Tour de France: Pogacar sorgt für einen Schock

Tadej Pogacar lächelt mit schmerzverzerrtem Gesicht vor der Ziellinie

Roglic verliert Gelbes Trikot

Tour de France: Pogacar sorgt für einen Schock

Von Michael Ostermann (La Planche des Belles Filles)

Beim Bergzeitfahren nach La Planche des Belles Filles entreißt Tadej Pogacar seinem Landsmann Primoz Roglic kurz vor Paris das Gelbe Trikot. Roglics Team Jumbo-Visma, das die Tour de France bis dahin dominiert hat, steht danach unter Schock.

Primoz Roglic hatte längst wieder sein Teamtrikot mit den Streifen des slowenischen Straßenradmeisters übergestreift, ein paar Fans aus seiner Heimat riefen ihm von jenseits der Barrieren aufmunternde Worte zu. Roglic winkte hinüber, streckte den Daumen nach oben. Dann drehte er sich wieder den Kameras zu, um zu erklären, was ihm da gerade widerfahren war. Aber natürlich hatte auch er keine plausible Erklärung.

Aus 57 Sekunden Rückstand werden 59 Sekunden Vorsprung

"Ich habe nicht hart genug getreten", war das Einzige, was Roglic einfiel. Aber das stimmte nur mit Blick auf Pogacar. Der hatte seinem Landsmann Roglic den Gesamtsieg der Tour de France kurz zuvor buchstäblich im letzten Moment entrissen. Aus einem Rückstand von 57 Sekunden in der Gesamtwertung hatte Pogacar beim 36,2 Kilometer langen Bergzeitfahren auf die Planche des Belles Filles einen Vorsprung von 59 Sekunden gemacht. Ein Schock.

Pogacar und das Zeitfahren für die Ewigkeit Sportschau 20.09.2020 02:43 Min. Verfügbar bis 20.09.2021 Das Erste

Pogacar hatte nicht nur Roglic, sondern auch dessen Teamkollegen Tom Dumoulin und Wout Van Aert deutlich hinter sich gelassen. Beides exzellente Zeitfahrer, genau wie der Australier Richie Porte. "Ich bin im Anstieg zur Planche des Belles Filles sicher nicht großartig gefahren, aber ich habe gedacht, dass ich um den Etappensieg fahre", sagte der Niederländer Dumoulin, der tatsächlich die Bestzeit hielt, bevor Pogacar wie entfesselt ins Ziel rauschte - mehr als eine Minute schneller als der Zeitfahrweltmeister von 2017.

Auf einem anderen Level

Fassungslos hatten Dumoulin und Van Aert im Zielbereich mitangesehen, wie ihr Kapitän fast mit jedem Pedaltritt Sekunde um Sekunde einbüßte. "Pogacar war auf einem anderen Level", stellte Dumoulin danach konsterniert fest. Roglic dagegen war 35 Sekunden langsamer als Dumoulin und der Australier Richie Porte, der sich noch auf Platz drei der Gesamtwertung vorschob, und 25 Sekunden langsamer als Van Aert.

Die Tour de France nahm damit am Tag vor der Schlussetappe eine Volte, mit der nicht einmal der Tourdirektor Christian Prudhomme in seinen kühnsten Träumen gerechnet hatte. "Ich würde lügen, wenn ich Ihnen sagen würde, dass ich heute Morgen dachte, es würde so kommen." Er habe gedacht, dass Roglic die 57 Sekunden reichen würden.

Toursieg beim Debüt

Davon waren sie auch beim Roglic-Team Jumbo-Visma ausgegangen. Drei Wochen hatte die niederländische Equipe das Rennen kontrolliert, um Roglic im Gelben Trikot nach Paris zu bringen. Doch nun wird Pogacar sich auf den Champs-Élysées als erster slowenischer Toursieger feiern lassen. "Ich glaube, ich träume", stammelte Pogacar unmittelbar, nachdem sein Triumph feststand. Als Kind habe er davon geträumt, überhaupt einmal die Tour zu fahren. "Und jetzt habe ich die Tour gewonnen, unglaublich."

Gleich bei seiner ersten Tour-Teilnahme hat Pogacar sich das Gelbe Trikot unter den Nagel gerissen. Das war zuletzt dem Franzosen Laurent Fignon 1983 gelungen. Pogacar ist erst 21 Jahre alt, noch jünger als der Kolumbianer Egan Bernal, der Sieger des vergangenen Jahres. Darum darf er auch das Weiße Trikot des besten Jungprofis mitnehmen. Das gepunktete Bergtrikot hat er auch gewonnen.

Kaum Unterstützung vom Team

Anders als Bernal 2019 holte sich Pogacar seine Trikotsammlung fast ohne Unterstützung seines Teams, dem er zwar herzlich dankte, aber das ihn auf der Straße in den Etappenfinalen meist alleine ließ. Im Seitenwind der siebten Etappe hatte er deshalb sogar 1:21 Minuten auf Roglic eingebüßt, den seine Mannschaft im vorderen Feld platziert hatte. Ohne diesen Zeitverlust wäre Pogacar vielleicht schon vorher in Gelb gewesen.

Während das Publikum nun rätselt, wie oft Pogacar das Gelbe Trikot noch gewinnen kann in den kommenden Jahren, muss Roglic in den kommenden Tagen seine schwere Niederlage verkraften. In La Planche des Belles Filles wirkte er ähnlich emotionslos wie in den Tagen zuvor, als er wie der sichere Toursieger aussah und elf Tage lang im Maillot Jaune durch Frankreich gefahren war. "Ich bin natürlich enttäuscht", sagte Roglic mit leerem Blick. Dann durfte er den Berg endlich verlassen.

Stand: 19.09.2020, 22:22

Tour de France | Gesamt

Nameh
1.Tadej Pogacar87:20:05
2.Primoz Roglic+ 59
3.Richie Porte+ 3:30
4.Mikel Landa Meana+ 5:58
5.Enric Mas Nicolau+ 6:07
6.Miguel Angel Lopez Moreno+ 6:47
7.Tom Dumoulin+ 7:48
8.Rigoberto Uran Uran+ 8:02
9.Adam Yates+ 9:25
10.Damiano Caruso+ 14:03
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