein ungewöhnliches Bild in diesen Tagen bei der Tour de France. Fast täglich war Martin dort gesichtet worden, den Mund geöffnet, Kilometer für Kilometer vorne im Wind.

"Akkus aufgebraucht"

"Wenn wir Tony nicht gehabt hätten, hätten wir wahrscheinlich drei Fahrer gebraucht, um die Ausreißergruppen zu kontrollieren", sagt der sportliche Leiter des niederländischen Teams Jumbo-Visma. "Er hilft uns überall weiter, verrichtet seine Arbeit ohne zu klagen, ein unglaublich großer Motor." Aber am Donnerstag war Martin freigestellt von der Arbeit.

Mitgefahren ist er natürlich trotzdem auf der zwölften Etappe, aber er musste sich diesmal nicht aufopfern für das Team. "Ich hatte heute die Freigabe, so ruhig wie möglich zu machen", erklärte Martin. Er sollte Kräfte schonen für das Zeitfahren am Freitag in Pau. Auch, wenn er selbst sich dort nicht allzuviel ausrechnet. "Die Akkus sind schon ziemlich aufgebraucht, da werde ich Nachteile haben zu Fahrern wie Stefan Küng oder Rohan Dennis, die bisher eine etwas einfachere Tour hatten."

Tony Martin: "Die Akkus sind schon ziemlich aufgebraucht"

Sportschau 19.07.2019 01:46 Min. Verfügbar bis 19.07.2020 Das Erste

Zeitfahrweltmeister Dennis braucht er nach dessen mysteriösem Ausstieg am Donnerstag (18.07.2019) nicht mehr zu fürchten, aber der Schweizer Meister Küng gehört wie auch der Toursieger aus dem Vorjahr, Geraint Thomas zu den Favoriten. Martin zählt auch dazu, aber es wird schwierig.

Zeitfahren als Bonus

Das Team Jumbo-Visma hat eine außergewöhnlich erfolgreiche erste Hälfte der Tour de France hinter sich. Vier Etappensiege stehen bereits zu Buche. Mike Theunissen feierte einen Überraschungssieg auf der ersten Etappe in Brüssel und trug zwei Tage lang das Gelbe Trikot, nachdem der Sprinter des Teams, Dylan Groenewegen kurz vor dem Ziel gestürzt war. Groenewegen holte seinen Etappenerfolg auf der siebten Etappe nach Chalon-sur-Saône nach. Der Belgier Wout Van Aert gewann die Windetappe nach Albi.

Die Streckenanimation der 13. Etappe Sportschau 28.06.2019 01:40 Min. Verfügbar bis 30.07.2020 Das Erste

An all diesen Erfolgen hatte Martin seinen Anteil, weil er an der Spitze des Pelotons die Arbeit für sein Team verrichtete. Vor allem aber hat er seine Mannschaft am zweiten Tag der Tour zum Sieg im Teamzeitfahren gezogen. Das war sein Hauptziel bei dieser Tour, seine "Königsetappe". Die eigenen Ambitionen hat er dafür hintenan gestellt. "Ich konnte der Mannschaft einiges zurückgeben und Teil der Erfolge der letzten Tage sein", sagt Martin. "Alles was jetzt kommt, ist ein Bonus. Und so sehe ich auch das Zeitfahren."

Im Zeitfahren noch immer Weltklasse

Der Kampf gegen die Uhr ist immer noch Martins Paradedisziplin. 48 seiner insgesamt 66 Siege als Radprofi hat er in dieser Disziplin gefeiert. In Spremberg ist er Ende Juni zum neunten Mal deutscher Meister geworden, vier Mal war er Weltmeister. Martin betrachtet sich selbst immer noch als Weltklasse im Kampf gegen die Uhr. Auch wenn sein letzter Erfolg auf internationaler Ebene der WM-Titel 2016 in Katar war. Er habe in der Vergangenheit zum Teil nicht die Strecken vorgefunden, "um das zu zeigen. Aber das eine oder andere wird schon noch kommen", meint er.

Auch der Kurs des einzigen Einzelzeitfahrens rund um Pau am Fuße der Pyrenäen kommt ihm nicht unbedingt entgegen. Auf der 27,2 Kilometer langen Strecke geht es ständig auf und ab - nichts, wo Martin seinen "Diesel" richtig in Schwung bringen kann, der zudem schon einiges an Laufleistung im hochtourigen Bereich bei dieser Tour hinter sich hat. "Man muss sehen, wie fit er ist. Er hat extrem viel Arbeit verrichtet, das geht auch an einem Tony Martin nicht spurlos vorbei", sagt der sportliche Leiter Niermann.

In der Rolle des Helfers

Dass Martin seine eigenen Ziele so sehr zurückschraubt, ist ungewöhnlich. Auch in seinen anderen Teams hat der mittlerweile 34 Jahre alte Radprofi immer schon Arbeit verrichten müssen. Doch für die Zeitfahren galt stets seine Ansage, dass er nicht für Platz zwei angereist sei. In den vergangenen Jahren hat Martin sich auch als Klassikerfahrer versucht. Doch nach zwei eher unglücklichen Auftritten bei Paris-Roubaix hat er dieses Vorhaben ad acta gelegt.

Mit seinem Wechsel vom Team Katusha-Alpecin zu Jumbo-Visma hat er sich nun offenbar ganz in die Rolle des erfahrenen Helfers zurückgezogen. "Tony hat sich für unser Team entschieden, weil er auch nicht mehr den Druck haben wollte, der absolute Topfahrer zu sein, der für die Ergebnisse sorgen muss", glaubt Ex-Profi Niermann. Martin sagt, er gehe voll auf in seiner Rolle.

Startzeit um 14.03 Uhr

Am Freitag rollt Tony Martin als vierter Fahrer um 14.03 Uhr von der Startrampe in Pau. Er lässt es auf sich zukommen. "Vielleicht wird es was, vielleicht nicht", sagt Martin. "Kann sein, dass ich total kaputt bin. Das werde ich auf den ersten Kilometern merken." Egal wie, spätestens am kommenden Dienstag, wenn die Tour de France die Pyrenäen verlassen und den zweiten Ruhetag hinter sich hat, und eine Sprintetappe rund um Nimes ansteht, wird man ihn dann wieder sehen. Mit offenem Mund, an der Spitze des Feldes im Wind - als Arbeiter für sein Team.

Stand: 19.07.2019, 08:11

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