Expertenrunde - Machen Roglic und Pogacar die Tour de France jetzt unter sich aus?

Primoz Roglic (hinten) und Tadej Pogacar

Expertenrunde Tour de France

Expertenrunde - Machen Roglic und Pogacar die Tour de France jetzt unter sich aus?

Die Tour de France legt ihren zweiten Ruhetag ein. Kann noch jemand dem slowenischen Duo an der Spitze gefährlich werden? Und was können die deutschen Radprofis noch erreichen? Die ARD-Experten Florian Naß, Fabian Wegmann, Holger Gerska und Michael Ostermann geben ihre Einschätzung ab.

Machen Primoz Roglic und Tadej Pogacar die Tour de France jetzt unter sich aus?

Florian Naß (ARD-TV-Kommentator):

Florian Naß

Primoz Roglic wird aus meiner Sicht die Tour gewinnen. Selbst wenn Tadej Pogacar in den kommenden Tagen den Rückstand verkürzen sollte, macht Roglic dann im Zeitfahren alles klar. Er hat zudem die mit Abstand beste Mannschaft hinter sich. Pogacar war aber der beste Einzelkämpfer, ohne den Rückstand auf der Lavaur-Etappe hätte auch er Toursieger werden können. Uran bleibt für mich auf drei.

Fabian Wegmann (Ex-Radprofi und ARD-Experte):

Fabian Wegmann

So wie es momentan aussieht, wird Primoz Roglic die Tour de France gewinnen. Er macht einen sehr souveränen Eindruck. Und vor allen Dingen: Auch sein Team ist mit Abstand das stärkste. Der einzige, der ihm wirklich Paroli bieten kann, ist Tadej Pogacar, aber er hat nicht das Team, darum kann er keine lange Flucht vorbereiten oder Jumbo-Visma unter Druck setzen. Er kann es immer erst im Finale versuchen, und kann Roglic da vielleicht immer ein paar Sekündchen abnehmen. Aber ich glaube nicht, dass das am Ende reichen wird. Er war auch ein sehr guter Zeitfahrer, beim Abschlusszeitfahren nach La Planche des Belles Filles schätze ich Roglic aber einfach besser ein. Auf den nächsten Plätzen ist alles sehr knapp: Uran, Lopes, Yates und Porte trennen nur knapp 40 Sekunden voneinander. Vorne werden sie nicht mehr eingreifen können. Sie sind nicht so stark wie die zwei da vorne. Sie können sich aber noch untereinander gefährlich werden. Ich setze aber trotzdem auf Uran. Der Kolumbianer macht einen sehr guten Eindruck, ist immer vorne mit dabei. Darum setze ich ihn jetzt mal auf Platz drei.

Holger Gerska (ARD-Hörfunk-Kommentator):

Holger Gerska

Alles andere würde mich komplett überraschen. Schließlich waren beide an jenem Tag, an dem es drauf ankam, vor der Konkurrenz. Wenn man sich nochmal in Erinnerung ruft, dass Pogacar schon fast anderthalb Minuten im Wind verloren hatte, dann sieht es nochmal ganz anders aus. Die Konkurrenz wird sich traditionell auf den Kampf um die Plätze dahinter konzentrieren. Platz drei ist ein großer Erfolg für alle, die dahinter lauern. Die werden kein Risiko eingehen, um die Slowenen zu attackieren und damit dann selbst den dritten Platz zu gefährden. Aktuell, würde ich sagen, ist es Lopez aus dem Astana-Team, der sich den dritten Podiumsplatz holen wird. Aber wenn die großen Berge weiter so gefahren werden von Jumbo-Visma, halte ich es nicht einmal für komplett ausgeschlossen, dass Tom Dumoulin noch so weit nach vorne kommt, auch mit Hilfe des Zeitfahrens am vorletzten Tag.

Michael Ostermann (Tour-Reporter für sportschau.de):

Michael Ostermann

Nein, Roglic und Pogacar sind den anderen Konkurrenten deutlich überlegen, vor allem in puncto Exploisivität. Wenn Sie attackieren, kommen die anderen nicht hinterher. Roglic bleibt der erste Anwärter auf Gelb - sein überlegenes Team und seine Qualitäten im Zeitfahren sollten dafür sorgen, dass er das Trikot nach Paris tragen kann. Pogacars Chance wäre eine frühe Attacke, doch das wird Jumbo-Visma mit seinem hohen Tempo in den Anstiegen unmöglich machen. Und so wird sich Pogacar höchstens noch ein paar Sekündchen hier und da - plus ein paar Zeitgutschriften holen. Aber das wird nicht reichen. Mein Tipp für Rang drei: Richie Porte. Er macht auf den verbleibenden Bergetappen Boden gut und verteidigt den Vorsprung im Zeitfahren nach La Planche des Belles Filles.

Alle haben gedacht, dass das Team Ineos Grenadiers um Vorjahressieger Egan Bernal in der dritten Woche dagegenhält. Warum hat das nicht fuktioniert?

Florian Naß (ARD-TV-Kommentator):

Eigentlich ist diese Niederlage nicht zu erklären. Die Tour war das einzige klare Ziel, trainingswissenschaftlich lange planbar. Und genau da beginnt das schwer Erklärbare. Ein Team, das ein Jahrzehnt lang immer auf den Punkt und zu 100 Prozent fit war, fällt auseinander. Denn es war ja nicht nur Bernal, der hier verloren hat. Christopher Froome und Geraint Thomas waren nicht in der Verfassung, um überhaupt nominiert zu werden. Das System Ineos/Sky hat erstmals versagt.

Fabian Wegmann (Ex-Radprofi und ARD-Experte):

Wir haben seit Beginn der Tour gesehen, dass sich Ineos Grenadiers immer zurückgehalten haben. Sie haben nie das Zepter in die Hand genommen, denke ich, weil Sie genau wussten, dass sie nicht Top-Verfassung sind und ziemlich schnell gemerkt haben, dass Jumbo-Visma stärker ist. Das haben Sie jetzt gestern auch gemerkt. Ich weiß nicht, was sie jetzt noch vorhaben in der letzten Tourwoche. Bernal kann es vielleicht nochmal probieren, aber wir haben es gesehen: Er ist im Moment dazu einfach nicht in der Lage. Und ob sie ihn fahren lassen, ist noch mal eine ganz andere Frage. Es ist einfach alles ziemlich schiefgelaufen.

Holger Gerska (ARD-Hörfunk-Kommentator):

Ich hatte ja bis zuletzt an Bernal und Ineos geglaubt, dass es wieder so läuft wie immer, dass sie in den letzten Wochen am besten in Form kommen. Da lag ich komplett daneben. Ich weiß nicht, ob man bei Ineos auch schon das Gefühl hatte während der vergangenen zwei Wochen, dass hier so wenig geht, dass die Mannschaft so drauf ist, wie sie drauf ist, nämlich nicht konkurrenzfähig. Bernal ist zum ersten Mal Tour-Sieger geworden im vergangenen Jahr, war dann ja das gesamte Frühjahr über zu Hause. Da gibt es dann natürlich auch ein paar süße Verführungen und Einladungen und so weiter. Damit muss ein 23-Jähriger erst einmal umgehen können. Und trotzdem wirkt es so, als hätte Teamchef David Brailsford die Lage nicht mehr so im Griff. Christopher Froome, Geraint Thomas und Bernal wussten seit Monaten, wann die Tour stattfindet, dass sie dort in Form sein müssen, und haben es nicht geschafft. Alle drei nicht. Vielleicht ist auch der Tod des Sportdirektors Nicolas Portal, der im März an einem Herzinfarkt starb, ein kleines Mosaikstück. Vielleicht fehlt er mehr, als wir glauben.

Michael Ostermann (Tour-Reporter für sportschau.de):

Die Mannschaft ist einfach nicht in Form. Und das ist vielleicht die größte Überraschung dieser Tour de France. Bei Ineos Grenadiers werden sie eine sehr eingehende Analyse vornehmen müssen, was da schiefgelaufen ist. Ausgerechnet das Team, das sich immer auf die Fahnen geschrieben hat, wissenschaftlich genau jedes Detail vorzubereiten und nichts dem Zufall zu überlassen, ist komplett in seine Einzelteile zerfallen. Kapitän Egan Bernal hatte nicht die Form, sein Team war meist schon früh in Unterzahl. Durch den überraschenden Tod des sportlichen Leiters Nicolas Portal und den Abgang des Trainers Rob Ellingworth zum Team Bahrain-McLaren ist offenbar mehr Substanz verloren gegangen als gedacht. Vielleicht war es auch ein Fehler, auf die Erfahrung eines Christopher Froome und eines Geraint Thomas zu verzichten. Auch wenn beide vor der Tour ebenfalls nicht in Form waren.

Tour de France - Freud und Frust auf dem Grand Colombier Morgenmagazin 14.09.2020 01:31 Min. Verfügbar bis 14.09.2021 Das Erste

Was können wir in den kommenden Tagen noch von den deutschen Radprofis erwarten?

Florian Naß (ARD-TV-Kommentator):

Ich trenne mal zwischen Hoffnung und Erwartung. Die Attacken von Lennard Kämna , Maximilian Schachmann und Simon Geschke waren auch ohne Etappensieg beeindruckend, und ich würde es allen anderen wünschen, sich ähnlich zeigen zu können. Persönlich erwarte ich aber nicht unbedingt einen Etappensieg. Und das liegt eben auch an der Leistung von Jumbo-Visma, die das Feld zusammen halten. Vielleicht taugt die morgige Etappe nach Villard-de-Lans zu einer Hoffnung - Kämna und Schachmann haben die Form.

Fabian Wegmann (Ex-Radprofi und ARD-Experte):

Die nächsten Tage werden richtig hart und ich kann mir schon vorstellen, dass die Deutschen dann noch eine Rolle spielen werden. Allen voran Lennard Kämna, der wirklich sehr beeindruckt hat in den letzten Tagen. Aber auch Simon Geschke, der immer wieder in einer Fluchtgruppe vertreten war. Gerade die Etappe am Dienstag nach Villard de Lans ist prädestiniert für Ausreißer. Auch Maximilian Schachmann könnte ich mir da gut vorstellen in der Spitzengruppe. Am Ende gibt es einen langen Anstieg, danach Flachstück und dann geht es nur noch anderthalb Kilometer bergauf. Da kann er seine Stärke ausspielen. Da können wir was von ihm erwarten. Natürlich auch von Roger Kluge, der sich vielleicht auf den Champs-Élysées nochmal in Szene setzen könnte. Ich glaube, die Deutschen zeigen sich gut. Ich drücke die Daumen, dass sie noch eine Etappe gewinnen. Meines Erachtens fahren sie ein ganz tolles Rennen hier.

Holger Gerska (ARD-Hörfunk-Kommentator):

Tja, eine Menge: Tony Martin wird seinen gefühlt Tausendsten Kilometer an der Spitze des Feldes anpeilen - wenn es so weiterläuft mit Primoz Roglic im Gelben Trikot. Roger Kluge wird Caleb Ewan in Paris zum Etappensieg verhelfen. Simon Geschke wird es wieder in einer Ausreißergruppe versuchen, und bei Bora-hansgrohe werden sie wahrscheinlich die Etappen unter ihren Kletterern aufteilen. Maximilian Schachmann vielleicht am Dienstag, Lennard Kämna am Donnerstag, Emanuel Buchmann, wenn er wieder gesund ist, am Mittwoch, so würde es zumindest in der Theorie passen. Und am Freitag werden Sie dann in einer Verzweiflungstat nochmal versuchen, Peter Sagan seine Chance auf Grün zu retten.

Michael Ostermann (Tour-Reporter für sportschau.de):

Ich glaube, dass sich die deutschen Fahrer noch ein paar Mal in Szene setzen werden. Allen voran Lennard Kämna, der nicht nur stark, sondern auch mutig agiert hat in der zweiten Tourwoche. Die Etappen am Dienstag und am Donnerstag könnten etwas für ihn sein. Auch Maximilian Schachmann und Simon Geschke werden sich sicher nochmal zeigen. Roger Kluge wird sich weiter für Caleb Ewan aufopfern, Tony Martin für Primoz Roglic. Überhaupt gilt es mal ein Loblied auf die Helfer zu singen, deren Leistungen oft nicht im Bild zu sehen sind. Außerdem würde ich André Greipel wünschen, dass er noch einmal bei einem Sprint ganz weit vorne landen kann - aber das ist wohl eher unrealistisch.

15. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 13.09.2020 03:20 Min. Verfügbar bis 13.09.2021 Das Erste

red | Stand: 14.09.2020, 12:34

Tour de France | Gesamt

Nameh
1.Tadej Pogacar87:20:05
2.Primoz Roglic+ 59
3.Richie Porte+ 3:30
4.Mikel Landa Meana+ 5:58
5.Enric Mas Nicolau+ 6:07
6.Miguel Angel Lopez Moreno+ 6:47
7.Tom Dumoulin+ 7:48
8.Rigoberto Uran Uran+ 8:02
9.Adam Yates+ 9:25
10.Damiano Caruso+ 14:03
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