Roger Kluge - Der Weltmeister als Bodyguard

Roger Kluge

Im Sprintzug von Caleb Ewan

Roger Kluge - Der Weltmeister als Bodyguard

Von Michael Ostermann (Nancy)

Der Australier Caleb Ewan gehört zu den Topfavoriten in den Sprintfinals der Tour de France. Sein wichtigster Helfer ist der deutsche Radprofi Roger Kluge, der selbst sehr erfolgreich ist. Allerdings auf der Bahn.

Gelegenheiten für die Sprinter sind rar gesäht in diesem Jahr bei der Tour de France. Das macht die flachen Etappen besonders hektisch. Denn für Sprinter zählt nur der Sieg. Ein zweiter Platz ist für sie, anders als für einen Kletterer in den Bergen, immer eine Niederlage. Eine Chance haben sie schon gehabt in diesem Jahr. Sieger auf der 1. Etappe war der Niederländer Mike Teunissen, eine Überraschung.

Wechselnde Positionen in der Sprintvorbereitung

Am Dienstag (09.07.2019) nun also die nächste Chance in Nancy, dem Zielort der 4. Etappe. Favoriten sind der Niederländer Dylan Groenwegen, der Italiener Elia Viviani und Caleb Ewan. Der Australier baut dabei auf die Vorarbeit von Roger Kluge. Als Ewan zur Saison 2019 beim Lotto-Soudal-Team anheuerte, wo er André Greipel als Sprinter ersetzte, bestand er darauf, Roger Kluge von seinem alten Team Mitchelton-Scott mitzubringen.

"Ich wollte jemanden von meinem alten Sprintzug in das neue Team mitbringen, jemanden der mich kennt", erklärt Ewan, warum er den deutschen Kollegen an seiner Seite wissen wollte: "Das hat den Start hier erleichtert, denn er weiß, wie ich sprinte und konnte das den anderen vermitteln." Kluge kann zudem verschiedene Rollen innerhalb des Sprintzugs einnehmen. Je nach Situation nimmt er von der viertletzten bis zur vorletzten Position jede gewünschte Stelle in der Sprintvorbereitung ein. "Es ist gut einen so vielseitigen Fahrer an seiner Seite zu haben", findet Ewan.

Greipel, Buchmann und Co. - die deutschen Fahrer bei der Tour Sportschau 05.07.2019 01:05 Min. Verfügbar bis 05.07.2020 Das Erste

Giro-Etappensieg 2016

Aber nicht erst in der unmittelbaren Sprintvorbereitung ist Kluge der Kollege, an dem sich Ewan orientiert und der ihn aus dem Wind hält, damit er Kräfte sparen kann für den Schlusssprint. "Es geht nicht nur um den letzten Kilometer, es geht die ganze Etappe über, da bin ich schon so eine Art Bodyguard", sagt Kluge: "Er kennt mich seit zweieinhalb Jahren und weiß, wie ich mich im Feld und ums Feld herum bewege und von daher ist er nicht nur auf den letzten Kilometer hinter mir, sondern vielleicht die letzten 200 Kilometer."

Kluge, 33, stammt aus Eisenhüttenstadt und lebt mittlerweile in Berlin. Radprofi ist er seit 2010, beim Giro d'Italia 2016 gewann er eine Etappe, in dem er den Sprintern mit einer späten Attacke ein Schnippchen schlug. Sein größter Erfolg auf der Straße.

Von der Straße auf die Bahn zum Titel

Roger Kluge und Theo Reinhardt bei der Bahn-WM 2019

Roger Kluge und Theo Reinhardt bei der Bahn-WM 2019

Siege feiert er normalerweise auf der Bahn. Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking holte er im Punktefahren Bronze, 2018 wurde er mit seinem Partner Theo Reinhardt erstmals Weltmeister im Zweier-Mannschaftsfahren, einen Triumph, den das Duo bei der Bahn-WM in diesem Frühjahr wiederholte.

Kurz zuvor war Kluge noch mit Ewan für Lotto-Soudal im Einsatz gewesen - bei der Dubai Tour. Das Rennen auf der arabischen Halbinsel endete am 2. März. Von dort flog er direkt zurück nach Europa, um am nächsten Morgen in Polen seine Runden im Oval in Pruszków zu drehen und erneut den WM-Titel zu holen. "Die Bahn war schon immer meine Leidenschaft", sagt Kluge, der dort seit seiner Kindheit Erfolge feiert: "Vielleicht macht die Bahn mir sogar ein bisschen mehr Spaß, weil ich da gewinnen kann."

Fehlende Masse ein Nachteil für Ewan

Bei der Tour de France nun muss der Bahn-Weltmeister wieder den Aufpasser für Ewan geben und ihn am Ende an der richtigen Stelle abliefern. In Nancy wartet ein flacher Sprint, nicht ideal für den klein gewachsenen Sprinter aus Sydney.

Denn dort ist er gegenüber den wuchtigeren Konkurrenten ein wenig im Nachteil, was er durch eine extrem tiefe und dadurch aerodynamische Haltung auf dem Rad auszugleichen versucht. "Selbst mit einem perfekten Leadout von vorne fehlt ihm da dieses bisschen Masse und Gewicht", meint Kluge: "Das hat er nunmal nicht. Er hat andere Vorteile und die müssen wir einfach nur nutzen und wir wissen wie."

Am richtigen Hinterrad abliefern

Ein Schlüssel dafür ist, dass Kluge und die anderen Kollegen Ewan am richtigen Hinterrad abliefern. Bei der Tour eben an dem von Groenewegen oder Viviani. "Wenn es flache Sprints sind, wissen wir, er will lieber ans Rad, deshalb versuchen wir ihn einfach nur dahin zu bringen", erklärt Kluge. Das jedoch ist einfacher als getan im Gedränge eines Massensprints bei Tempo 70. Aber Kluge kann das offensichtlich sehr gut.

Er soll diesen Job auch 2020 bei der Tour de France wieder übernehmen. Seine eigenen Ambitionen auf der Bahn bei den Olympischen Spielen in Tokio kommen deshalb erst an zweiter Stelle. "Ich bin Straßenprofi bei Lotto", sagt Kluge: "Ich helfe Caleb, Radrennen zu gewinnen."

Stand: 09.07.2019, 08:39

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