Start der Tour de France: Corona fährt mit

Peter Sagan

Grand Depart in Nizza

Start der Tour de France: Corona fährt mit

Von Michael Ostermann (Nizza)

Der Start der Tour de France in Nizza steht im Zeichen der Corona-Pandemie. Der Radsport hofft, dass es seine wichtigste Veranstaltung dennoch bis Paris schafft. Und die Radprofis wünschen sich, dass die Zuschauer dabei möglichst wegbleiben.

Es geht also los: Grand Depart der Tour de France, erste Etappe am Samstag (29.08.2020) mit Start und Ziel in Nizza. Die Stadt ist gelb geschmückt und sommerlich ist es an der Côte d’Azur auch noch. Man wähnt sich im Juli, doch es ist Ende August. Aber nicht nur wegen des um zwei Monate verschobenen Starts ist diese Tour de France anders - darüber kann auch die übliche Fassade nicht hinwegtäuschen.

Zwischen Vorfreude und Bedenken

Die Tour ist in Zeiten der Corona-Pandemie ein Experiment. In normalen Zeiten ist sie nicht einfach nur ein Sportereignis, sie ist ein Volksfest. Denn die Tour findet nicht in einem abgeschlossenen Areal wie einem Stadion oder einer Halle statt, wo man den Zugang strikt beschränken kann. Die Leute kommen den Akteuren entlang der Landstraßen näher als bei den meisten anderen Sportarten. Für diese Nähe feiert sich der Radsport gerne. Aber ein Volksfest darf es eben nicht geben diesmal.

Und so schwankt die Branche nun, da das Peloton sich tatsächlich in Bewegung setzt, zwischen Vorfreude und Bedenken. "Wir alle wollen, dass die Tour stattfindet. Aber wenn wir einen Punkt erreichen, an dem es für die Fahrer, die Teams, die Gesellschaft nicht mehr vertretbar ist, müssen wir vernünftig sein", gibt Sir David Brailsford, der Manager des Branchenführers Teams Ineos zu bedenken.

Nizza in der roten Zone

Es ist eine Gratwanderung. Die Radprofis und der Tross, der sie begleitet, ziehen in 21 Etappen 3.484 Kilometer durchs Land - und mit ihnen die Infektionsgefahr. Und während die Teams in ihrer Blase weitgehend abgeschottet sind, ist bei jenen, die das Rennen entlang der Strecke verfolgen wollen, die Einsicht, sich an die Hygiene- und Abstandsvorgaben zu halten, vonnöten. Denn auch in Frankreich steigen die Infektionszahlen wieder.

Am Donnerstag (26.08.2020) wurde das Département Alpes-Maritimes, zu dem auch Nizza gehört, wegen der gestiegenen Anzahl von Neuinfektionen zur roten Zone erklärt. Ob es unter diesen Umständen angebracht sei, die Tour dort zu starten, wurde der französische Premierminister Jean Castex gefragt. Das sei eine berechtigte Frage, räumte Castex ein, aber es gebe ja umfangreiche Hygienemaßnahmen und man sei im engen Austausch mit dem Veranstalter ASO.

Radsport-Volksfest mit Abstand - die Tour vor dem Start in Nizza

Sportschau 27.08.2020 02:17 Min. Verfügbar bis 27.08.2021 ARD Von Moritz Cassalette


Angst vor enthusiastischen Fans

Zumindest in Nizza dürfen sich nun im Startbereich am Quai des Etats-Unis und Zielbereich auf der Promenade des Anglais nur jeweils 400 statt der ursprünglich erlaubten maximal 5.000 Zuschauer tummeln. Dazwischen aber liegen schon auf der ersten Etappe mehr als 150 Kilometer, an denen die Fans ohne Beschränkungen an die Strecke kommen können. Mit Masken und auf Abstand, appelliert der Tourdirektor Christian Prudhomme. Wer den Radsport und die Tour liebe, der müsse sich an die Regeln halten, erklärt er.

Natürlich belässt es der Tourveranstalter ASO nicht bei Aufrufen. Der Zugang zu den Bergpässen, an denen sich sonst Zehntausende tummeln, die mit Wohnmobilen, Autos und Zelten anreisen, wird diesmal nur jenen erlaubt, die zu Fuß gehen oder selbst mit dem Rad den Berg hinauffahren. Doch ob das reicht, wenn die Begeisterung die Fans an der Strecke packt, davon ist man auch innerhalb des Fahrerfeldes nicht überzeugt.

Der Niederländer Tom Dumoulin, einer der Mitfavoriten auf das Gelbe Trikot, ist angesichts der Erfahrungen bei der ebenfalls von der ASO veranstalteten Dauphiné-Rundfahrt skeptisch. "Am Start und am Ziel war es immer gut organisiert, da haben wir uns immer sehr sicher gefühlt", berichtet Dumoulin. "Aber die Fans am Berg, davon einige ohne Maske, waren verständlicherweise enthusiastisch und kamen uns nah. So könnte das Virus ins Peloton gelangen."

Sagan wirbt für das Fernsehen

Auch Dumoulin findet, das Tragen eine Maske sollte für das Publikum obligatorisch sein. Sein Teamkollege Tony Martin hätte sich sogar eine noch stärkere Einschränkung des Publikumverkehrs entlang der Strecke gewünscht: "Ich glaube schon, dass man Konzepte erarbeiten könnte, um eine Tour de France ohne Zuschauer oder zumindest einer geringeren Zahl an Zuschauern durchzuführen", sagt er.

Martin macht sich dabei weniger Sorgen um die Gesundheit der Fahrer als um die der Zuschauer, die "sich eventuell über die Tour de France infizieren können". Weshalb auch Peter Sagan, der Popstar der Branche, die Zuschauer auffordert, die Tour diesmal lieber am Fernseher zu verfolgen. “Es ergibt doch keinen Sinn, dass die Leute das Rennen an der Strecke verfolgen", meint Sagan. “Wir müssen zwei Meter Abstand halten, es wird keine Selfies geben. Ich weiß nicht, wie jemand die Tour an der Straße genießen soll."

John Degenkolb: "Es wird alles anders sein bei der Tour" Sportschau 27.08.2020 06:57 Min. Verfügbar bis 27.08.2021 Das Erste

Wie im normalen Leben

Über alledem schwebt die Sorge, dass es das Rennen nicht bis Paris schafft und vorzeitig abgebrochen werden muss. Denn das würde all die Hoffnung, die der Radsport mit dieser Tour de France verbindet, zunichte machen. Rund 70 Prozent des Werbegegenwerts für ihr Engagement generieren die Sponsoren der Teams bei der Tour. Und die Teams wiederum sind abhängig von ihren Geldgebern. Ein vorzeitiges Scheitern der Rundfahrt wäre darum auch ökonomisch für manche Equipe nur schwer zu verkraften.

Und so sieht sich der Radsport bei diesem Experiment auch als Vorreiter für die Gesellschaft insgesamt. "Wir wollen doch überall zur Normalität zurückkehren und Sport insgesamt, nicht nur der Radsport, spielt dabei eine Schlüsselrolle", glaubt Sir David Brailsford. Auch Ralph Denk, Teammanger der deutschen World-Tour-Mannschaft Bora-hansgrohe, will den Tourstart als ein Zeichen für das Leben mit der Pandemie verstehen. "Wir können nicht alles stoppen, nicht die Wirtschaft, nicht den Sport und nicht das normale Leben", findet Denk. “Wir müssen einen Weg finden, damit umzugehen. Meiner Meinung nach haben ASO und UCI eine gute Lösung gefunden, damit die Tour starten kann.”

Und so macht sich der Tour-Tross nun also auf den Weg Richtung Paris in der Hoffnung, dort auch anzukommen am 20. September - aller Ungewissheit zum Trotz. "Wenn wir in Nizza starten können", meint der Slowene Primoz Roglic, einer der beiden großen Favoriten auf den Gesamtsieg, "können wir auch in Paris ankommen." Es sei denn, das Virus spielt nicht mit.

Stand: 29.08.2020, 08:18

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