Thibaut Pinot genießt die Ruhe vor dem Sturm

Thibaut Pinot

Franzose einer der Anwärter auf Gelb

Thibaut Pinot genießt die Ruhe vor dem Sturm

Von Michael Ostermann (Colmar)

Bei der ersten Bergankunft in La Planche des Belles Filles sind die Favoriten auf den Gesamtsieg erstmals gefordert. Das gilt auch für Thibaut Pinot, der unweit des Gipfels zuhause ist und dort ein ruhiges Leben führt - noch.

Thibaut Pinot wird es ganz recht sein, dass sich der Fokus der Begeisterung derzeit auf Julian Alaphilippe konzentriert. Das verschafft ihm noch ein wenig Ruhe. Alaphilippe trägt auch nach der 5. Etappe der Tour de France das Gelbe Trikot - als erster Franzose seit fünf Jahren. Die Euphorie seiner Landsleute ist groß, weshalb Pinot momentan weitgehend unbehelligt bleibt. Ein paar Autogramme, ein paar Selfies, der Rummel ist woanders.

Die Last der Erwartungen

Das wird vermutlich nicht so bleiben. Am Donnerstag (11.07.2019) steht die erste Bergankunft der diesjährigen Tour de France an. Das Ziel in La Planche Des Belles Filles liegt auf 1.140 Metern Höhe am Ende eines sieben Kilometer langen, durchschnittlich 8,7 Prozent steilen Anstiegs. Pinot kennt die Straße hinauf sehr gut. Er stammt aus dieser Gegend, sein Heimatort Mélisey ist nur rund 25 Kilometer entfernt vom Ziel.

Doch nicht allein deshalb wird sich der Fokus der Aufmerksamkeit dort wohl ein wenig mehr auf Pinot verlagern. Der 29-Jährige gilt als einer der Mitfavoriten auf den Gesamtsieg in diesem Jahr, in dem mit Christopher Froome, Tom Dumoulin und Primosz Roglic gleich drei Fahrer aus den Top vier des vergangenen Jahres nicht dabei sind. Als Franzose liegt deshalb eine ganz besondere Last auf seinen Schultern. Denn Frankreich wartet seit Bernard Hinaults fünftem und letzten Sieg 1985 auf einen Toursieger aus dem eigenen Land.

Hass-Liebe zur Tour de France

Viele französische Radprofis sind seitdem an den Hoffnungen und Erwartungen einer ganzen Nation zerbrochen. Pinot jedoch geht ganz offensiv damit um, er erwartet selbst eine Menge von sich. "Ich habe den Eindruck, es steht geschrieben, dass ich etwas Großes erleben werde in den kommenden Jahren, vielleicht auch dieses Jahr, wann weiß ich nicht", hat er der französischen Sportzeitung "L'Equipe" am Vorabend der Tour gesagt.

Die Favoriten der Tour de France 2019 Sportschau 01.07.2019 01:00 Min. Verfügbar bis 01.07.2020 Das Erste

Pinot verbindet eine Art Hass-Liebe mit dem wichtigsten Radrennen der Welt. Zum siebten Mal nimmt er an der Tour de France teil und er hat dort schon Höhen und Tiefen durchlebt. Bei seinem Debüt 2012 gewann er gleich eine Etappe, was seinen Teamchef Marc Madiot derart in Extase geraten ließ, dass er sich aus dem Fenster des Begleitfahrzeugs lehnte und wie wild mit den Händen auf die Autotür trommelte. 2015 feierte Pinot zudem einen prestigträchtigen Etappensieg in Alpe d'Huez.

Immer wieder Rückschläge

Auch auf das Podium in Paris hat er es schon geschafft. 2014 beendete er die Tour de France als Dritter im Weißen Trikot des besten Jungprofis. Drei Mal jedoch musste er die Rundfahrt auch schon vorzeitig aufgeben. Wie auch den Giro d'Italia im vergangenen Jahr, wo er auf sicherem Kurs in Richtung Podium war, als ihn ein schwerer Infekt der Atemwege am vorletzten Tag stoppte.

"Ich habe immer alles mit besten Wissen erledigt, ich gebe immer alles, im Training, im Rennen, aber immer passiert eine Dummheit, die mich niederwirft", sagt Pinot: "Ich habe eine zu frustrierende Karriere und ich weiß, dass eines Tages etwas passieren wird, dass all das Pech auslöschen wird."

Das soll nun bei der Tour de France in diesem Jahr passieren. Aus all den Rückschlägen habe er mentale Stärke gezogen, sagt er. Pinot ist rechtzeitig zur Tour glänzend in Form. Und er ist selbstbewusst. Vor allem seitdem er im Herbst die Lombardei-Rundfahrt gewann, die zu den fünf bedeutendsten Eintagesrennen des Radsports zählt. Seitdem wisse er, dass er auf dem Rad jeden besiegen könne, sagt er.

Starkes Mannschaftszeitfahren

Der Auftakt in die Tour ist Pinot gut gelungen. Anders als etwa der Däne Jakob Fuglsang, der auf der ersten Etappe schwer stürzte, hat sich der Franzose bislang aus allen Schwierigkeiten herausgehalten. Und anders als etwa Nairo Quintana mit seiner Equipe Movistar und sein Landsmann Romain Bardet mit Ag2r La Mondiale hat er mit seiner Mannschaft Groupama-FDJ im Teamzeitfahren am zweiten Tag nur wenig Zeit eingebüßt auf das Team Ineos um die Topfavoriten Egan Bernal und Geraint Thomas, den Vorjahressieger. Quintana und Bardet liegen beide schon rund eine Minute zurück. Pinot dagegen fehlen nur zwölf Sekunden auf Bernal und sieben Sekunden auf Thomas.

Großen Anteil an dem erfolgreichen Mannschaftszeitfahren in Brüssel hatte der Schweizer Stefan Küng, ein Spezialist im Kampf gegen die Uhr, der zu Saisonbeginn bei Pinots Team anheuerte. "Ich konnte der Mannschaft einige Dinge, die wichtig sind, weitergeben. Und das haben wir sehr gut umgesetzt", sagt Küng, der jedoch auch findet, dass man noch ein paar Sekunden schneller hätte sein können, wenn man alles richtig gemacht hätte.

Ex-Teamkollege in "Operation Aderlass" verwickelt

Küng ist einer der Gründe dafür, dass Pinot sagt, er habe in diesem Jahr das stärkste Team um sich herum, mit dem er jemals bei der Tour am Start stand. Bis vor ein paar Monaten gehörte auch der Österreicher Georg Preidler zu Pinots Helfern bei Groupama-FDJ. Doch der Kletterer flog im Zuge der "Operation Aderlass", die das Dopingnetzwerk um den Erfurter Arzt Mark S. enttarnte, als Doper auf und wurde für vier Jahre gesperrt. "Das ist Hochverrat", schimpfte Pinot über Preidler.

Leben auf dem Bauernhof

Sollte Pinot tatsächlich als erster Franzose nach 34 Jahren das Gelbe Trikot nach Paris tragen, wird auch auch er vermehrt Fragen zum Thema Doping beantworten müssen. Noch größer dürfte die Begeisterung und der Rummel sein, den er zu ertragen hätte. Dabei liebt Pinot eigentlich die Ruhe seiner ländlichen Heimat.

In seinem Dorf hat er sich einen Bauernhof mit einem See gekauft, wo er Schafe, Ziegen und Kühe versorgt, was mit Arbeit verbunden ist. "Das hilft mir, abzuschalten. Die Tiere, angeln, die Natur - das ist mein Ding", sagt Pinot: "Ich liebe mein Leben so wie es ist. Sollte ich aber die Tour de France gewinnen, könnte ich nicht mehr dieses Leben führen. Habe ich Lust, mein Leben zu ändern? Nein."

Stand: 11.07.2019, 08:15

Tour de France | Gesamt

Name h
1. Egan Arley Bernal Gomez 82:57:00
2. Geraint Thomas + 1:11
3. Steven Kruijswijk + 1:31
4. Emanuel Buchmann + 1:56
5. Julian Alaphilippe + 4:05
6. Mikel Landa Meana + 4:23
7. Rigoberto Urán + 5:15
8. Nairo Quintana + 5:30
9. Alejandro Valverde Belmonte + 6:12
10. Warren Barguil + 7:32
Darstellung: