Tour de France: Das Ende des Imperiums

Geraint Thomas

Team Ineos zeigt Schwächen

Tour de France: Das Ende des Imperiums

Von Michael Ostermann (Nimes)

Die Frage wer die Tour de France gewinnt, ist am zweiten Ruhetag weiterhin offen. Das liegt auch daran, dass das Team Ineos das Rennen nicht wie sonst dominiert. Für die Konkurrenz ist das ein völlig neues Gefühl der Freiheit.

Als sich das Peloton der Tour de France vor zehn Tagen bereitmachte für die erste Bergankunft in diesem Jahr in La Planche des Belles Filles, setzte Christopher Froome einen Tweet ab. Darin erinnerte der viermalige Toursieger an seinen allerersten Tour-Etappensieg dort vor sieben Jahren und forderte sein Team Ineos auf, den Hammer rauszuholen - so wie damals: "Bitte zerschlagt es, Team Ineos!"

Unumschränkte Herrschaft seit 2012

Der Schlag ist ausgeblieben. Er kam auch nicht in den Pyrenäen, weder bei der Gipfelankunft auf dem Tourmalet, noch in Foix Prat d'Albis. Und so geht die Tour de France in die dritte Woche, ohne dass Ineos, das ehemalige Team Sky, die Dinge unter Kontrolle hätte. Nach Jahren der Dominanz scheint das Imperium der britischen Equipe zu zerfallen.

Es war eine unumschränkte Herrschaft, die die Mannschaft bei der Tour de France seit 2012 errichtet hatte. Sechs der jüngsten sieben Toursieger stellte das Team seitdem. Lediglich 2014, als Chris Froome früh aus dem Rennen stürzte, konnte der Italiener Vincenzo Nibali das Gelbe Trikot bis Paris tragen.

Stummgeschaltetes Rennen

Das Szenario war stets das gleiche: In den Bergen reihten sich die Helfer der Kapitäne in ihren schwarzen Trikots mit dem blauen Streifen vor dem Feld auf und erstickten mit ihrem Tempo jeden Gedanken an einen Angriff, den Rest erledigten die Kapitäne: erst Bradley Wiggins, dann vier Mal Chris Froome, und im vergangenen Jahr Geraint Thomas.

Das Rennen war so von Beginn an stummgeschaltet, was das Publikum erst ermüdete und dann erzürnte. Es gab Jahre, da musste der Mannschaftsbus des Teams am Start unter Polizeischutz gestellt werden. Es gab verbale und manchmal auch körperliche Attacken auf die Fahrer während des Rennens. An den Machtverhältnissen änderte das nichts. Die Konkurrenten führten einen verzweifelten Kampf um die Plätze.

Bernal und Thomas allein

Doch diesmal ist alles anders. "Ich denke, Ineos ist nicht ganz so stark wie sonst - nicht annähernd so stark", sagt der Australier Richie Porte, selbst bis Ende 2014 Teil der Mannschaft. Es ist schwer zu erklären, warum Ineos seine Macht diesmal nicht auf die Straße bringt. Die Mannschaft ist - bis auf Froome, der sich in Monaco von seinem schweren Sturz bei der Dauphiné-Rundfahrt im Juni erholt - genauso besetzt wie 2018.

Im vergangenen Jahr hatten die beiden Kapitäne Froome und Thomas meist noch drei oder sogar vier Helfer an ihrer Seite, wenn es in den Schlussanstieg ging. Doch diesmal sind die beiden Leader des Teams meist schon früh alleine. Fahrer wie der Pole Michal Kwiatkowski oder der Italiener Gianni Moscon sind schon früh nicht mehr vorne vertreten. Am Sonntag auf der 15. Etappe nach Foix Plat d'Albis konnte lediglich der Niederländer Wout Poels dem Vorjahressieger Thomas und dem Kolumbianer Egan Bernal noch eine Weile zur Seite stehen.

Anflug von Majestätsbeleidigung

Das Ende der Dominanz wirkt wie eine Befreiung für das jahrelang unterjochte Peloton. Groupama-FDJ um den starken Thibaut Pinot, Jumbo-Visma mit seinem Kapitän Steven Kruijswijk und das spanische Team Movistar haben versucht, die Situation zu nutzen. Sie haben zudem erkannt, dass Titelverteidiger Thomas bislang nicht so stark zu sein scheint, wie im vergangenen Jahr, was auch damit zusammenhängt, dass er früher auf sich alleine gestellt ist und niemand die Löcher zufährt, die die Angriffe der Konkurrenten reißen.

"Ich will nicht wie ein Arschloch klingen, aber es tat gut zu sehen, dass Geraint Thomas nicht mithalten konnte", sagte Kruijswijks Teamkollege George Bennett nach der Etappe auf den Tourmalet in einem Anflug von Majestätsbeleidigung. "Ich dachte er hätte das Rennen bereits in der Tasche." Doch das ist nicht der Fall. Die Abstände von Thomas zu den größten Rivalen wie Pinot, Kruijswijk und auch dem Gesamtsechsten Emanuel Buchmann bemessen sich in Sekunden, nicht Minuten. Inzwischen schreckt nicht einmal mehr der zurückhaltende Deutsche davor zurück, ganz leise vom Toursieg zu träumen.

Stimmen nach der 15. Etappe: Buchmann - "Fühl mich einfach noch gut" Sportschau 21.07.2019 05:13 Min. Verfügbar bis 21.07.2020 Das Erste

Ineos verweist auf mehrere Wege zu Gelb

Bei Ineos geben sie sich trotz des vorübergehenden Machtverlustes kämpferisch, ohne jedoch eine Erklärung dafür zu liefern, warum die Mannschaft die Kontrolle verloren hat. "Wir sind immer noch sehr gut dabei. Wir sind nicht in Gelb und sind nicht den ganzen Tag vorne. Aber es gibt mehrere Wege, die Tour de France zu gewinnen" sagte Thomas am zweiten Ruhetag in Nimes. "Wir sind in einer superstarken Position."

Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Nimmt man den ermüdeten Julian Alaphilippe im Gelben Trikot einmal aus, hat Thomas als Gesamtzweiter mit 1:35 Minuten Rückstand die beste Ausgangslage der Favoriten. Die anderen müssen in den verbleibenden Tagen Zeit auf ihn gutmachen, wenn auch nur Sekunden. Sein Co-Kapitän Bernal befindet sich derzeit auf Rang fünf. Ihm fehlen auch nur 2:02 Minuten auf Gelb. "Wir sind das einzige Team mit zwei Fahrern für das Gesamtklassement. Es ist eine sehr interessante Situation", findet Teamchef David Brailsford.

Konterrevolution oder Anarchie?

Ein bisschen klingt das wie das Pfeifen im Walde. Aber so sehr sich alle Beobachter eine französische Revolution wünschen, so sehr fürchten sie auch davor, dass das Ineos-Imperium zurückschlagen könnte. "Mal sehen, ob sie sich nur zurückhalten oder wirklich nicht so stark sind", sagt Buchmann.

Drei schwere Alpenetappen bilden das Finale der diesjährigen Tour. Sechs Mal müssen die Radprofis dabei auf über 2.000 Meter Höhe klettern. Gut möglich, dass die britische Equipe sich deshalb bislang zurückgehalten hat und es dort zur Konterrevolution kommt. Ineos setzt dann vielleicht doch noch den Wunsch ihres verletzten Teamkollegen Froome um und zerschlägt alles. Wenn nicht, wird die Anarchie bis zum letzten Tag anhalten und einen neuen König hervorbringen.

Stand: 22.07.2019, 14:30

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