Frankreich leidet, das Wetter spielt verrückt - der Tour-Rückblick

Radprofis fahren bei der Tour de France durch ein Dorf

Rückblick auf die Tour de France 2019

Frankreich leidet, das Wetter spielt verrückt - der Tour-Rückblick

Von Michael Ostermann (Paris)

Die Tour de France 2019 endet mit dem Gesamtsieg des Kolumbianers Egan Bernal. Emanuel Buchmann beendet das Rennen auf einem starken vierten Rang. Doch darüber hinaus gab es noch andere Geschichten, die eine aufregende Tour de France in diesem Jahr geprägt haben. Fünf davon erzählt sportschau.de noch einmal im Rückblick auf die Tour 2019.

Peter der Große in Grün

Die 106. Ausgabe der Tour de France wird als eine der aufregendsten in die Geschichte eingehen. Fast kein Tag ohne überraschende Wende. Nichts für schwache Nerven. Wie gut, dass es Peter Sagan gibt, der dafür sorgt, dass wenigstens der Kampf ums Grüne Trikot nicht auch noch dafür sorgt, dass man Nägel kauend vor dem Bildschirm sitzt. Zum achten Mal hat der Slowake die Tour in diesem Jahr bestritten, zum siebten Mal nimmt er das Maillot Vert des Punktbesten mit nach Hause. Und dass er es nicht schon zum achten Mal tut, liegt nur daran, dass man ihn 2017 aus der Tour warf wegen eines unsauberen Sprints.

Sieben Mal das Grüne Trikot, das ist Rekord - Erik Zabel gelang das seinerzeit nur sechs Mal. Sagan ist jetzt einsame Spitze. Und wenn der Mannschaftsbus des Teams Bora-hansgrohe am Startort einer Etappe von Menschen umringt ist, dann warten die Leute nicht etwa auf Emanuel Buchmann, der bis auf Rang vier der Gesamtwertung kletterte, sondern auf Peter den Großen, den sie mit Sprechchören feiern. Sie lieben Sagan, der im Gruppetto die steilsten Rampen auf dem Hinterrad hochfährt oder seine Autobiographie signiert. Das ist großes Entertainment. Wer bräuchte da noch einen spannenden Kampf um Grün?

Frankreichs Leiden dauert an

Ein Mann steigt vom Rad, am Boden zerstört. Nicht nur er, sondern eine ganze Nation. Die Bilder des weinenden Thibaut Pinot, als dieser die Tour de France drei Tage vor Schluss verlässt, sind herzzerreißend. Und Sinnbild für das Leiden der Franzosen an diesem, ihrem Radrennen, das sie schon so lange nicht mehr beherrschen. 34 Jahre sind vergangen seit Bernard Hinaults fünftem Toursieg 1985. Seitdem hat kein Franzose mehr Gelb nach Paris getragen. Dabei bleibt es.

Kleiner Sprinter ganz groß

Die Strecke der Tour de France 2019 ist nicht gemacht für die Männer mit den dicken Oberschenkeln, die dazu dienen, ihre Fahrräder auf 80 km/h zu beschleunigen. Nur sieben Sprintfinale gibt es. Eins davon - in Albi - wird auch noch vom Winde verweht. Bleiben sechs. Aber anders als in den Jahren zuvor findet sich zunächst kein Sprinter, der die Ziellinie verlässlich als Erster erreicht.

Die Sprints der Tour der France im Rückblick Sportschau 28.07.2019 01:33 Min. Verfügbar bis 28.07.2020 Das Erste

Der erste Sprint in Brüssel endet mit einer Überraschung: Weil es im Finale einen Sturz gibt, holt sich der Niederländer Mike Teunissen, eigentlich Dylan Groenewegens Anfahrer, den Tagessieg. In Nancy hat der Italiener Elia Viviani die Nase vorn, weil sein Team ihn perfekt positioniert. In Chalone-sur-Saône sind Groenewegens Oberschenkel die besten. Aber dann dreht der kleinste der drei Topsprinter auf: In Toulouse, Nimes und auf den Champs-Élysées klopft sich der Australier Caleb Ewan vor Freude auf die Brust. Drei Sprinter auf Augenhöhe, aber der Kleinste ist am Ende der Größte.

Wind, Hitze, Hagel, Schlamm

Okay, die Strecke ist gut gewählt, das Rennen so knapp wie selten in den vergangenen Jahren. Die ersten vier Fahrer in der Gesamtwertung trennen am Schluss nur 1:56 Minuten. Da will das Wetter in Frankreich natürlich nicht hintenanstehen und seinen Teil zu einer aufregenden Tour beitragen. Als erstes kommt der Wind: Von der Seite bläst er das Feld auf dem Weg nach Albi auseinander. Es gibt Gewinner vor und Verlierer hinter der Windkante. Es folgt die Hitze rund um Nimes: Die Fahrer stecken Eiswürfel in die Luftschlitze der Helme und unter das Trikot.

Aber das alles ist nur der Auftakt: In den Alpen dreht Mutter Natur so richtig auf. Der Tag der 19. Etappe beginnt mit schwüler Hitze in Embrun und endet abrupt, weil ein Hagelsturm die Abfahrt vom Col de l'Iseran in eine Eispiste verwandelt. Räumfahrzeuge versuchen vergeblich, die Straße von Hagelkörnern und Wassermassen zu befreien. Nützt alles nichts: Weiter unten macht eine Schlammlawine die Strecke dicht. Der Anstieg Cormet de Roselend muss für den nächsten Tag wegen eines Erdrutsches ebenfalls gestrichen werden. "Die Tour de France war bis hierhin schon verrückt, aber jetzt flirtet sie mit der Unwirklichkeit", schreibt die "L'Equipe".

Liebevolle Streithähne

Tony Martin erlebt die letzten Wetterkapriolen schon nicht mehr mit. Er sitzt zu Hause bei seiner Familie - rausgeschmissen aus der Tour von der Rennjury. Dabei hat alles so prima angefangen für ihn. Er hat sehr viel Fernsehzeit auf den ersten 18 Etappen. Bei den Sprintetappen fährt er oft stundenlang mit offenem Mund vor dem Feld im Wind, um die Ausreißergruppe zu kontrollieren, damit sein Teamkollege Dylan Groenewegen am Ende des Tages sprinten kann. Auf der zweiten Etappe zieht er sein Team Jumbo-Visma zum Etappensieg im Mannschaftszeitfahren - alle lieben Tony.

Auch Luke Rowe versichert, dass er den Tony mag. Aber das nützt nichts. Der Brite vom Team Ineos muss die Tour ebenfalls verlassen, nachdem er auf der 18. Etappe mehrfach mit Martin aneinandergeraten ist. Was man im TV sieht: Erst versucht der Deutsche, den Briten drei Mal von der Straße drängen, was ihm beim zweiten Mal auch fast gelingt. Dafür revanchiert sich Rowe mit einem Griff in Martins Gesicht. Etwas später gibt es zwischen den beiden noch eine weitere Rangelei. Das reicht den Kommissären: Sie verweisen die beiden Streithähne des Rennens. Da nützt es auch nichts, dass die beiden noch am Abend ein Video drehen, auf dem sie wie zwei ertappte Lausbuben dreinschauen, Reue zeigen und versichern, dass sie sich eigentlich ganz doll lieb haben.

Stand: 29.07.2019, 08:22

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