La Course: Große Bühne für den Frauenradsport

Marianne Vos

Rennen im Rahmen der Tour de France

La Course: Große Bühne für den Frauenradsport

Von Michael Ostermann (Pau)

Die Niederländerin Marianne Vos gewinnt das Frauenrennen La Course im Rahmen der Tour de France. Es ist eine große Bühne für den Frauenradsport, der sich weiter professionalisieren soll.

Amanda Sprat kämpfte verbissen. 500 Meter waren es noch bis ins Ziel in Pau. Hinter ihr jedoch jagten die Verfolgerinnen heran. "Ich habe bis zum Schluss daran geglaubt, dass ich es bis zur Ziellinie schaffen kann", sagte die Australierin, die sich 30 Kilometer zuvor abgesetzt hatte. Doch an der 400-Meter-Marke in einer steilen Passage war Sprat eingeholt. Es folgte eine unwiderstehliche Konterattacke von Marianne Vos, die kurz vor der Ziellinie sogar noch Zeit hatte, ihre Brille abzunehmen und die Arme auszubreiten.

Sechste Ausgabe von La Course

Die Niederländerin Vos ist ein großer Star des Frauenradsports. Drei Mal war sie schon Weltmeisterin und nun hat sie auch das Rennen La Course zum zweiten Mal nach 2014 gewonnen. "Das Rennen jetzt noch einmal zu gewinnen auf einer ganz anderen Strecke, ist ein ganz spezielles Gefühl", sagte Vos.

Zum sechsten Mal hat dieses Frauenrennen im Rahmen der Tour de France nun stattgefunden. 2014 und 2015 starteten die Frauen auf einem Rundkurs in Paris auf den Champs Élysées. Dann machte das Rennen einen Abstecher in die Berge und nun eben 121 Kilometer in Pau - ein mittelschwerer, hügeliger Rundkurs, der in großen Teilen über die Zeitfahrstrecke der Männer führte. "Es ist gut, dass sie jedes Jahr etwas anderes probieren", sagte die aktuelle Weltmeisterin Anna van der Breggen aus den Niederlanden. "Auch die Live-Übertragung ist gut für uns."

Der Frauenradsport führt ein Schattendasein. Das Rennen La Course im Rahmen der Tour de France ist eine große Bühne, die es sonst nicht gibt für die Fahrerinnen. "Das ist ein richtiger Schritt", findet Liane Lippert, eine von zwei deutschen Starterinnen in diesem Jahr. Im ersten Teil des Rennens gehörte sie zu einer Ausreißergruppe und verrichtete damit wichtige Arbeit für ihre Teamkollegin Leah Kirchmann, die am Ende Zweite wurde. "Natürlich wäre es schön, wenn wir eine eigene Tour de France hätten über mehrere Tage", sagt Lippert.

UCI will Frauenradsport stärken

Dafür gibt es keine Pläne, aber der Radsport-Weltverband UCI hat umfangreiche Veränderungen beschlossen, die den Frauenradsport weiter professionalisieren und so aus der Nische helfen sollen. Ab 2020 werden die Teams wie bei den Männern in World-Tour- und Pro-Continental-Mannschaften kategorisiert. Zwölf Teams sollen sich für die acht World-Tour-Lizenzen beworben haben.

Auch die Rennen werden ab der kommenden Saison neu klassifiziert. Elf Rennen weltweit erhalten den Status World-Tour-Rennen darunter auch La Course. Eine der Bedingungen dafür, dass ein Rennen den höchsten Status erhält, ist die Garantie einer 45-minütigen Live-Übertragung.

Mindestlohn ab 2020

Der wichtigste Schritt für die Fahrerinnen ist jedoch die Einführung eines Mindestlohns. Dieser soll ab 2020 bei 30.000 Euro pro Jahr liegen. Der gleiche Satz, der bei den Männern für die Pro-Continental-Teams gilt. Die World-Tour-Mannschaften müssen jedem Fahrer derzeit rund 38.000 Euro zahlen.

Für die meisten professionellen Radsportlerinnen verbessert sich die finanzielle Basis damit deutlich. UCI-Präsident David Lappartient stellte nach einer Studie des Weltverbandes zur Situation des Frauenradsports im vergangenen Jahr erstaunt fest, das zwei Drittel der Fahrerinnen lediglich knapp 10.000 Euro im Jahr verdienten. "Das ist für uns als Verband nicht akzeptabel", sagte Lappartient damals.

Für die Fahrerinnen ist der Mindestlohn ein Schritt nach vorne, doch es gibt auch Befürchtungen, dass nicht alle Mannschaften das Gehaltsniveau derart anheben können. "Wenn dadurch Teams verschwinden, ist das nicht gut für unseren Sport", sagte Weltmeisterin van der Breggen in Pau. "Der Mindestlohn darf nicht zu hoch sein."

Männer-Teams mit Frauenabteilung

Für Ronny Lauke, den sportlichen Leiter des deutschen Teams Canyon-SRAM, ist die Einführung des Mindestlohns dagegen ein wichtiger Schritt. "Um Qualität zu schaffen, muss es diesen Weg geben", meint er. Seine Mannschaft bezahle den meisten Fahrerinnen bereits einen fairen Lohn, nur den jüngeren nicht, denn die seien ja in einer Art Ausbildung.

Fünf der 21 Teams, die am Freitag (19.07.2019) in Pau bei La Course am Start waren, sind angebunden an Männerteams - unter anderem die Equipe von Liane Lippert, die für das Frauen Team Sunweb startet. "Die können natürlich Wissen abschöpfen und profitieren vom Material der Männer", sagt Lauke, dessen Team keine Männermannschaft im Rücken hat. Er selbst findet aber, dass das auch ein Vorteil sein kann. "Man ist flexibler, die Kommunikationswege sind kürzer, und alles ist etwas familiärer."

Aber genau diese familiären Strukturen sollen sich ja mit den Reformen verändern. Der Frauenradsport werde durch die Maßnahmen insgesamt professioneller, meint auch Eusebio Unzue. Der Spanier ist einer der erfahrensten Teammanager im Männerradsport. Auch seine Equipe Movistar unterhält ein Frauenteam. Unzue war am Freitag allerdings der einzige Teammanager, der seine Frauenabteilung im Ziel in Empfang nahm. Auch das ist bezeichnend.

Frauen bei der Tour de France? Sportschau 17.07.2019 02:32 Min. Verfügbar bis 17.07.2020 Das Erste

Stand: 19.07.2019, 16:33

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