Craddock erlebt seine persönliche Tour der Leiden

Lawson Craddock

Amerikaner mit gebrochenem Schulterblatt aufs Pavé

Craddock erlebt seine persönliche Tour der Leiden

Von Michael Ostermann (Amiens)

Seit seinem Sturz auf der ersten Etappe der Tour de France fährt Lawson Craddock mit gebrochenem Schulterblatt durch Frankreich. Doch nun muss der Amerikaner das gefürchtete Kopfsteinpflaster bewältigen.

Kopfsteinpflaster! Wie harmlos sich das anhört. Was die Radprofis auf der neunten Etappe der Tour de France erwartet, ist damit jedenfalls nur unzureichend beschrieben. Das Pavé in Frankreichs Norden ist etwas anderes. Es ist eher so, als habe jemand Kopfsteine gewürfelt. 21,7 Kilometer der 156,5 Kilometer langen Etappe führen über diese "Straßen", die den Frühjahrsklassiker Paris-Roubaix prägen. Es ist der Tag, vor dem die Klassementfahrer Angst haben, weil sie hier die Tour verlieren können. Ein Sturz oder ein Defekt können hier fatale Folgen haben, weil sie im besten Fall Zeit kosten. Oder im schlechtesten die ganze Tour.

22 Kilometer Folter

Alle werden leiden. Doch einer ganz besonder: Lawson Craddock. In den vergangenen Tagen hat er versucht, keine Gedanken daran zu verschwenden, wie es ihm gehen wird auf den insgesamt 15 Abschnitten mit diesem gefürchteten Pflaster. “Es werden 22 Kilometer Folter", sagt er. "Aber wenn ich es schaffe, wer weiß, wie weit ich dann noch kommen kann." Wie alle anderen Fahrer will er nach Paris. Craddock gehört nicht zu den Favoriten. Doch diese eine Etappe entscheidet auch seine Tour.

Craddock ist auf der ersten Etappe am Samstag vor einer Woche (07.07.2018) schwer gestürzt. In der Verpflegungszone rollte er über eine heruntergefallene Trinkflasche und knallte auf den Asphalt. Mit blutverschmiertem Gesicht, war er in Fontenay-le-Comte ins Ziel gerollt. Aber die Wunde oberhalb der linken Augenbraue war nicht sein Hauptproblem. Was ihm wirklich Sorgen bereitete, war seine Schulter. Noch im Ziel wurde er geröngt. Die niederschmetternde Diagnose: gebrochenes Schulterblatt links.

In Tränen ausgebrochen

Für einen Radprofi ist das eine fatale Verletzung, denn die Schulter federt die Belastungen ab. Sich auf den Lenker zu stützen bedeutet unglaubliche Pein. Als Craddock die Etappe beendet hatte, wurde zunächst auch eine Gehirnerschütterung nicht ausgeschlossen. Und so brach er in Tränen aus - nicht wegen der Schmerzen, sondern wegen der Angst, die Tour de France schon nach einem Tag beenden zu müssen. "Ich habe so hart gearbeitet für..." Weiter kam er nicht, dann musste er sich von den Kameras wegdrehen.

Lawson Craddock

Doch am nächsten Tag stand Craddock wieder am Start. Keine Gehirnerschütterung, also weiter. "Wir sind eine andere Brut als Fußballer", sagte er noch. Seitdem quält er sich durch die Tage. Wenn das Rennen im Finale schnell wurde, zeigten ihn die TV-Kameras, wie er am Ende des Feldes zurückfiel. Am Trikot die Nummer 13, auf den Kopf gestellt, damit sie kein Unglück bringt. Die Hoffnung darauf, das Schicksal damit auszutricksen, war vergeblich. "Als ich die Nummer 13 bekam habe ich mir eingeredet, ich habe Glück", sagt er. "Aber als ich dann stürzte, habe ich sofort daran gedacht."

Mehr als eine Stunde Rückstand hat Craddock bereits auf das Gelbe Trikot. Im Gesamtklassement liegt er an letzter Stelle. Aus medizinischer Sicht, versichert sein Teamarzt Kevin Spouse, bestehe keine Risiko dabei, dass der 26-Jährige weiterfährt. "Wir zwingen ihn nicht, weiterzumachen", sagt Spouse. “Er will im Rennen bleiben, und es ist sicher für ihn, dabei zu sein. Lawson hat viel investiert für den Tourstart und will so lange weiterfahren, wie es geht."

"Noch nie so gelitten"

Im vergangenen Jahr war Craddock nicht in Frankreich dabei. Er verfolgte die Rundfahrt nicht einmal am Fernseher, weil er nach einem misslungenen Frühjahr und außer Form nicht einmal an Radrennen denken wollte. Für dieses Saison kehrte er zu seinem alten Trainer zurück. Beim Amstel Gold Race im Frühjahr fuhr er lange in der Spitzengruppe und biss sich fest, als die Favoriten im Finale ernst machten. Er wurde Neunter und erhielt die Nominierung zur Tour, die für ihn nun von Beginn an zu einer Tour der Leiden geworden ist.

"Ich habe jahrelang auf dem Rad gelitten, mein halbes Leben lang", sagt er. "Aber noch niemals so wie jetzt." Sein Team EF Education First ist Teil der MPCC. Als Mitglied dieser "Vereinigung für einen glaubwürdigen Radsport" wird dort auf medizinische Ausnahmegenehmigungen wie etwa Kortison verzichtet. Auch Opiate wie das Schmerzmittel Tramadol, das der Radsport-Weltverband UCI zur Saison 2019 generell verbieten wird, sind bei den Mannschaften der MPCC schon jetzt nicht erlaubt. Tylenol und Ibuprofen sind die Mittel, mit denen Craddock die Schmerzen lindert. Und dazu "eine Portion texanische Härte", wie er das nennt. Der Chiropraktiker des Teams hilft nach den Etappen ebenfalls.

Popularität genutzt

Craddock ist mit seiner Geschichte schon jetzt zu einem der Helden dieser Tour geworden, auch wenn er selbst sich nicht so nennen möchte. Aber der Sturz und sein Wille durchzuhalten haben ihn bekannter gemacht, als wenn er nur als "normaler" Helfer für seinen Kapitän Rigoberto Uran, den Gesamtzweiten der Tour de France 2017, unterwegs wäre. Craddock nutzt die unverhoffte Popularität für eine Spendenaktion für das Velodrom in seiner Heimatstadt Huston. Per Crowdfunding hatte er bis Samstagnachmittag bereits mehr als 76.000 US-Dollar für die beim Hurrikan Harvey im September 2017 überschwemmte Radrennbahn gesammelt.

Er selbst spendet für jede Etappe, die er bei der Tour beendet, 100 Dollar. Am Sonntag wird sich auf dem Kopfsteinpflaster auf dem Weg nach Roubauix entscheiden, ob Craddock auch in der zweiten Woche noch seinen Beitrag leisten kann.

Stand: 15.07.2018, 08:40

Etappenporträts

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