Maximilian Schachmann - das Gesicht einer neuen Generation

Maximilian Schachmann

Debüt bei der Tour de France

Maximilian Schachmann - das Gesicht einer neuen Generation

Von Michael Ostermann (St. Étienne)

Maximilian Schachmann fährt bei seiner ersten Tour de France als loyaler Helfer an der Seite seiner Kapitäne. Der Berliner hat aber auch selbst schon Erfolge gefeiert. Mit seiner Art wird er zum Gesicht einer neuen Generation deutscher Radprofis.

Nur ein paar Fans standen um den Teambus der deutschen World-Tour-Mannschaft Bora-hansgrohe herum. Und so blieb Maximillian Schachmann weitgehend unbehelligt in Chalon-sur-Saône , dem Zielort der 7. Etappe der Tour de France. Er verschwand bald ins Innere des Gefährts, nach einem Tag, der überwiegend in gemütlichem Tempo absolviert worden war. Äußern dazu musste er sich nicht, was zuletzt eher selten vorgekommen ist.

Generationenwechsel im deutschen Radsport

Schachmann ist ansonsten ein viel gefragter Profi in diesen Tagen. Manchmal wird ihm das sogar schon zu viel. Als sein Teamkapitän Peter Sagan die fünfte Touretappe in Colmar gewann, war er es, auf den die Journalisten-Traube wartete, um sich die besondere Gabe des Slowaken erklären zu lassen. "Die anderen können auch alle reden", erklärte Schachmann und zeigte auf die Teamkollegen, die neben ihm auf der Rolle saßen. Doch es war der 25 Jahre alte Berliner, der sprechen musste.

Schachmann ist Teil eines Generationenwechsels, der sich im deutschen Radsport gerade vollzieht. Die Ära der großen Sprinter André Greipel und Marcel Kittel geht oder ist bereits zu Ende, der viermalige Zeitfahrweltmeister Tony Martin ist auch schon 34 Jahre alt. Die neue Ära trägt die Namen Politt, Buchmann und Schachmann.

Neue Namen, neues Glück - Generationswechsel im deutschen Radsport

Sportschau 10.07.2019 01:45 Min. Verfügbar bis 10.07.2020 ARD

Eloquent, intelligent, erfolgreich

Und Schachmann hat beste Chancen das Gesicht dieser neuen Generation zu werden. Eloquent und intelligent abseits des Rades, erfolgreich auf dem Rad - der 24-Jährige bringt alles mit was es braucht, um in den kommenden Jahren der deutsche Vorzeigeprofi zu werden.

Ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit ist Schachmann erstmals in der vergangenen Saison gefahren, als er beim Giro d'Italia eine Bergetappe gewann. In dieser Saison kamen drei Etappensiege bei der Baskenland-Rundfahrt, ein Tageserfolg bei der Katalonien-Rundfahrt und Platz drei beim schweren Frühjahrsklassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich hinzu.

Generalverdacht und harte Arbeit

Das hat ihn vor allem in den Kernländern das Radsports Belgien, Frankreich und Italien bekannt gemacht, in Deutschland wird er anders als dort nicht auf der Straße erkannt. "Es wäre schön, wenn das andersherum wäre", sagt Schachmann. Doch in Deutschland hängt dem Radsport immer noch das Doping-Image inklusive Generalverdacht an. Viele Leute gucken deshalb nicht mehr hin. "Man muss das mit einer gewissen Distanz betrachten", meint er, "damit einen das nicht deprimiert."

Schachmann findet, dass die Leute zu oft vergessen, was er investieren muss, um erfolgreich zu sein: "Das ist nicht mehr nur Talent, Talent haben alle in dieser Klasse, in der man sich bewegt. Es ist knallharte Arbeit und Entbehrung." Er macht das an einem Beispiel fest: Im vergangenen Jahr sei seine Mutter an Krebs erkrankt und habe sich einer Chemotherapie unterziehen müssen erzählt er: "Trotzdem habe ich sie kaum gesehen."

Die richtige Nische bei Bora-hansgrohe

Im vergangenen Jahr fuhr Schachmann noch für die belgische Equipe Deceuninck-Quick Step. Dort aber waren die Möglichkeiten, auf eigene Rechnung zu fahren, begrenzt. "Ich hatte das Gefühl, für meine Anliegen nicht immer offene Ohren zu finden", sagt er. Bei Bora-hansgrohe dagegen hat er Platz seine eigenen Ambitionen zu verwirklichen.

Peter Sagan deckt dort die Kopfsteinklassiker ab, Emanuel Buchmann die Rundfahrten und Pascal Ackermann ist der Mann für die Massensprints. Maximilian Schachmann kann sich derweil auf den mittelschweren Etappen und den Ardennenklassikern austoben. Dort wo ihm bei Deceuninck-Quick Step der Franzose Julian Alaphilippe im Weg stand, der in der ersten Woche der Tour de France zwei Tage das Gelbe Trikot trug.

Lust auf Attacke

Schachmann ist ein Baroudeur, ein Abenteurer auf dem Rad. Einer, der gerne in die Attacke geht und das Rennen animiert. "Wenn ich mich gut fühle, dann muss ich mir selbst immer sagen: Warte, warte, bald wird sich eine Gelegenheit ergeben", sagt Schachmann über seine Ungeduld während des Rennens.

So wie bei den Deutschen Meisterschaften Ende Juni auf dem Sachsenring, wo er einen Rüffel von seinen Teamkollegen kassierte, weil er schon früh im Rennen ein wenig aufs Tempo drückte: "Aber es hat gar nicht weh getan, ich habe die nur eine wenig gestresst dahinten." Am Ende durfte er dort bei Bora-hansgrohes Dreifach-Triumph als Erster über den Zielstrich fahren. Seitdem fährt er im Trikot mit dem schwarz-rot-goldenen Brustring umher, das ihn als Deutschen Meister ausweist.

In Frankreich als Helfer

Die Teilnahme an der Tour de France ist für Schachmann "der nächste logische Schritt, um ein besserer Rennfahrer zu werden." Durch Frankreich tourt er primär als Helfer für Emanuel Buchmann, der einen Platz unter den ersten zehn der Gesamtwertung anpeilt, und für Peter Sagan, der zum siebten Mal das Grüne Trikot gewinnen will. Schachmann muss sich gedulden, darf aber damit rechnen, auch einmal auf eigene Faust loszufahren.

Die 8. Etappe der Tour de France von Mâcon nach Saint-Étienne ähnelt vom Profil her einem Klassiker in den Ardennen, kommt seinen Fähigkeiten also eigentlich entgegen. Doch taktische Überlegungen von Bora-hansgrohe könnten verlangen, dass Schachmann bei seinen Kapitänen bleiben muss. Auch das ist Teil eines Lernprozesses, der ihn vielleicht selbst einmal zu einem Fahrer für die Gesamtwertung macht.

"Als Kind haben mich die Rundfahrten immer am meisten fasziniert", sagt Schachmann, aber ob er ein Rundfahrer sein könne, sei nicht zu 100 Prozent vorherzusagen. Mit jedem weiteren Erfolg aber wird die Erwartungshaltung wachsen. Schachmann weiß das, aber Druck, sagt er, verspüre er deswegen nicht. "Ich führe ja kein Land, da trägt man viel mehr Verantwortung. Ich fahre nur Rad und unterhalte die Leute", sagt er: "Wenn ich nicht schnell fahre, fährt jemand anders schnell und die Leute haben auch Spaß. Das ist wie ein Spiel."

Stand: 13.07.2019, 10:02

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