David Lappartient: "Glaubwürdigkeit ist unbezahlbar, aber kostet viel"

David Lappartient

UCI-Präsident im Interview

David Lappartient: "Glaubwürdigkeit ist unbezahlbar, aber kostet viel"

UCI-Präsident David Lappartient im Interview über den Auftakt der Tour de France, die Schere zwischen armen und reichen Teams und den Anti-Doping-Kampf im Radsport.

Monsieur Lappartient, die Tour ist in diesem Jahr in Brüssel gestartet. Es war eine Hommage an Eddy Merckx. Welche Bedeutung hat Merckx für den Radsport?

David Lappartient: Er ist die Ikone, der größte Fahrer aller Zeiten. Ich bin sehr dankbar, dass die Tour de France seinen ersten Toursieg vor 50 Jahren und sein erstes Gelbes Trikot hier in Belgien gewürdigt hat. Eddy Merckx hat eine unglaubliche Palmares vorzuweisen, die niemand mehr erreichen kann.

In diesem Jahr fehlen einige Top-Stars. Allen voran Christopher Froome, der sich im Juni bei einem Sturz schwer verletzt hat. Wie wird das das Rennen beeinflussen?

Lappartient: Zunächst einmal wünsche ich Chris Froome alles Gute. Ich hoffe, er kann vollständig genesen zurückkommen. Aber paradoxerweise wird sein Fehlen das Rennen offener und attraktiver machen, deshalb ist es nicht einfach zu sagen, wer in diesem Jahr der Favorit auf den Gesamtsieg ist.

In den vergangenen Jahren hat das Team Sky die Tour de France dominiert. Es war teilweise schon ermüdend. Und in der World Tour gewinnen das ganze Jahr über fast immer dieselben Teams. Wie schlecht ist das für den Radsport? Und wie kann man das ändern?

Lappartient: Es ist richtig, dass wir uns wünschen, der Radsport wäre immer unvorhersehbar und wir immer absolute Spannung hätten. So wie bei den Klassikern, dem Giro d'Italia und der Vuelta. Aber bei der Tour ist der Druck so groß, dass alle Teams mit ihren besten Fahrern kommen. Und manche Teams haben mehr Geld als andere. Wir werden zwischen dem 10. und dem 16. Juli eine internationale Studie zur Attraktivität des Radsports durchführen. Daraus werden wir Vorschläge ableiten können, wie wir die Situation verbessern können, weil wir glauben, dass Emotionen und unvorhersehbare Ergebnisse natürlich attraktiver sind für die TV-Zuschauer und für die Zuschauer an der Strecke und damit auch für das ökonomische Fundament des Radsports. Das ist das Ziel der Studie und das ist es, was wir den verschiedenen Akteuren des Radsports beweisen wollen.

Aber es gibt derzeit eine Zwei-Klassengesellschaft. Einige Teams, u.a. mit viel Geld, die Siege einfahren. Und der Rest, der deutlich weniger gewinnt!

Lappartient: Es ist überraschend, dass auch die sieglosen Teams den Status Quo verteidigen und damit die siegreichen Teams unterstützen. Dabei wäre es besser für sie, Veränderungen zu unterstützen.

Die Reform der World Tour ist ein langer, zäher und komplizierter Prozess. Es gibt verschiedene Seiten: die UCI, die Renn-Veranstalter, die Teams, die Fahrer. Warum ist es so schwer, alle Seiten unter einen Hut zu bringen? Und welche Risiken für den Radsport stecken in all den persönlichen Interessen?

Lappartient: Im September vergangenen Jahres haben wir es geschafft, eine Reform des Profiradsports zu verabschieden, der Teams, Fahrer und Renn-Veranstalter einheitlich zugestimmt haben. Dabei ging es aber mehr um technische Aspekte als um ökonomische Regeln. Dass es so schwer ist, die wirtschaftlichen Regeln zu verändern, liegt am mangelnden Vertrauen zwischen den verschiedenen Akteuren des Radsports, zwischen den Renn-Veranstaltern untereinander, zwischen Rennveranstaltern und Teams und zwischen den Teams und der UCI. Meine Rolle als UCI-Präsident ist, gegenseitiges Vertrauen zu schaffen. Unser Sport ist ein Gigant im Bezug auf mediale Reichweite und Popularität, aber ein ökonomischer Zwerg. Der gesamte Männer-Radsport hat ein Budget von weniger als 700 Millionen Euro, das umfasst die Teams und die Rennorganisatoren. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir ein viel größeres Potenzial haben, aber wenn alle für sich arbeiten, werden wir es nicht schaffen. Ich kann nur sagen: Wir haben ein gemeinsames Schicksal, und zusammen würden wir mehr Geld einnehmen. Es ist nicht leicht, alle davon zu überzeugen. Ich habe mit allen Rennveranstaltern und den meisten Teams gesprochen und Schritt für Schritt wächst das Vertrauen. Ich glaube, wir werden es schaffen.

Der Radsport für alle und das E-Bike – das sind sehr ökologische Dinge und sehr gut für das Image. Auf der anderen Seite gibt es derzeit sehr umstrittene Sponsoren im Radsport. Ineos oder Total. Stichwort Fracking oder Plastikproduktion. Schaden diese Teams dem Radsport?

Lappartient: Es ist nicht die Aufgabe der UCI, einem Unternehmen zu erlauben oder zu verbieten, Sponsor im Radsport zu werden. Total beispielsweise durfte nicht Sponsor der Olympischen Spiele 2024 in Paris werden, aber Total entwickelt einen Zweig für erneuerbare Energien. Sie befinden sich in einem Übergangsprozess wie viele andere Firmen auch, weil sie keine andere Wahl haben. Aber das braucht seine Zeit. Was Fracking betrifft, das ist keine Sache der UCI, sondern der nationalen Regierung bzw. der Europäischen Union. Wir sind bereit, für erneuerbare Energien zu werben. Das Fahrrad ist ein wunderbares Fortbewegungsmittel und heute eine Art, zu leben. Vor 30 Jahren wurde man noch gefragt: Warum fährst du mit dem Fahrrad? Heute ist es eine individuelle Möglichkeit, den Planeten zu schützen.

Sie haben vor der Tour einen offenen Brief von verschiedenen Menschenrechtsorganistoren erhalten, in dem Sie aufgefordert wurden, dem Team Bahrain-Merida die Lizenz zu entziehen, wegen der Menschenrechtsverletzungen in Bahrain. Wie reagieren Sie darauf?

Lappartient: Das ist keine Option für uns. Die UCI fördert und verteidigt die Menschenrechte. Der Sport kann helfen, aber wir können nicht selektiv sein, weil wir meinen, dieses oder jenes Land achtet die Menschenrechte nicht, denn vielleicht liegen wir falsch. Wir müssen realistisch sein: Wenn unser Sport hilft, die Menschenrechte zu respektieren, werden wir uns dafür voll einsetzen.

Der Radsport wird immer noch mit Doping in Verbindung gebracht. Zuletzt hat die "Operation Aderlass" um den Arzt Mark S. in Erfurt auch wieder einige Radprofis als Doper enttarnt. Haben Sie Angst, dass der Skandal für den Radsport noch größer wird?

Lappartient: Zunächst einmal möchte ich der Polizei für ihre Arbeit danken. Das zeigt, dass eine enge Zusammenarbeit zwischen den internationalen Polizeibehörden und der CADF (unabhängige Anti-Doping-Stiftung des Radsports, Anm. der Red.) entscheidend ist. Wir müssen den gesamten Sport weiter säubern. Es hat ja mit dem Langlauf angefangen, und einige Radprofis waren auf der Liste. Ich weiß nicht, ob noch weitere Fahrer involviert sind, aber wir müssen den Radsport und den Sport generell weiter säubern. Jeder Athlet muss wissen, dass er früher oder später erwischt wird. Für mich ist der Radsport heute der Anti-Doping-Sport. Aber natürlich haben wir noch viel Arbeit vor uns. Es ist noch nicht vorbei.

Die UCI macht viel gegen das Motor-Doping. Aber wo stehen wir im Kampf gegen das herkömmliche Doping? Der Blutpass z.B. ist schon zehn Jahre alt und müsste dringend reformiert werden. Macht die UCI wirklich genug im Kampf gegen Doping?

Lappartient: Die UCI führt diesen Kampf an. Zum Beispiel werden ein Drittel der gesamten Blutpass-Kontrollen im Radsport durchgeführt. Wir haben mit Hilfe des biologischen Passes bereits 25 Fahrer überführt. Fahrer wurden gesperrt oder bestraft. Zuletzt wurde Juan Jose Cobo, der Gewinner der Vuelta 2011, disqualifiziert wegen seines biologischen Passes. Das ist vermutlich nicht genug, aber es ist ein gutes Mittel, jemanden gezielt ins Visier zu nehmen. Die UCI und die Radsport-Welt geben pro Jahr zehn Millionen Euro für den Anti-Doping-Kampf aus, viel mehr als andere Sportverbände. Das ist mehr als 20 Prozent des gesamten Budgets der UCI. Glaubwürdigkeit ist unbezahlbar, aber sie kostet viel.

Die Fragen stellte Steffen Gaa

Stand: 08.07.2019, 12:49

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