Tour de France: Gefährliche Begeisterung

Das Fahrerfeld fährt bei der Tour de France durch ein Spalier von Fans

Zuschauer als Sicherheitsrisiko

Tour de France: Gefährliche Begeisterung

Von Michael Ostermann (Nimes)

Nirgendwo kommen die Fans Sportlern so nahe wie bei Radrennen. Doch diese Nähe ist für die Fahrer oft gefährlich. Die Tourorganisatoren fordern von den Zuschauern mit einer Kampagne Respekt vor den Profis. Doch auch in diesem Jahr wurde es schon brenzlig.

Natürlich ist Peter Sagan die Ausnahme: Wenn ein enthusiastischer Fan am Berg neben ihm her rennt und ihm Sagans Autobiographie unter die Nase hält, fühlt der Radsport-Punk sich nicht gestört. Stattdessen signiert er das Buch wie selbstverständlich während der Fahrt. Im Netz geht das Video von der privaten Autogrammstunde an einem Anstieg in den Pyrenäen dann schnell viral. Sagan wird gefeiert.

"Fürchterlich nervig"

Aber ob seine Kollegen diese Art von Entertainment während einer Tour-de-France-Etappe ebenfalls goutieren, ist fraglich. Die meisten Radprofis haben es eher nicht so gerne, wenn die Fans ihnen zu nahe kommen. "Wenn du bei 180 Puls bist, ist es fürchterlich nervig, wenn einer neben dir her rennt, vor allem wenn es steil ist und der noch schneller rennt als du", sagt Marcus Burghardt, Sagans Teamkollege beim Team Bora-hansgrohe. "Das lenkt wahnsinnig ab und ist auch gefährlich."

Diese Gefahr kann das Tour-Aus bedeuten. Im vergangenen Jahr kollidierte Vincenzo Nibali auf dem Weg nach Alpe d'Huez mit einem auf der Strecke stehenden Fan. Der Italiener, einer der Favoriten auf den Gesamtsieg, musste das Rennen mit einem Wirbelbruch beenden. "Jemand wie Nibali bereitet sich das ganze Jahr vor, geht ins Höhentrainingslager, ist fast nie zu Hause, kommt zur Tour, ist gut drauf und wird dann von einem umgerissen, weil der ein Idiot ist und nicht aufpasst", empört sich der deutsche Radprofi Simon Geschke noch heute.

Gegen das Smartphone mit Tempo 70

Bei dieser Tour hat es bislang zum Glück noch keine gravierenden, von Zuschauern am Streckenrand verursachten Unfälle gegeben. Aber schon eine sichtbar brenzlige Situation: Im Sprintfinale der 11. Etappe hielt eine Zuschauerin ihr Smartphone so weit über die Barriere hinaus, dass der Italiener Niccolò Bonifazio bei Tempo 70 mit der Schulter dagegen fuhr. Bonifazio kam durch bis ins Ziel, der einzige Schaden war in diesem Fall ein kaputtes Smartphone.

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"Zum Glück sieht man nicht alles", sagt Marcus Burghardt. Das heißt jedoch nicht, dass solche Vorfälle die Ausnahme sind. Wenn man etwa Tony Martin fragt, wie oft er bei der Tour in diesem Jahr schon brenzlige Situationen mit Zuschauern erlebt habe, lautet die Antwort: "Jeden Tag." Vor allem die Selfiekultur sorgt für neue Gefahren. "Ich denke, dass jetzt immer mehr Leute versuchen, neben uns herzulaufen, weil sie denken, dass sie so Social-Media-Star werden. Das hat zugenommen", sagt Burghardt, der seine elfte Tour bestreitet.

ASO fordert Respekt vor den Fahrern

Die Nähe des Publikums zum Geschehen hebt den Radsport von anderen Sportarten ab. Dabei vermittelt sich den Fans das Rennen nur für einen kurzen Moment. Den Wettkampf ganz überblicken können sie nur über die mediale Vermittlung mit Hilfe der TV-Bilder. Dennoch harren die Zuschauer stundenlang am Streckenrand aus, um die Radprofis vorbeifahren zu sehen. In der Ebene sehen sie das Peloton dann nur für Sekunden. Doch dafür sind sie unmittelbar dran am Geschehen.

Der Tourveranstalter ASO versucht schon seit längerem darauf hinzuwirken, dass die Fans am Straßenrand bei aller Begeisterung nicht vergessen, dass die Gefahr für die Radprofis enorm groß ist, wenn das Publikum nicht aufpasst oder sich selbst in Szene setzt. "STOP - Respectez les coureurs" - "Respektiert die Fahrer" heißt die Aufklärungs-Kampagne der ASO. In TV-Spots und Social-Media-Clips werden die Fans aufgefordert, nicht neben den Fahrern herzulaufen, sie nicht anzuschieben, sich nicht auf die Strecke zu stellen und keine Pyrotechnik abzubrennen.

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Vom Campingplatz an die Strecke

Es geht wohl nur über solche Appelle. Denn eine 200 Kilometer lange Etappe komplett mit Barrieren zu versehen, ist logistisch nicht möglich. Tourdirektor Christian Prudhomme ist sicher, dass die Kampagne Wirkung zeigt. "Für den Moment ist es gut. Am Tourmalet zum Beispiel waren Menschenmassen, die respektvoll mit den Fahrern umgegangen sind", sagt er. "Wir müssen das fortsetzen, denn für die Tour ist das essenziell."

Die Tour de France ist weit mehr als nur ein Radrennen. Sie ist ein kulturelles Event, das auch Menschen anlockt, die sonst mit Radsport nicht viel am Hut haben. Während bei den kleineren Radrennen vor allem jene am Streckenrand stehen, die wissen, was passiert. "Bei der Tour sind es halt viele Leute, die sagen, Tour de France habe ich schon mal gesehen, da gehen wir jetzt mal hin. Wir sind ja hier nur zwei Campingplätze weiter, das gucken wir uns mal an", glaubt Simon Geschke.

Campingstühle und Kühlboxen

Auf Flachetappen ist die Gefahr für die Sicherheit der Fahrer dabei oft größer als in den Bergen, wo ein Zuschauer auch einmal vom Rad aus weggeschubst werden kann, weil das Tempo geringer ist. Die Geschwindigkeit eines heranjagenden Feldes im Flachen richtig einzuschätzen, ist dagegen schwierig. Und selbst wenn die Zuschauer noch rechtzeitig nach hinten springen, ist das oft nicht genug. "Da gibt es so viele Gefahrensituationen mit Kühlboxen, Campingstühlen. Man kann sich nicht 100 Prozent schützen", sagt Marcus Burghardt.

Die Fahrer sind darum eher skeptisch, ob die Kampagne der ASO wirklich hilft, ihre Sicherheit zu erhöhen. "Ich sehe immer noch die Leute am Straßenrand, die sich profilieren müssen, die neben uns her rennen, die ihren nackten Arsch zeigen müssen, Selfies machen und halb auf der Straße dabei stehen", sagt Tony Martin. "Das sind Ausnahmefälle, die wirst du auch trotz Aufforderung nicht wegkriegen. Das gehört wahrscheinlich zur Tour dazu und da kann keine Sicherheitsinitative der Welt etwas dran ändern."

Stand: 23.07.2019, 09:46

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