Der Weg zum Toursieg führt über Ineos

Egan Bernal

Offenes Rennen bei der Tour de France?

Der Weg zum Toursieg führt über Ineos

Von Michael Ostermann (Brüssel)

Vor dem Start der Tour de France herrscht große Hoffnung, dass es diesmal einen offenen Kampf um das Gelbe Trikot geben wird. Doch das in Ineos umbenannte ehemalige Team Sky ist auch ohne Christopher Froome das Maß der Dinge.

Sehnsucht prägt die Athmosphäre in Brüssel, die Sehnsucht nach Abwechslung. Seit Mittwoch gastiert der Tross der Tour de France in der belgischen Hauptstadt und wartet auf den Start des wichtigsten Radrennens des Jahres. Und wie in jedem Jahr vor dem Grand Depart wird spekuliert, werden die Chancen der Favoriten abgewogen, werden die Kandidaten auf den Gesamtsieg nach ihren Erwartungen und Zielen befragt. Doch diesmal schwebt über alledem spürbar die Hoffnung, dass der Kampf um das Gelbe Trikot spannender wird als in den vergangenen sieben Jahren.

Erstickende Dominanz seit 2012

Sechs der sieben Toursieger aus dieser Zeit trugen das Trikot des Teams Sky, das seit einem Sponsorenwechsel am 1. Mai nun den Namen Ineos trägt. 2012 gewann Bradley Wiggins die Tour de France, viermal hieß der Sieger Christopher Froome (2013, 2015, 2016, 2017) und im vergangenen Jahr durfte Geraint Thomas im Gelben Trikot nach Paris fahren. Eine erstickende Dominanz, an der sich die Konkurrenz vergeblich abarbeitete. Nur 2014 schaffte es der Italiener Vincenzo Nibali, diese Serie zu unterbrechen, allerdings war Christopher Froome da schon früh aus dem Rennen gestürzt.

Die Favoriten der Tour de France 2019 Sportschau 01.07.2019 01:00 Min. Verfügbar bis 01.07.2020 Das Erste

Froome steht diesmal gar nicht erst am Start. Der Brite ist im Juni bei der Besichtigung des Zeitfahrkurses während der Dauphiné-Rundfahrt fürchterlich gestürzt und hat sich schwere Verletzungen zugezogen. Erst am Freitag hat er das Krankenhaus verlassen können, während man in Brüssel darauf hofft, dass durch sein Fehlen das Rennen spannend wird und der Kampf um den Toursieg diesmal offen ist. Aber das mag eine trügerische Hoffnung sein.

Vorjahressieger Thomas ohne Druck

"Nein", antwortete Thomas am Freitag (05.07.2019) auf die Frage, ob auch er glaube, dass der Kampf um Gelb diesmal aufregender werden könnte, als zuletzt. "Hoffentlich gewinnt wieder einer von uns, und es wird langweilig."

Der Titelverteidiger hat seinen Triumph im vergangenen Juli ausgiebigst gefeiert und ist deshalb später als sonst und mit ein paar Kilo zuviel auf den Rippen in die Saisonvorbereitung gestartet. Seine Leistungen in diesem Jahr waren dementsprechend durchwachsen und die Tour de Suisse, sein letztes Rennen zur Vorbereitung auf die Tour de France, musste Thomas nach einem Sturz vorzeitig aufgeben.

Auch das nährt die Hoffnung auf einen spannenderen Kampf um den Toursieg, auch wenn Thomas betont, dass er alles getan habe, um in der besten Form am Start zu stehen. Zudem verspüre er gar keinen Druck. "Ich muss niemandem etwas beweisen, auch wenn die Leute behaupten, ich sei ein One-Hit-Wonder", sagt der Waliser.

Der nächste Hit - Egan Bernal

Egan Bernal

Zumal der nächste Chartsstürmer am Freitag schon zwei Plätze links von ihm saß. Der Kolumbianer Egan Bernal teilt sich die Rolle des Ineos-Kapitäns mit Thomas. Viele halten Bernal jetzt schon für den Topfavoriten. Dabei startet Bernal erst in seine zweite Tour und ist mit 22 Jahren noch sehr jung. Sollte er tatsächlich gewinnen, wäre er der jüngste Toursieger nach dem zweiten Weltkrieg.

Das Alter aber sei nicht entscheidend, meint Sir David Brailsford, der Teammanager. "Wenn man bereit dafür, ist man bereit. Und Egan ist bereit", erklärt Brailsford, der sicher ist, dass Thomas und der Kolumbianer auch nicht in Konflikt geraten werden über die Chefrolle. Bernal selbst glaubt ebenfalls, der Aufgabe gewachsen zu sein. "Ich bin noch jung, aber ich habe ein sehr erfahrenes Team um mich herum, das macht es leichter", sagt er.

Die gleiche Strategie wie immer

Tatsächlich startet das Team Ineos bis auf Froome, der vom Niederländer Dylan van Baarle ersetzt wird, mit den gleichen Fahrern in die Tour, die das Rennen im vergangenen Jahr kontrolliert haben. Seit Jahren ist es die Strategie der Mannschaft, das Tempo in den Anstiegen so hoch zu halten, dass Attacken der Konkurrenten schon im Keim erstickt werden. Das gleiche Mittel werden sie auch diesmal wieder einzusetzen versuchen. "Nur mit dem Unterschied, dass wir diesmal ohne Froome vielleicht nur noch zu viert sind", sagt Geraint Thomas.

In Anbetracht der Stärke des Teams ist auch manch einer der Konkurrenten schon vor dem Start skeptisch, ob die Tour in diesem Jahr tatsächlich abwechslungsreicher wird. "Es sieht aus, als wäre es ein offeneres Rennen ohne Froome, aber Ineos ist ein immer noch ein starkes Team", meint der Däne Jakob Fuglsang vom Team Astana, der nach seinem Sieg bei der Dauphiné-Rundfahrt zu den Mitfavoriten zählt. Die größte Herausforderung bestehe innerhalb des Teams Ineos, glaubt Fuglsang: "Chris Froome ist der Road-Captain, er macht die Ansagen. Jetzt haben sie vielleicht keinen für diese Rolle. Aber sie sind immer noch die Favoriten."

Weniger Top-Stars, mehr Spannung bei der Tour?

Sportschau 06.07.2019 02:19 Min. Verfügbar bis 06.07.2020 ARD Von Kerstin Hermes

Stand: 06.07.2019, 10:00

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