Team Jumbo-Visma: Neue Radsport-Großmacht mit Schrammen

Tom Dumoulin, Primoz Roglic, Sepp Kuss (v.l.n.r.)

Roglic und Dumoulin führen Equipe an

Team Jumbo-Visma: Neue Radsport-Großmacht mit Schrammen

Von Michael Ostermann (Nizza)

Noch vor zwei Wochen sah es so aus, als könnte die niederländische Equipe Jumbo-Visma die Dominanz des Teams Ineos bei der Tour de France brechen. Doch vor dem Start der Tour in Nizza hat die neue Radsport-Großmacht ein paar Schrammen zu pflegen.

Die ganze Sache mit der Blase hat ja auch seine Vorteile. Es lässt sich besser bluffen oder etwas verbergen. Die Radprofis und ihre Teams werden wegen Covid-19 weitgehend isoliert vom Rest des Tour-Trosses, um die Gefahr einer Infektion möglichst gering zu halten. Nur so ist der Grand Depart der Tour de France in Nizza überhaupt möglich.

Roglic in engem Bildausschnitt

Und deshalb werden nun eben auch die Pressekonferenzen, bei denen die Favoriten zu ihren Plänen für die anstehenden 21 Etappen befragt werden, per Videostream ins Pressezentrum im Nice Acropolis Convention Centre übertragen. Dort sitzen die Journalisten in gebührendem Abstand und mit Maske in einem Auditorium und können ihre Fragen an die Radprofis stellen. Einer nach dem anderen tritt dafür an ein Stehpult vor dem Bildschirm, auf dem die Akteure zu sehen sind.

Radsport-Volksfest mit Abstand - die Tour vor dem Start in Nizza

Sportschau 27.08.2020 02:17 Min. Verfügbar bis 27.08.2021 ARD Von Moritz Cassalette

Am Donnerstagmorgen (27.08.20) war das niederländische Team Jumbo-Visma an der Reihe. Der Bildausschnitt war so gewählt, dass man zunächst nur zwei Stühle zu Gesicht bekam, auf denen sich dann die beiden Topfahrer des Teams Primoz Roglic und Tom Dumoulin niederließen. Man hätte schon gerne etwas mehr gesehen, vor allem von Roglic. Wie bewegt er sich, wie sieht der Körper aus, gibt es Anzeichen dafür, dass er nicht ganz fit ist?

Wie geht es Roglic?

Das sind ja alles entscheidende Fragen. Der Slowene Roglic gilt neben dem Vorjahressieger Egan Bernal aus Kolumbien als der Topfavorit auf den Gesamtsieg bei dieser Tour de France. Seine Vorbereitung wurde allerdings durch einen schweren Sturz bei der Dauphiné-Rundfahrt zwei Wochen vor dem Tour-Start in Nizza erheblich durcheinandergebracht. Noch Anfang der Woche meldete die Lebensgefährtin des Slowenen, eine Volleyballerin, Zweifel an, ob ihr Primoz überhaupt werde starten können

Also, wie geht es ihm? Roglic entfloh der Frage nach seinem Gesundheitszustand am Donnerstag ähnlich gekonnt wie in den Wochen vor seinem Sturz der Konkurrenz im steilen Terrain. "Ich bin hier und werde am Start stehen. Das sind gute Nachrichten. Ich werde mein Bestes geben und sehen wie es läuft", fingerte der Slowene seine Antwort aus dem Floskel-Baukasten für Radprofis. Auch der sportliche Leiter des Teams, der deutsche Ex-Profi Grischa Niermann, ließ sich nichts Substanzielles entlocken. "Es sieht gut aus, er hat gut in der Höhe trainiert und jetzt ist er hier", erklärte er.

Dumoulin im Rhythmus

Es gehört im Radsport dazu, den Gegner im Ungewissen zu lassen, keine Schwäche zu offenbaren, Schmerzen zu verbergen. Für Jumbo-Visma gilt das so kurz vor dem Start der Tour ganz besonders. Die Niederländer sind angetreten, um die Übermacht der britischen Equipe Ineos zu brechen, die sieben der jüngsten acht Ausgaben der Tour de France gewonnen hat. Dafür haben sie dem ehemaligen Skispringer Roglic, der im vergangenen Jahr die Spanien-Rundfahrt gewann und beim Giro d'Italia als Gesamtdritter einfuhr, eine Mannschaft an die Seite gestellt, die Ineos mindestens auf Augenhöhe begegnen kann, zuletzt aber sogar einen besseren Eindruck hinterließ. Sie sind nun selbst eine Radsport-Großmacht.

Zu dieser gehört seit Beginn der wegen der Corona-Pandemie lange unterbrochenen Saison auch Tom Dumoulin, der Giro-Sieger von 2017 und Tourzweite von 2018. Dessen Form scheint rechtzeitig zum um zwei Monate verschobenen Start der Tour das nötige Level erreicht zu haben, nachdem auch er nach einem Sturz beim Giro im vergangenen Jahr eine lange Zeit keine Rennen fahren und erst nach der Corona-Zwangspause wieder Rennpraxis sammeln konnte. "Ich habe diese Rennen gebraucht, um in den Rhythmus zu kommen", sagte Dumoulin.

Mit Martin, ohne Kruijswijk

Den beiden Kapitänen stehen mit dem US-Amerikaner Sepp Kuss und dem Neuseeländer George Bennett zwei sehr gute Kletterer zur Seite. Auf der Ebene und auf den mittelschweren Etappen soll der viermalige Zeitfahrweltmeister Tony Martin als Road-Captain das Team aus Schwierigkeiten heraushalten. Und auch der Belgier Wout Van Aert, der seit dem Wiederbeginn der Saison Ende Juli einen Sieg nach dem anderen einfuhr, darunter beim Klassiker Mailand-Sanremo, versprach artig, sich als Helfer für die Mission Gelbes Trikot zu engagieren.

Fehlen wird dem Team allerdings Steven Kruijswijk, der Tourdritte von 2019. Auch er gehörte zu den Sturzopfern bei der Dauphiné, die er mit gebrochener Schulter aufgeben musste. Kruijswijk war ein wichtiger Baustein für die Teamstrategie. "Wir müssen unsere Taktik ein bisschen ändern, jetzt sind es Primoz und ich, die auf die Gesamtwertung fahren", sagte Dumoulin, dem das Gerede vom großen Zweikampf der Supermächte Ineos und Jumbo-Visma ohnehin nicht recht ist. "Es wird kein Kampf mit Ineos allein. Am Start stehen 20 Fahrer, die aufs Podium oder gewinnen wollen", sagte der Niederländer. "Wenn wir uns in der letzten Woche noch beide vorne befinden, müssen wir sehen, wie es weitergeht."

Erste Aufschlüsse darüber dürfte es schon am Sonntag geben. Auf der zweiten Etappe rund um Nizza gilt es, die ersten Berge zu bezwingen. Spätestens dann wird man sehen können, wie gut es Roglic tatsächlich geht. Die Blase bietet ihm dann zumindest in dieser Hinsicht keinen Schutz mehr.

Die Teampräsentation von Jumbo-Visma Sportschau 27.08.2020 04:30 Min. Verfügbar bis 27.08.2021 Das Erste

Stand: 27.08.2020, 15:25

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