Kluge mit der roten Laterne

Roger Kluge (l.) und Caleb Ewan

Helfer für Caleb Ewan

Kluge mit der roten Laterne

Von Michael Ostermann (La Planche des Belles Filles)

Der zweimalige Bahnweltmeister Roger Kluge wird die Tour de France als Letzter der Gesamtwertung beenden. Die rote Laterne beschert ihm Aufmerksamkeit, aber mit dem letzten Platz hat er vor allem seinem Kapitän Caleb Ewan die Chance auf einen Etappensieg in Paris eröffnet.

Roger Kluge hat in den vergangenen drei Wochen viele Kämpfe ausgefochten bei der Tour de France - aber diesen einen hat er nicht geführt. Letzter zu werden ist und war nicht sein Ziel. Obwohl es das auch schon gab - Radprofis, die in Paris unbedingt den letzten Platz in der Gesamtwertung einnehmen wollten. "Es war nicht mein Ziel, Letzter zu werden. Jetzt bin ich's zwar, aber dafür kann ich mir auch nichts kaufen", sagt Kluge.

Sechs Stunden mehr im Sattel als der Sieger

Dass der letzte Platz überhaupt ein Ansporn sein könnte, ist eine der vielen Besonderheiten der Tour de France. Es gibt keinen Radprofi, der den Moment, in dem das Peloton die Champs-Élysées erreicht, nicht als bewegend beschreibt. Die Last der drei Wochen langen Strapazen fällt ab, man ist durchgekommen durch diese Tortur. Geehrt werden auf dem Prachtboulevard dann nur die Trikotträger - gefeiert aber werden alle Fahrer, die in Paris ankommen.

Besondere Aufmerksamkeit aber bekommt auch die "lanterne rouge" - die rote Laterne, die jener Fahrer symbolisch trägt, der für die gesamte Strecke am längsten gebraucht hat. Diesmal also ist das Roger Kluge, der auf den bislang zurückgelegten 3.362 Kilometern sechs Stunden, fünf Minuten und 42 Sekunden länger unterwegs war als der designierte Toursieger Tadej Pogacar im Gelben Trikot.

Kluge fährt um rote Laterne: "Ich kenne die Geschichten" Sportschau 19.09.2020 00:21 Min. Verfügbar bis 19.09.2021 Das Erste

Sprintvorbereiter für Ewan

Die rote Laterne nach Paris zu tragen hat schon manch einen Radprofi dazu inspiriert, sich etwas Besonderes auszudenken. Der Franzose Jacky Durand etwa schwenkte 1999 tatsächlich eine an einem Holzstab befestigte rote Laterne, als befinde er sich in einem St.-Martins-Zug. Es sei besser, Letzter zu werden als Vorletzter, fand er und gab zu, absichtlich Zeit verloren zu haben, um die rote Laterne schwenken zu können. Andere befestigten ein Rücklicht an ihrem Rad, um die "lanterne rouge" kenntlich zu machen.

Kluge wird auf jeglichen Schnickschnack verzichten. Er hat einen Job zu erledigen auf den letzten Runden durch Paris. Dieser Job ist auch der Grund dafür, dass Kluge am Ende der Gesamtwertung geführt wird. Der 34 Jahre alte Radprofi ist der wichtigste Helfer für den australischen Sprinter Caleb Ewan, dem er während der vergangenen drei Tourwochen nicht von der Seite gewichen ist. Kluge ist der Fahrer, der den Australier in den flachen Finalen am richtigen Hinterrad abliefert oder vorher schon vorne hält.

Vor dem Besenwagen ins Ziel

Die Mannschaft Lotto-Soudal hat einen Großteil der Tour zu fünft bestritten. Für den deutschen Radprofi John Degenkolb und den Belgier Philippe Gilbert war die Tour schon nach der ersten, von Stürzen geprägten Etappe vorbei. Der Belgier Steff Cras musste das Rennen wegen eines Sturzes auf der neunten Etappe aufgeben. Ewen war danach erst recht die beste Option des Teams, um Erfolge einzufahren.

Doch viele Gelegenheiten gab es diesmal nicht für die endschnellen Profis, in Paris werden die Sprinter erst zum fünften Mal die Gelegenheit bekommen, um den Sieg zu streiten. Der Rest waren mittelschwere, überwiegend sogar sehr schwere Bergetappen. Und auf denen geriet Ewan schnell in Schwierigkeiten. Für das Team gab es an diesen Tagen nur das eine Ziel: Ewan vor dem Besenwagen ins Ziel bringen und innerhalb der Karenzzeit bleiben.

Minute um Minute, Stunde um Stunde

"Jeder Tag ist wie ein Sieg, wenn man ankommt. Wir müssen immer gut rechnen", sagte Kluge nach der letzten schweren Bergetappe am Donnerstag in La Roche-sur-Foron. Meist schaffte es Ewan nicht einmal ins Grupetto, in dem sich die Sprinter bei Bergetappen in der Regel zusammentun, um gemeinsam im Zeitlimit zu bleiben. "Caleb hat am ersten Berg immer Probleme, seinen Rhythmus zu finden", erklärt Kluge. Und so bildeten sie ihr eigenes kleines, meist drei Mann starkes Grupetto weiter hinten, um Ewan ins Ziel zu geleiten, und Kluge gehörte immer dazu. "Das können wir ganz gut - überleben", erklärte er.

Und dabei hat Kluge Minute um Minute, Stunde um Stunde eingebüßt, bis er am Ende der Gesamtwertung landete. "Das heißt aber nicht, dass ich es habe gemütlicher angehen lassen. Ich bin genauso müde wie alle anderen", betont Kluge. Ewan wird dank seiner Hilfe also in Paris um den Sieg mitsprinten. Dort triumphierte er schon im vergangenen Jahr - auch schon mit Kluges Unterstützung. "Er bleibt immer bei mir, er ist eine massive Hilfe für mich", weiß Ewan.

Der Australier brachte seinen deutschen Helfer zur Saison 2019 von Mitchelton-Scott mit zu Lotto-Soudal, weil er einen Vertrauten um sich haben wollte, der wusste wie er als Sprinter funktioniert. Kluge, der mit seinem Partner Theo Reinhardt auf der Bahn schon zwei Mal Weltmeister im Zweier-Mannschaftszeitfahren war, wird in Paris den Sprint für Ewan vorbereiten. Und wenn Ewan auf den Champs-Élysées gewinnt, wird das auch Kluges Sieg sein.

Stand: 20.09.2020, 08:00

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