Sekundenspiele an der Mûr de Bretagne

Gewinner und Verlier der 6. Etappe

Sekundenspiele an der Mûr de Bretagne

Von Michael Ostermann (Mûr de Bretagne)

Nach einem aufregenden Etappenfinale an der Mûr de Bretagne sortiert sich das Feld der Favoriten neu. Die Gewinner des Tages sind zufrieden, die Verlierer hadern mit dem Schicksal.

Christopher Froome (l.) auf der 6. Etappe der Tour de France

Christopher Froome (l.) auf der 6. Etappe der Tour de France

“Glück, Schicksal.” Oft benutzte Worte oberhalb von Mûr de Bretagne, am Ende eines Tages, der die Gesamtwertung der Tour de France wieder ein kleines bisschen durchgeschüttelt hatte. Zwischen den Feldern am Ende des zwei Kilometer langen Schlussanstiegs, auf denen sich der Tourtross niedergelassen hatte, sortierten die Gewinner und Verlierer des Tages ihre Gedanken zum Ausgang der sechsten Etappe und kamen dabei immer wieder auf jene unberechenbaren Kräfte zurück.

Etappensieger Martin macht Boden gut

Am leichtesten fiel die Analyse aus nahe liegenden Gründen dem Iren Daniel Martin. Der Etappensieger hat sich einen Platz auf dem Podium in Paris zum Ziel gesetzt. Der Erfolg vom Donnerstag (12.07.2018) könnte ihm die Sache erleichtern, weil so ein Sieg immer auch ein wenig den Druck nimmt. “Mit dem Etappensieg im Rücken können wir das Rennen jetzt genießen und sehen, wie weit wir im Gesamtklassement kommen können”, erklärte Martin.

Dieses Element beinhaltet Daten von Twitter. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Zehn Bonussekunden hatte sich der Teamkapitän der Mannschaft-UEA gesichert. Dazu kamen ein paar Sekunden, die er mit seiner Attacke etwa 1.200 Meter vor dem Ziel herausgefahren hatte. Martins Rückstand auf das Gelbe Trikot, das sich weiterhin im Besitz des Belgiers Greg Van Avermaet befindet, beträgt damit nur noch 1:27 Minuten. Der Olympiasieger wird das Maillot Jaune nun wohl bis in die Alpen tragen. Dann aber werden sich die Favoriten auf den Gesamtsieg darum balgen. Und auch in dieser Hinsicht hat Martin mit seinem Tagessieg in Mûr de Bretagne Boden gut gemacht.

Dumoulin doppelt bestraft

“Fragen sie mich in Paris nochmal, was das heute wert war”, sagte Martin zwar. Doch nimmt man den Titelverteidger Christopher Froome als Referenz, hat Martin insgesamt 18 Sekunden aufgeholt und liegt jetzt noch 25 Sekunden hinter dem Briten. “Es war ein guter Tag mit Blick auf die Gesamtwertung”, fand auch der Australier Richie Porte vom Team BMC. Er gehörte zu jener Gruppe, die mit drei Sekunden Rückstand auf Martin ins Ziel gekommen war und durfte sich deshalb fünf Sekunden gegen Froome gutschreiben lassen.

Doch noch wichtiger werden ihm die Zeitverluste von Romain Bardet und Tom Dumoulin gewesen sein. Der Franzose kam 31 Sekunden später ins Ziel, der Niederländer gar 53 Sekunden. Beide hatten im Finale einen Defekt zu beklagen. Dumoulin erwischte es rund 7,5 Kilometer vor dem Ziel, als ihm eine Speiche brach. Danach kämpfte er eine Zeit lang im Windschatten des Teamfahrzeuges darum, den Schaden zu minimieren. Dafür gab es von der Jury noch einmal 20 Sekunden Zeitstrafe oben drauf.

Auch Bardet in der Defensive

Mit mehr als 50 Sekunden Vorsprung auf Froome in den Tag gestartet, ist der Giro-Sieger von 2017 nun mit 21 Sekunden im Rückstand. “Wir hatten in den ersten Tagen das Glück auf unserer Seite, aber wir wussten immer, dass es uns auch mal treffen kann. Heute ist es passiert”, sagte Dumoulin.

Ebenfalls stark in die Defensive geraten ist Bardet, der nach einem Plattfuß auf das Rad seines Kollegen Tony Gallopin wechseln musste. Obwohl er anders als Dumoulin kurz bevor es zum zweiten und letzten Mal die Mûr de Bretagne hinaufging wieder Anschluss an die Gruppe der Favoriten fand, hatte Bardet dann aber nicht mehr genügend Kraft, als sich das Tempo in der ersten steilen Passage des Schlussanstiegs verschärfte. Bardet fehlen nun auch schon 43 Sekunden auf Froome. “Das Schicksal war heute gegen uns”, stellte der Chef von Bardets Team Ag2r, Vincent Lavenu, fest. “Jetzt müssen wir es bald mal auf unsere Seite zwingen.”

Sky bleibt gänzlich unbeschadet

Gänzlich unbeschadet kam dagegen das Team Sky aus der Etappe. Geraint Thomas bleibt auf Tuchfühlung zum Gelben Trikot und obwohl auch Froome ein paar Sekunden verlor, profitierte er vom Missgeschick seiner Konkurrenten. “Es war ein guter Tag für uns”, befand Thomas dann auch. Der Italiener Vincenzo Nibali, Toursieger von 2014, und der Kolumbianer Rigoberto Uran, im vergangenen Jahr Gesamtzweiter in Paris, gingen ebenso unbeschadet aus dem Tag wie das Team Movistar, das mit drei Kapitänen angereist ist, von denen mit Alejandro Valverde und Mikael Landa gleich zwei weniger als eine Minute vom Gelben Trikot entfernt sind.

Nur Nairo Quintana hat bereits mehr als zwei Minuten auf Van Avermaet und mehr als eine Minute auf Froome eingebüßt. Der Kolumbianer wird froh sein, wenn der erste Ruhetag erreicht ist. Denn danach geht es in die Berge, wo er sich deutlich wohler fühlt. Schicksal und Glück werden dann vielleicht nicht mehr eine ganz so große Rolle spielen

Stand: 12.07.2018, 21:07

Darstellung: