Tour de France: Lennard Kämna findet seinen Weg

Lennard Kämna

Bremer Radprofi überzeugt in den Bergen

Tour de France: Lennard Kämna findet seinen Weg

Von Michael Ostermann (Tignes)

Lennard Kämna gilt schon lange als eines der größten Talente des deutschen Radsports. Auf der 18. Etappe der Tour de France bestätigt er das mit Platz vier eindrucksvoll. Doch dafür musste der 22-Jährige im vergangenen Jahr erstmal eine Pause einlegen.

Wenn Lennard Kämna noch eine Bestätigung dafür gebraucht hätte, dass Radprofi sein das Richtige für ihn ist, dann hat er diese am Donnerstag (25.07.2019) auf der 18. Etappe der Tour de France am Anstieg zum Galibier erhalten. "Das war der absolute Hammer. Ich habe wirklich des Öfteren gedacht: Boah, das macht richtig, richtig Spaß", sagte Kämna im Ziel in Valloire, 8,5 Kilometer unterhalb des legendären Alpengipfels. "Das ist das, worauf ich immer gehofft habe, jemals zu tun."

Ausprobieren ohne Druck

Als Vierter war Kämna ins Ziel gesprintet, nachdem er auch auf der ersten schweren Bergetappe in den Alpen wieder den Sprung in die Ausreißergruppe geschafft hatte. In den Pyrenäen war er so schon einmal auf Rang sechs einer Etappe gelandet. Am zweiten Ruhetag der Tour de France in Nimes hatte Kämna deshalb schon erklärt, er wolle gerne, müsse aber nicht nochmal in eine Ausreißergruppe kommen.

18. Etappe - die Stimmen Sportschau 25.07.2019 01:55 Min. Verfügbar bis 25.07.2020 Das Erste

Aber am Donnerstag war es dann wieder soweit, er hatte den Sprung nach vorne geschafft und war dort lange jede Tempoverschärfung mitgegangen. Kämna hat offensichtlich Spaß an seinem Tourdebüt. Er kann sich ausprobieren, ganz ohne Druck. "Er soll seine Sache gut machen, ohne die Erwartung, ein Ergebnis einfahren zu müssen", hatte sein Teamchef beim Team Sunweb, Iwan Spekenbrink, vor dem Tourstart betont.

Von hohen Erwartungen begleitet

Kämna ist erst 22 Jahre alt, fährt aber schon im dritten Jahr auf World-Tour-Niveau, begleitet von hohen Erwartungen. Denn der junge Mann aus Bremen gilt als eines der größten Talente im deutschen Radsport. 2014 war er Junioren-Weltmeister im Zeitfahren, ein Jahr später gewann er WM-Bronze im Zeitfahren der U23, 2017 sogar Silber. Und weil Kämna auch gut die Berge hochkommt, galt er schnell als der kommende deutsche Rundfahrer.

Er hat oft versucht, dem entgegenzuwirken. Wann immer man ihn fragte, erklärte Kämna, er wisse nicht, wohin er sich als Radprofi entwickeln wolle. Die Fragen hörten dennoch nicht auf. Dafür legte Kämna selbst eine Pause ein. Im Mai vergangenen Jahres teilte das Team Sunweb mit, Kämna werde vorerst keine Rennen mehr fahren, nachdem er im Frühjahr wegen zahlreicher Infekte aus dem Tritt gekommen war.

Ein paar Dinge sortieren

Doch das war nicht der einzige Grund für die Pause. In der Mitteilung des Teams hieß es damals auch, Kämna solle die Gelegenheit bekommen, "über seine langfristigen Karriereziele nachzudenken". Der Begriff "Burn out" machte die Runde, was Kämna weit von sich wies, als er im August bei der Deutschland Tour ins Renngeschehen zurückkehrte. Er musste damals einfach ein paar Dinge für sich sortieren. Das war alles.

"Ich bin mir in dieser Zeit im Kopf ein bisschen klarer darüber geworden, was ich gerne machen möchte und wie ich mir meine Zukunft vorstelle", sagt Kämna heute. Während seiner Pause hat er auch mit einer Sportpsychologin zusammengearbeitet, um herauszufinden, dass er wirklich gerne Radprofi sein möchte. "Das hat sich jetzt mehr und mehr gefestigt, und seitdem arbeite ich besser, bin fokussierter und deshalb habe ich auch bessere Leistungen als vorher."

Im Windschatten von Buchmann

Schon im Juni bei der Tour de Suisse in der Vorbereitung auf die Tour de France präsentierte Kämna sich in guter Form. In Frankreich hat sich dieser Eindruck nun mehr als bestätigt. Sowohl in den Pyrenäen als auch in den Alpen befand er sich in den Ausreißergruppen lange in illustrer Gesellschaft von Fahrern wie Nairo Quintana oder Romain Bardet. "Das gibt einem eine Menge Selbstvertrauen", sagt Kämna.

18. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 25.07.2019 04:47 Min. Verfügbar bis 25.07.2020 Das Erste

Mit seinen Auftritten bei dieser Tour provoziert der junge Mann nun natürlich auch wieder Fragen danach, was aus ihm werden kann. Er steht ja immer noch am Beginn seiner Karriere. Sein Vorteil ist, dass derzeit Emanuel Buchmann die Aufmerksamkeit der deutschen Öffentlichkeit auf sich zieht. Kämna kann quasi im Windschatten des Landsmannes seine Entwicklung vorantreiben. "Wir werden nach der Tour in Ruhe evaluieren, wo wir stehen", hatte sein Teammanager Spekenbrink vor dem Start der Rundfahrt in Brüssel angekündigt.

Konzentration auf einwöchige Rundfahrten

Man kann jetzt schon sagen, dass das Ergebnis lauten wird: Kämna hat den nächsten Schritt gemacht auf einem Weg, den er selbst nun langsam etwas deutlicher vor Augen hat. "Ich möchte mich die nächsten Jahre schon ein bisschen auf die Rundfahrten fokussieren, erstmal die einwöchigen, und da versuchen Top-Ten-, Top-15-Platzierungen zu erreichen", sagt Kämna. "Was bei dreiwöchigen Rundfahren möglich ist, da habe ich keine Ahnung."

Teammanager Spekenbrink wünscht sich, dass Kämna die Reise von nun an genießen kann - egal, wohin sie führt, und ohne sich von den Erwartungen der Öffentlichkeit aus dem Tritt bringen zu lassen. "Der Radsport ist schwierig, meistens verliert man und man gewinnt nur selten", sagt der Niederländer. "Man muss ihm Zeit geben, die einzelnen Schritte zu machen."

Dazu gehört auch, mit Rückschlägen umzugehen. Die Auf und Abs sind Teil der Entwicklung eines jungen Sportlers. Aber grundsätzliche Zweifel daran, dass er sich auf dem richtigen Weg befindet, dürften Kämna vorerst wohl nicht mehr kommen. Dazu hatte er bei dieser Tour schon zu viel Spaß.

Quintana und Kämna grandios auf der Königsetappe

Sportschau 26.07.2019 00:14 Min. Verfügbar bis 26.07.2020 Das Erste

Stand: 26.07.2019, 08:31

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