Tour de France: Kämnas genialer Moment in Villard-de-Lans

Lennard Kämna

Im Solo zum Etappensieg

Tour de France: Kämnas genialer Moment in Villard-de-Lans

Von Michael Ostermann (Villard-de-Lans)

Lennard Kämna gewinnt nach einem beeindruckenden Solo die 16. Etappe der Tour de France. Große Gefühle lässt er danach nicht zu, dabei ist der Sieg vor allem auch für sein Team Bora-hansgrohe Balsam.

An der 100-Meter-Marke blickte Lennard Kämna noch einmal zurück. Aber da war nur das rote Auto des Tourdirektors zu sehen, das ihn ins Ziel der 16. Etappe der Tour de France nach Villard-de-Lans begleitete. Der nächste Mann auf zwei Rädern war mehr als eine Minute hinter ihm. Aber erst 50 Meter später begann Kämna daran zu glauben, dass er sich tatsächlich auf dem Weg zum größten Erfolg seiner noch jungen Karriere befand. "Bis dahin habe ich weiter hart draufgetreten", erzählte Kämna.

Kein Lärm, kein Trubel, keine Aufregung

"Genial" nannte der 24 Jahre alte Bremer den Moment, als er schließlich als Etappensieger über den Zielstrich gerollt war. Die Arme erst ausgebreitet und dann den Zeigefinger der rechten Hand in der Luft schwenkend. Viel mehr Emotionen ließ Kämna danach nicht mehr erkennen. Eine Ursache für seinen nüchternen Umgang mit dem Erfolg mögen die besonderen Umstände der Tour de France in Zeiten der Corana-Pandemie gewesen sein, in denen sich die Radprofis mit ihren Teams in einer Blase befinden, um Infektionen zu vermeiden - was angesichts von 100 Prozent negativen Corona-Tests in der zweiten Testrunde während des Rennens am Sonntag und Montag als erfolgreich gelten darf.

16. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 15.09.2020 04:09 Min. Verfügbar bis 13.09.2021 Das Erste

Für große Gefühle taugt die Abschottung allerdings nicht. Statt in einer Traube von Kameraleuten und Fotografen landete Kämna im Ziel in den Armen eines Betreuers, umarmte den Pressesprecher seines Teams und formte mit den Fingern der linken Hand ein V für die einzige TV-Kamera, die sich in seiner Nähe aufhielt. Der Lärm, der Trubel, die Aufregung, die in normalen Zeiten rund um einen Etappensieger herrschen - all das blieb Kämna auch verwehrt, als er auf dem Podium geehrt wurde. Die wenigen Hundert Augenzeugen applaudierten freundlich und riefen vereinzelt "Bravo". Ein besonders emotionaler Augenblick war auch das nicht.

Etappensieg mit Ansage

"Ganz entspannt" sei die Stunde zwischen seiner Zielankunft und den letzten Interviews in der Mixed-Zone gewesen, sagte Kämna. So hat das vor ihm wohl noch kein deutscher Etappensieger bei der Tour de France wahrgenommen. Die Frage, ob sein nüchtern-abgeklärter Umgang mit dem Etappensieg mit seiner norddeutschen Mentalität zu erklären sei, beantwortete Kämna dann auch mit Blick auf seine kühlen, taktischen Überlegungen, die er auf dem 164 Kilometer langen Weg nach Villard-de-Lans angestellt hatte.

Kämna: "Bin auf der Kuppe dann voll gefahren" Sportschau 15.09.2020 00:52 Min. Verfügbar bis 13.09.2021 Das Erste

Es war ein Etappensieg mit Ansage. Schon am Ruhetag hatten sie bei Bora diesen Tag und die 18. Etappe am Donnerstag als mögliche Chancen für Kämna und seinen Teamkollegen Maximilian Schachmann ausgemacht. Beide waren dann auch mächtig aktiv gewesen, um in die Ausreißergruppe des Tages zu kommen. Am Ende waren es dann aber Kämna und Daniel Oss, die Bora-hansgrohe in der Fluchtgruppe vertraten.

In illustrer Gesellschaft

Oss ist eigentlich als Helfer für Peter Sagan und dessen Ambitionen auf das Grüne Trikot vorgesehen. Doch diesmal spannte sich der tempoharte Italiener in den Wind vor die große Ausreißergruppe, was bedeutete, dass Kämna Kräfte sparen konnte. "Daniel hat mir super geholfen", sagte Kämna. "Ich habe meine Beine geschont durch seine Arbeit."

Lennard Kämnas letzte Meter zum Sieg der 16. Etappe

Sportschau 15.09.2020 03:10 Min. Verfügbar bis 15.09.2021 ARD Von Sebastian Krause


Das kam ihm vor allem am letzten schweren Anstieg des Tages, dem Montée de Nizier-du-Moucherotte zugute, wo er dann auf sich alleine gestellt war und sich schließlich - als die Gruppe zum Quartett geschrumpft war - in illustrer Gesellschaft befand mit dem Franzosen Julian Alaphilippe, dem Schweizer Meister Sebastién Reichenbach und Richard Carapaz, dem Sieger des Giro d'Italia. Den Ecuadorianer vom Team Ineos Grenadiers schüttelte Kämna als letzten kurz vor dem Gipfel ab. Der Rest war Solo.

Balsam für das Team Bora-hansgrohe

"Klettern und Zeitfahren sind seine Stärken", sagte Teammanager Ralph Denk. Beide Qualitäten spielte Kämna dann auf den verbleibenden 20 Kilometern aus. Und sorgte damit dafür, dass auch sein gebeuteltes Team nun diese Tour de France doch noch als Erfolg werten kann. "Balsam" sei sein Sieg für Bora-hansgrohe, erklärte Kämna, nachdem sich erst die Gesamtwertungs-Ambitionen von Emanuel Buchmann in Luft aufgelöst hatten und sich Peter Sagan diesmal schwer tut, sein Abo auf das Grüne Trikot zu verlängern. Auch an einem Etappensieg war die Equipe knapp vorbeigeschrammt - allen voran Kämna selbst, der im Zentralmassiv auf der 13. Etappe auf Platz zwei einfuhr.

Nun aber hat ihnen Kämna diese Tour gerettet und noch einmal unterstrichen, dass er in der dritten Woche einer großen Rundfahrt noch einmal zulegen kann, was ihn zum Klassementfahrer der Zukunft macht. In Villard-de-Lans sah sich Kämna dazu veranlasst, zu erklären, dass seine Auszeit vom Radsport im Jahr 2018 keine grundsätzliche Krise gewesen sei. "Ich wollte immer Radsportler sein", sagte Kämna, "aber ich war mit meinem Kopf in den Wolken." Inzwischen aber sei er voll fokussiert. Dass er den Kopf noch einmal verliert, scheint ausgeschlossen. In Villard-de-Lans hat er das eindrucksvoll unterstrichen.

Stand: 15.09.2020, 20:21

Tour de France | 21. Etappe

Nameh
1.Sam Bennett2:53:32
2.Mads Pedersen+ 0
3.Peter Sagan+ 0
4.Alexander Kristoff+ 0
5.Elia Viviani+ 0
6.Wout van Aert+ 0
7.Caleb Ewan+ 0
8.Hugo Hofstetter+ 0
9.Bryan Coquard+ 0
10.Maximilian Walscheid+ 0
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