Marcel Kittel: "Nach der Tour de France werde ich entscheiden"

Marcel Kittel

Exklusiv-Interview mit dem Sprinter

Marcel Kittel: "Nach der Tour de France werde ich entscheiden"

Topsprinter Marcel Kittel nimmt sich eine Auszeit vom Radsport. Im Frühjahr hat er seinen Vertrag beim Team Katusha-Alpecin aufgelöst. Jetzt ist er als Gast der Sportschau bei der Tour de France. Im Interview spricht er über die Gründe für die Pause und seine Zukunfstpläne.

Herr Kittel, Sie sind zurück bei der Tour de France, dem Rennen, das Sie zum Weltstar gemacht hat. Wie viele Etappen hätten Sie denn in diesem Jahr gewonnen?

Marcel Kittel: Oh, das wäre Spekulation, darauf lasse sich mich auch nicht ein. Aber es ist gut, wieder hier zu sein, wenn auch nur von der Seitenlinie. Trotzdem ist die Tour-Atmosphäre auch so da. Das hängt ja nicht davon ab, ob man hier als Rennfahrer unterwegs ist oder als Zuschauer, sondern die genießt man gemeinsam. Deswegen ist es schön, mal wieder da zu sein.

Ist denn eher Wehmut dabei oder sind Sie ganz froh, dass Sie sich nicht so quälen müssen, wenn Sie beispielsweise an die Etappe nach La Planche des Belles Files denken?

Kittel: Es gibt Etappen, die machen nie Spaß. Solche Tage sind immer super schwer, gerade für Sprinter. Aber Wehmut? Ich habe das ja so auch noch nicht erlebt. Deswegen ist es definitiv eine neue Erfahrung. Das war aber auch einer der Gründe, warum ich überhaupt herkommen wollte. Ich habe jetzt sowieso Zeit, und die Tour jetzt von der Seite zu erleben, ist auf jeden Fall cool.

Trotzdem, tut es denn nicht weh, nicht auf dem Rad zu sitzen?

Kittel: Nee, ich glaube nicht. Ich habe mich mit der Frage beschäftigt und mich selber dabei beobachtet. Dadurch, dass ich kein Team habe, ist es für mich nicht unbedingt so, dass ich Wehmut fühle. Ich weiß ja, das hat einen Hintergrund, das hat sich entwickelt. Ich versuche jetzt einfach, das Beste daraus zu machen und nicht den Sommer irgendwo rumzuhängen, sondern bin froh, dass ich die Tour so nochmal miterlebe. Deswegen finde ich das nicht tragisch und bin auch nicht wehmütig.

Marcel Kittel und der lange Weg zurück in die Erfolgsspur Sportschau 13.07.2019 02:01 Min. Verfügbar bis 12.07.2020 Das Erste

Können Sie diesen Hintergrund, die Auflösung ihres Vertrages mit dem Team Katusha-Alpecin, nochmal ein bisschen beleuchten? Was hat letztlich dazu geführt, dass der Vertrag aufgelöst wurde?

Kittel: Um es einfach zusammenzufassen: Es lief sicherlich nicht rund in der Zusammenarbeit. Beide Seiten haben sich das anders vorgestellt. Am Ende gab es dann ein ehrliches Gespräch. Ich habe mich dort einfach nicht mehr wohlgefühlt, weil mich die Situation persönlich an einen Punkt gebracht hat, an dem ich gesagt habe: Das ist nicht das, was ich mir unter Radprofi sein vorstelle. Deswegen war es für mich wichtig, mich erstmal freizuschlagen.

Es war also das Ergebnis eines längeren Prozesses, der dazu geführt hat, dass sie der Meinung waren, es geht nicht mehr weiter?

Kittel: Das ist nicht einfach so passiert. Insgesamt war es schwierig, auf einen Nenner zu kommen. Das man ab und zu mal ein paar Meinungsverschiedenheiten hat, das ist ja völlig normal. Das ist kein Problem, man muss halt nur darüber reden können. Ich bin an einen Punkt gekommen, an dem ich nicht mehr umsetzen konnte, was ich umsetzen wollte und auch umsetzen muss, um erfolgreich zu sein als Rennfahrer. Ich weiß ziemlich genau, was ich in der Vorbereitung an Unterstützung brauche. Ich bin auch nicht schüchtern und kann das auch konstruktiv rüberbringen, aber das war schwierig. Und dann ist mit der Aktion bei der Tour im vergangenen Jahr ein großer Keil in das Team getrieben worden.

Sie meinen die öffentliche Kritik des Sportlichen Leiters Dmitri Konyschew, der Ihnen Egoismus vorwarf.

Kittel: Ja, da hätte ich mir gewünscht, dass das intern passiert und nicht öffentlich. Das ist einfach extrem unprofessionell gewesen. Und von dem Moment an, war es einfach eine schwierige Situation.

Comeback "ergebnisoffen" - Kittel genießt seine Auszeit

Sportschau 13.07.2019 02:09 Min. Verfügbar bis 13.07.2020 ARD Von Kerstin Hermes

Sie haben bei der Vertragsauflösung gesagt, dass Sie das Feuer nicht mehr verspüren. Ist es gänzlich erloschen oder lodert es noch irgendwo?

Kittel: Habe ich das gesagt?

So war es zumindest zu lesen.

Kittel: Ich würde es nicht auf diesen Punkt herunterbrechen. Es war für mich eine Kombination von Faktoren, bei denen ich in der Summe gemerkt habe: Okay, so geht es für mich hier nicht weiter. Ich habe mich da auf meine Anfänge zurückbesonnen und die Gründe, warum ich überhaupt mit dem Sport angefangen habe. Deswegen geht es erstmal nicht darum, Feuer zu haben oder nicht, sondern darum, ob ich eigentlich gerade das habe, was ich brauche, um erfolgreich zu sein.

Kittel am Ort des Erfolgs: "Cool, wieder da zu sein"

Sportschau 13.07.2019 06:02 Min. Verfügbar bis 13.07.2020 ARD Von Kerstin Hermes

Was brauchen Sie denn um erfolgreich zu sein?

Kittel: Das ist in erster Linie ein Umfeld, Rennfahrer, Betreuer, Sportliche Leiter, die alle an einem Strang ziehen. Das ist nichts Spezifisches für mich, sondern das ist allgemein im Spitzensport so. Gerade im Mannschaftssport geht es nur über das Team. Man muss eine Mentalität etablieren, dass Rücksicht genommen wird, dass man aufeinander achtet, dass man sich gegeneinander pusht und coacht, dass man Anleitung hat von den Leuten, die Verantwortung tragen. Das können die Topfahrer sein, das können die Sportlichen Leiter sein und natürlich auch das Management, das das von oben angehen muss.

Derjenige, der am Steuer sitzt, muss die Richtung vorgeben. Das ist ganz, ganz wichtig für mich und ich glaube auch für alle anderen Sportler in so einer Mannschaft. Vor allem im Radsport, einem so harten Sport, bei dem man menschlich mal schwierige Momente erwischt. Es ist nicht immer nur Sonnenschein, 25 Grad und ein bisschen Rückenwind, bei dem man da lang fährt, sondern auch mal zwei Grad und Regen. Dann kommen Stürze dazu, Verletzungen, die Vorbereitung läuft nicht so, man wird mal krank. Das sind die Momente, an denen sich die Spreu vom Weizen trennt und man den Grundstein legt für eine tolle neue Saison, wenn man da gut durchkommt und sich gegenseitig unterstützt.

Sie hatten bei Giant-Alpecin in der Saison 2015 auch schwierige Situationen und haben dann das Team verlassen. War das damals ähnlich?

Kittel: Bei Giant-Alpecin war es auch irgendwann so, dass wir nicht mehr weitermachen konnten. Aber da gab es für mich auch einen gesundheitlichen Aspekt. Ich bin einfach schlecht in die Saison 2015 gestartet, hatte viele Probleme und bin nur schwer in Gang gekommen. Damals habe ich mir auch Unterstützung erhofft, die dann aber für mich nicht da war. Es gab viele Diskussionen, aber nichts Konstruktives. Das kann einem scheinbar nicht nur einmal passieren. Das ist im Nachhinein schade, aber auch unter Erfahrung zu verbuchen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass einen solche Momente weiterbringen im Leben.

Manch einer hat sich auch gefragt, geht es ihm vielleicht psychisch nicht gut, Thema Burn out.

Kittel: Also, ich war zu keiner Zeit in irgendeiner Form gefährdet oder sowas. Wenn das so rübergekommen ist, ist das nicht wahr. Es war einfach ein schwerer Moment, weil das kein alltägliches Erlebnis ist, mit dem Team zu brechen und auseinanderzugehen. Das ist nicht schön, das war so auch nicht geplant. Sicherlich ist das dann erstmal schwierig, aber wenn ich jetzt so darüber nachdenke, hat mir das auch viele schöne Momente beschert. Letztlich war es die richtige Entscheidung, weil es mich auch glücklicher gemacht hat mit dem, was ich danach hatte mit meiner Familie und Freunden. Das ist etwas, was viele Rennfahrer unterwegs immer wieder vergessen, sich diesen Freiraum zu nehmen. Das war für mich ganz, ganz wichtig in dem Moment und hat mich ein bisschen geerdet.

Wie geht es denn dann jetzt weiter, wollen Sie als Radprofi weitermachen?

Kittel: Nachdem ich den Vertrag aufgelöst habe, habe ich gemerkt: Okay, das ist jetzt eine besondere Situation. Das ist das erste Mal in meinem Leben, in meiner Karriere, dass ich langfristig ein bisschen Zeit habe für mich. Und die habe ich versucht zu nutzen und mir solche Fragen zu stellen. Was möchte ich machen, was sind meine Möglichkeiten für 2020 und wie geht es jetzt weiter? Ich möchte jetzt die Tour nochmal auf mich wirken lassen. Hier finden auch viele Gespräche statt, die Teams sprechen mit den Fahrern. Deswegen ist das auch nochmal wichtig. Und nach der Tour möchte ich mich dann entscheiden.

Zusammengefasst also: Karriereende steht im Raum, aber bei einem guten Angebot würden Sie auch weitermachen.

Kittel: Ganz ehrlich, ich finde das ja auch interessant. Ich habe ein bisschen beobachtet, was da in den vergangenen Wochen und Monaten um mich herum passiert ist, was da alles für Geschichten entstehen. Ich glaube, die Mehrheit der Menschen nimmt das im Moment, naja, nicht ernst, aber versucht, überall im Kaffeesatz zu lesen. Ich selber möchte mir den Freiraum lassen über die Dinge, die mich betreffen, gut und umfangreich zu entscheiden. Gerade, wenn es um meine Zukunft geht. Für mich ist das im Moment ergebnisoffen. Ich habe weder das eine noch das andere entschieden. Ich habe auch keine 20 Kilo zugenommen und mich total gehen lassen. Ich habe mir einfach diesen Zeitraum bis zum Ende der Tour freigelassen. In welche Richtung das jetzt geht, das weiß ich selber leider auch noch nicht. Ich werde es dann bekannt geben.

Was wären denn Argumente dafür weiterzumachen?

Kittel: Das Hauptargument ist und bleibt die Erfahrung als Mannschaft. Man hat das jetzt ganz toll gesehen bei Tony (Martin, Anm. d. Red), wie der bei Jumbo-Visma aufblüht und wie ihm das Spaß macht. Das ist meiner Meinung nach im modernen Radsport das Essentielle, dass du eine Mannschaft um dich herum hast, die dich als Menschen sieht, nicht nur als Radprofi. Die weiß, was alles dazu gehört und versucht, den ganzen Stress drumherum von dir wegzuhalten. Radsport ist ultrahart, es ist sporttechnisch so ziemlich das Härteste, was man machen kann, stundenlang Rad zu fahren, im Wettkampf oder auch im Training. Irgendwann bist du so müde, dass du das an dich ranlässt auch als Mensch und dann kommt es auf den Kopf an. In diesen Momenten brauchst du eine Mannschaft um dich herum. Das waren für mich immer die Momente, in denen ich besonders viel Spaß hatte, wenn ich gesehen habe, dass da eine Gruppe zusammenrückt, die für ihr Ziel kämpft, in dem sie sich gegenseitig unterstützt.

Gibt es etwas, was Sie gar nicht vermissen?

Kittel: Ich glaube, die hässliche Seite am Radsport sind die Stürze, sind die Gefahren, die mit dem Sport kommen. Der Radsport ist eben auch eine der Sportarten, wo es sehr negativ ausgehen kann, also nicht nur ein bisschen Haut verloren geht, sondern Knochen brechen. Es sind in den vergangenen Jahren auch ein paar Rennfahrer gestorben. Das ist eine Gefahr, der man sich immer bewusst sein muss, die gibt es. Die langen Trainingseinheiten, die vielen Reisen, das ist am Anfang bestimmt schön, aber das wird dann irgendwann auch schwierig für den ein oder anderen. Aber ich glaube, wenn man es auf die Waagschale legt, würden die Vorteile und die schönen Aspekte die Nachteile überwiegen.

Sie werden bald Vater. Wird das Ihre Entscheidung beeinflussen?

Kittel: Es wäre ja verrückt, wenn das nicht so wäre. Das ist etwas, auf das ich mich unendlich freue. Das ist einer der wenigen Schritte im Leben, die man bewusst gehen und absolut genießen muss. Das ist auf einem anderen Level als Radprofi werden oder Abitur machen oder den Führerschein bekommen, das erste Fahrrad - auch toll - aber ich glaube eine Familie zu gründen, das ist etwas ganz Besonderes.

Das Interview führten Kerstin Hermes und Michael Ostermann.

Stand: 13.07.2019, 14:19

Darstellung: