Team Sunweb muss improvisieren

Team Sunweb

Nach Ausfall des Kapitäns

Team Sunweb muss improvisieren

Von Michael Ostermann

Das Team Sunweb reist ohne Kapitän Tom Dumoulin zur Tour de France. Der Vorjahreszweite ist nach einer Knieverletzung nicht rechtzeitig fit geworden. Nun muss die deutsche World-Tour-Mannschaft ihre Pläne ändern.

Das Team Sunweb hatte ein klares Ziel vor Augen, wie es den Juli in Frankreich verbringen wollte. Sieben Fahrer sollten sich um Kapitän Tom Dumoulin scharen und ihn bis Paris aufs Podium der Tour de France geleiten. Wenn möglich, sogar im Gelben Trikot. Selbst das war nicht der ursprüngliche Plan. Erst als Dumoulin, der Tourzweite des Vorjahres, den Giro d'Italia im Mai nach einem Sturz wegen einer Knieverletzung verlassen musste, nahm der Niederländer die Tour de France ins Visier. Doch das Knie bereitete länger Probleme als erwartet, weshalb Dumoulin seinen Tourstart absagen musste. Das Team Sunweb muss jetzt improvisieren.

Sprinter Matthews ist "durcheinander"

"Nachdem klar war, dass Tom Dumoulin nicht bei der Tour starten können wird, mussten wir umdenken, unsere Ziele anpassen und den Fokus von der Gesamtwertung auf einen Etappensieg zu verändern", sagt Teamchef Iwan Spekenbrink. Die Palette der Möglichkeiten ist breit, denn eine klare Ausrichtung auf einen Sprinter gibt es diesmal auch nicht, obwohl der Australier Michael Matthews, der vor zwei Jahren zwei Etappen und das Grüne Trikot des Punktbesten gewann, zum Tourkader gehört.

Der Australier ist jedenfalls nicht uneingeschränkt glücklich über den erzwungenen Strategiewechsel, den das Team vollziehen musste. "Ich bin durcheinander", hat Matthews kürzlich dem niederländischen TV-Sender NOS erzählt. "Ich habe überhaupt kein Sprinttraining gemacht. Es gibt einige Etappen, die mir liegen, aber das Ziel des Teams war, 100 Prozent für Tom zu fahren." Schon zu Beginn des Jahres habe Team-Manager Spekenbrink deshalb verlangt, eigene Ambitionen hintenan zu stellen.

Nikias Arndt freut sich auf flexible Pläne

Nikias Arndt

Matthews sei bei der Tour de Suisse, dem letzten Vorbereitungsrennen vor der Tour de France noch nicht so gut drauf gewesen, sagt Nikias Arndt, der 2017 der wichtigste Helfer bei der Sprintvorbereitung für Matthews war. "Wir werden auf jeden Fall auch bei der ein oder anderen Etappe für Michael fahren", erklärt Arndt, "aber wir werden anders als vor zwei Jahren nicht nur auf ihn setzen." Stattdessen will das Team versuchen, je nach Etappenprofil die beste Option zu wählen.

"Das ist ungewöhnlich für unser Team, normalerweise sind wir starr in unseren Plänen", sagt Arndt. "Aber jetzt werden wir an fünf Tagen fünf unterschiedliche Pläne haben." Arndt, 27, klingt am Telefon nicht traurig darüber, dass seine Mannschaft bei der Tour de France nun nur ganz grob planen kann, flexibel agieren und sich vor allem auf Etappensiege konzentrieren muss. "Ich freue mich darauf. Die Motivation im Team wird unglaublich hoch sein", sagt er.

Lennard Kämna gibt Tourdebüt

Der Wahl-Kölner fungiert bei der Tour de France als "Capitain de route" des Teams Sunweb. Er muss dafür sorgen, dass die Mannschaft die taktischen Vorgaben der sportlichen Leiter auch umsetzt. Arndt selbst darf aber auch die Chance ergreifen, wenn sie sich bietet. So wie 2017 als er auf der 19. Etappe freie Fahrt erhielt, den Sprung in die Ausreißergruppe schaffte und sich im Finale lediglich dem Norweger Edvald Boasson Hagen geschlagen geben musste. "Ich peile weiter einen Etappensieg an", sagt er.

Neben Arndt gehört auch Lennard Kämna zum Aufgebot der in Deutschland lizensierten World-Tour-Equipe. Der 22-Jährige, der als großes Talent gilt, gibt sein Tourdebüt. "Für ihn geht es hauptsächlich darum, zu lernen und sich weiterzuentwickeln", sagt Teamchef Spekenbrink. Kämna wird sich ebenso auf einzelnen Etappen ausprobieren wie Wilco Kelderman, der eigentlich ein Mann für die Gesamtwertung wäre, dem aber nach diversen Rückschlägen die Form fehlt, drei Wochen lang mit den Besten mitzuhalten. Bei der Tour de Suisse, dem letzten Vorbereitungsrennen vor der Tour de France, belegte er Rang 29. Kämna belegte in der Gesamtwertung Rang 17.

Erstes Ziel Team-Zeitfahren

Die Frage ist, wie gut die Mannschaft den neuen Fokus umsetzen kann. "Wir waren schon zuvor in der Situation, dass wir die Zielsetzung von der Gesamtwertung auf erfolgreiche Etappenresultate ändern mussten, und ich bin guter Dinge, dass es uns erneut gelingen wird”, ist Sunweb-Coach Aike Visbeek optimistisch. Das erste große Ziel des Teams wird das Mannschaftszeitfahren auf der zweiten Etappe in Brüssel sein. Auch ohne den besten Zeitfahrer Dumoulin ist Sunweb für diese Disziplin gut aufgestellt. 2017 wurde Sunweb Weltmeister im Teamzeitfahren. Was danach kommt, wird sich von Tag zu Tag auf der Straße zeigen.

Stand: 02.07.2019, 08:31

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