Kleiner Showdown an der Mûr de Bretagne

Cadel Evans im Zielspring der vierten Etappe der Tour de France 2011

6. Etappe der Tour de France

Kleiner Showdown an der Mûr de Bretagne

Schon einmal wurde die Grundlage für den Toursieg an der Mûr de Bretagne gelegt. 2011 landet der Australier Cadel Evans dort einen wichtigen Etappensieg auf dem Weg ins Gelbe Trikot. Die Favoriten wissen, dass sie diesen Tag nicht unterschätzen dürfen.

Von der Tour de France 2011 sind einige Bilder in Erinnerung geblieben. Vor allem die Bilder von Thomas Voeckler im Gelben Trikot. Der Franzose eroberte das Maillot Jaune am Ende der neunten Etappe und verteidigte es anschließend zur Begeisterung seiner Landsleute verbissen. Erst zehn Etappen später gab er es wieder ab, an den Luxemburger Andy Schleck. Doch auch der sollte es nicht bis Paris tragen. Nach dem Zeitfahren einen Tag später übernahm Cadel Evans Gelb und durfte sich danach in Paris als erster australischer Toursieger feiern lassen.

Evans legt den Grundstein

Evans war in den drei Wochen zuvor nach dem Motto verfahren: Jede Sekunde zählt. Das war die Grundlage für seinen Toursieg und das galt schon auf der vierten Etappe. Erstmals hatten die Organisatoren der Tour de France damals die Mûr de Bretagne als Zielort festgelegt, dort wo auch 2018 wieder ein Teilstück enden wird. Diesmal die sechste Etappe. Dabei war Evans auf der Mûr de Bretagne nicht einmal derjenige, der die Arme in die Höhe riss. Der Spanier Alberto Contador hatte zunächst dort gejubelt. Doch das Zielfoto zeigte, dass Evans sein Vorderrad ein Stück weiter vorne gehabt hatte. Andy Schleck, später der Zweitplatzierte in Paris, kam mit acht Sekunden Verspätung ins Ziel.

Wichtiger aber war, dass Evans, der in den Jahren zuvor noch beim belgischen Team Lotto zwei Mal als Zweiter nach Paris gekommen war, von diesem Moment an erstmals ahnte, dass die Dinge diesmal in seine Richtung laufen könnten.  "Es war das Team, das an diesem Tag gewonnen hat", hat Evans in einem Interview mit dem "Rouleur-Magazin" einmal im Rückblick erklärt. Acht Kilometer vor dem Ziel auf der Mûr de Bretagne hatte der Australier einen Defekt und musste das Rad wechseln. Ein Missgeschick zum falschen Zeitpunkt. Aber sein Team BMC wartete geschlossen und führte seinen Kapitän rechtzeitig wieder zurück ins Feld. "Das hat die Mentalität dieses Teams ganz gut zusammengefasst", sagte Evans später.

Burghardt unter den Helfern

Zu diesem Team gehörte damals auch Marcus Burghardt, der heute als Capitain du Route für das Team Bora-hansgrohe fungiert und in diesem Jahr seine zehnte Tour de France bestreitet. Den Toursieg von Evans bezeichnet er bis heute als eine der schönsten Erfahrungen seiner Profikarriere. Schon damals war Burghardt die Schnittstelle zwischen sportlicher Leitung und den Profis auf der Straße.

Trotz der Skepsis der Verantwortlichen beim Team BMC, dass er und seine Kollegen sich schon in der ersten Woche immer vorne ihm Wind aufhielten, um den Kapitän aus Schwierigkeiten herauszuhalten. Was, so Burkhardts Argumentation damals, nützte es, Kräfte für die dritte Woche zu sparen, wenn man den Kapitän schon in der nervösen ersten Woche verliere. Und so fuhren er und der Schweizer Michael Schär in den ersten Tagen stundenlang an der Spitze des Feldes, Evans am Hinterrad.

Auch Burghardt glaubt, dass gerade die Etappe nach Mûr de Bretagne ein besonderer Schritt auf dem Weg zum Toursieg war. "Jeder einzelne Fahrer im Team hatte eine Aufgabe und hat die zu 100 Prozent umgesetzt. Die letzte Aufgabe hatte Cadel: nämlich die Etappe zu gewinnen", erinnert sich der 35-Jährige: "Das war mit eine Grundlage für den Gesamtsieg, weil das alle motiviert hat, weil wir gesehen haben, er ist in Form und kann gewinnen, was dann ja auch passiert ist."

Gleich zwei Mal über die Mûr

Das Ziel der Organisatoren war schon 2011, einen frühen Showdown der Favoriten auf einem Terrain abseits des Hochgebirges zu erzwingen. Es gehört zur Philosophie des seit 2006 an der Spitze der Tour de France stehenden Tourdirektors Christian Prudhomme, jene Fahrer zu ermutigen, die bereit sind, auch abseits der legendären Anstiege zu attackieren und Zeit herauszufahren. Damals ging das Kalkül auf - an der Mûr de Bretagne wagten sich die Favoriten aus dem Schatten, obwohl alle mit dem zweiten Etappensieg des im Frühjahr in den Ardennenklassikern überragenden Belgiers Philippe Gilbert gerechnet hatten. 2015, als die Mûr de Bretagne erneut auf dem Programm stand, kamen die Favoriten aber geschlossen oben an.

Wohl auch deshalb hat Streckenchef Thierry Gouvenou diesmal eine neue Variante für das Finale ausgeheckt. Am Donnerstag (12.07.2018) geht es gleich zwei Mal die zwei Kilometer lange Rampe hinauf, die in der ersten Hälfte um die zehn Prozent steil ist. Knapp 14 Kilometer geht es nach der ersten Überfahrt über welliges Terrain wieder hinein in die Mûr, die sie auch das Alpe d'Huez der Bretagne nennen.

Der Vergleich mag übertrieben sein, aber die Favoriten auf den Gesamtsieg wissen, dass sie hier Sekunden liegen lassen könnten, die ihnen am Ende vielleicht wehtun. "Wir werden dort ein bisschen Action sehen", glaubt Titelverteidiger Chris Froome. Der Australier Richie Porte, einer der Herausforderer Froomes ergänzt: "Man darf sich dort keinen schlechten Tag erlauben." Umgekehrt gilt: Wer einen guten Tag hat, den kann das vielleicht sogar bis nach Paris tragen.

Stand: 11.07.2018, 20:45

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