Kittel sucht nach seinem Team und der Magie

Marcel Kittel vom Team Katusha

Katushas Sprints funktionieren nicht

Kittel sucht nach seinem Team und der Magie

Von Michael Ostermann (Amiens)

Es läuft nicht in den Sprints der Tour de France für Marcel Kittel. Sein Sprintzug funktioniert zu selten und auch er selbst ist nicht immer da, wo er sein müsste, um erfolgreich zu sein.

Kittel hatte es zunächst vorgezogen zu schweigen. Nach der siebten Etappe von Fougères nach Chartres hatte er kein Bedürfnis zu sagen, was schief gelaufen war. Und so verschwand er wortlos im Teambus. In der Ergebnisliste tauchte sein Name auf Platz 118 auf, zeitgleich mit dem Etappensieger Dylan Groenewegen. Für einen Sprinter bei einer Sprintetappe ist das ein Desaster. Und so übernahmen andere die Analyse des Scheiterns.

Der Zug findet nicht zusammen

Torsten Schmidt, der sportliche Leiter des Katusha-Teams, machte in erster Linie seinen Sprinter verantwortlich. Tony Martin, Nils Politt, Rick Zabel - das ist der Sprintzug, den sie für Kittel zusammengestellt haben bei dieser Tour. Die drei sollen Kittel in die richtige Position bringen, von der aus er dann seinen Schlusssprint starten kann. Zabel ist der letzte Mann, der Anfahrer. "Nur der Leader war nicht da", sagt Schmidt. "Und damit ist schon der ganze Punkt erfasst, dass der Leader nicht bei seinen Jungs ist."

Das ist ein Problem, das sich schon durch die gesamte Saison zieht. Der Sprinter und seine Vorbereiter kommen irgendwie nicht zusammen oder verlieren sich. Jetzt bei der Tour, wo die Sprints besonders hektisch sind und die Konkurrenz groß, ist das besonders fatal. Doch woran liegt das? Ist es Kittel oder sind es seine Helfer, die den Faden verlieren? "Wir sind immer so gefahren, dass es zu einem Sprint kommt und Marcel hatte immer auch auf den letzten Metern Unterstützung", sagt Schmidt.

Zabel in ungewohnter Rolle

Das deckt sich nur zum Teil mit den Fakten. Auf der ersten Etappe war Kittel auf den letzten drei Kilometern auf sich alleine gestellt und sprintete von weit hinten noch auf Rang drei. Einen Tag später wurde Kittel von einem Defekt knapp acht Kilometer vor dem Ziel ausgebremst. In Sarzeau, dem Zielort der vierten Etappe, war Zabel hinter seinem Sprinter und wollte vorbei, um Kittel nach vorne zu bringen. Er habe sich aber anders entschieden, erklärte Kittel danach.

Es fehlt dort offenbar Vertrauen. Zabel ist als Anfahrer allerdings auch nicht erste Wahl. Eigentlich hätte der Österreicher Marco Haller diesen Job übernehmen sollen. Doch der fehlt bei der Tour wegen einer Verletzung. Nun muss es eben Zabel richten. "Ich bin genauso nervös, als müsste ich selber sprinten", sagt er. "Ich will ja nicht der sein, der es versaut."

Freie Fahrt für den Anfahrer

Nach der siebten Etappe übermittelte das Team via Twitter ein Zitat von Zabel, in dem er behauptete, Kittel habe ihm freie Fahrt für den Sprint gegeben, weil er selbst so schlecht positioniert sei. Das alleine ist schon kurios. Der Sprinter sagt seinem Anfahrer, der dafür verantwortlich ist, ihn in Position zu fahren, er sei nicht richtig platziert. "Da muss die Mannschaft sich vorher finden, eine Einheit sein und sich nicht auf den letzten anderthalb, zwei Kilometern verlieren und er dann dem Anfahrer quasi viel Glück wünscht für den Sprint", sagt Schmidt.

Im ARD-Interview war sich Zabel dann am Abend auch schon gar nicht mehr so sicher, ob das Kommando tatsächlich auf freie Fahrt gelautet hatte. "Ich habe irgendwas gehört mit 'Rick go', aber das kann auch immer 'Rick no' heißen, dass ich warten soll", sagt Zabel. "Aber Tony Martin war noch neben mir, der hat sich umgedreht und schnell geschaltet, und gesagt: Pass auf, Marcel ist nicht da, mach du dein Ding."

Auf der Suche nach der Magie

Kittel bestätigte am Samstag (14.07.2018) vor dem Start der achten Etappe von Dreux nach Amiens, dass er Zabel am Vortag freie Fahrt gegeben habe. "Bei mir hat es irgendwie geklemmt", erklärt Kittel. An der Mannschaft habe es nicht gelegen. "Wir hatten den Platz, um vor zu fahren, aber dazu muss man auch die Beine haben." Doch ein Kommunikationsproblem scheint auch zu bestehen. Zumindest fordert der sportliche Leiter eine Verbesserung derselben. "Da fehlt mir ein bisschen die Manpower, die Kommunikation untereinander und die Aggressivität", sagt Schmidt.

Im vergangenen Jahr war Kittel bei der Tour der unangefochtene Sprintkönig. Egal aus welcher Position, er sprintete als Erster über die Ziellinie, oft aber brachte ihn sein Team, damals noch Quick Step Floors, auch an die richtige Stelle. "Dieses bisschen Magie, das manchmal den Unterschied zwischen Platz eins und drei ausmacht, habe ich in diesem Jahr noch nicht gefunden", sagt Kittel.

Deshalb aber wäre es umso wichtiger, dass auch bei Katusha Kittel verlässlich in Position gebracht wird. Das ist auch Zabel bewusst. "Im vergangen Jahr war er in der Form seines Lebens und die hat er in diesem Jahr nicht", sagt er. "Man muss darum den Sprint wirklich perfekt vorbereiten. Das hat noch nicht geklappt, muss man ehrlich sagen." Viele Chancen bleiben nun nicht mehr bei der Tour, um diese Perfektion zu erreichen.

Stand: 14.07.2018, 14:05

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