Expertenrunde Tour de France: Kommt die Tour bis Paris?

Egan Bernal aus Kolumbien vom Team Ineos fährt während der Team-Präsentation auf seinem Rad

Expertenrunde Tour de France

Expertenrunde Tour de France: Kommt die Tour bis Paris?

Teil 4/4 - Kommt die Tour bis Paris?

Kommt die Tour bis Paris?

Florian Naß (ARD-TV-Kommentator): Das wird abhängig sein von der weiteren Entwicklung der Fallzahlen. Sollten die Anordnungen für Paris, die gerade erst verschärft wurden, nochmals erweitert werden, dann ist sicher mal ein Punkt erreicht, an dem man sagen muss: Speziell die letzte Etappe, so sinnbildlich sie auch sein mag, findet nicht mehr statt. Ich glaube aber, dass die Tour die dritte Woche erleben wird.

Fabian Wegmann (Ex-Radprofi und ARD-Experte): Ob die Tour wirklich in Paris ankommt, liegt nicht allein an den Fahrern und den Organisatoren. Die Maßnahmen im engeren Kreis der Tour sind wirklich sehr gut, es halten sich auch alle sehr strikt daran. Aber was wir jetzt gesehen haben, auch hier vor Ort, die Menschen drumherum halten sich nicht wirklich dran. Zumindest nicht alle. Und wenn man da mal in ein Café geht und sieht, wie die Leute sich umarmen, dann schauert es einen schon ab und zu mal. Ich glaube nicht, dass das Problem die Tour sein wird, sondern die Menschen drumherum bzw. das Land. Die müssen das in den Griff kriegen. Wenn es außer Kontrolle gerät, dann wird es wieder einen Lockdown geben, und dann wird es auch keine Tour geben, die in Paris ankommt. 

Das Peleton in Paris auf der Champs-Elysees

Holger Gerska (ARD-Hörfunk-Kommentator): Der klassische Blick in die Glaskugel. Ich gehe davon aus, dass die Zahlen der täglichen Neuinfektionen nicht weiter so steigen können wie in den letzten Tagen. Denn dann ist dieses Symbol Tour de France irgendwann auch für Frankreich mal kontraproduktiv, weil man natürlich auch der Bevölkerung gegenüber falsche Signale setzt. Wenn man sich aber umschaut hier in Frankreich und sieht, wie das Leben auch in so genannten Gebieten abläuft, die man hier als 'rouge' (rot) bezeichnet, wie in Nizza, dann gibt es natürlich noch einmal ganz andere Stellschrauben in Frankreich als jetzt eine Tour de France mit Masken und mit Blasen und so weiter. So gesehen hoffe ich mal, dass Frankreich tatsächlich die eigene Bevölkerung bald animiert, sich an die normalen Regeln zu halten, und zwar komplett. Dann droht auch der Tour de France keine Gefahr.

Michael Ostermann (Tour-Reporter für sportschau.de): Ich bin da eher skeptisch. In drei Wochen kann in Sachen Pandemie viel passieren. Die Entwicklung hat ja eine ungeheure Dynamik. Vieles wird davon abhängen, ob die Tour de France einen messbaren Corona-Effekt hinter sich herzieht in den Regionen, durch die sie kommt. Das wird sich erst mit ein paar Tagen Verzögerung feststellen lassen, aber wenn es Hinweise darauf gibt, dass die Zahl der Neuinfektionen im Zusammenhang mit dem Rennen steht, könnten die französischen Behörden die Sache beenden. Andererseits hat Frankreich insgesamt ein großes Interesse daran, dass die Sache funktioniert. Denn die Tour - immer schon mehr als ein Radrennen - wäre dann auch das ersehnte Symbol der Hoffnung auf Normalität.

red | Stand: 28.08.2020, 15:09

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